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18.08.2014

06:00 Uhr

„Gerührt, geschluckt, gesättigt“

Können wir künftig auf konventionelle Nahrung verzichten?

Das Essen soll gesund sein, umweltweltfreundlich erzeugt werden, und bitteschön auch noch schnell gehen. Ein US-Amerikaner hat das Prinzip auf die Spitze getrieben und eine Flüssignahrung entwickelt.

Mittagspause bald überflüssig? Der US-Amerikaner Rob Rhinehart will sich nicht stundenlang mit seiner Ernährung auseinandersetzen und setzt auf Flüssignahrung. dpa

Mittagspause bald überflüssig? Der US-Amerikaner Rob Rhinehart will sich nicht stundenlang mit seiner Ernährung auseinandersetzen und setzt auf Flüssignahrung.

Die täglichen Fragen „Was esse ich heute?“, „Was kaufe ich ein?“ „ Was koche ich?“ sind für viele Menschen schon immer mehr mit Mühe als mit Lust verbunden. Da verwundert es nicht, dass Fast-Food sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Und seit eine gesunde und umweltverträglich erzeugte Nahrung die Praxis der Kalorienzufuhr für viele Menschen bestimmt, ersetzen vegetarische Schnellgerichte immer öfter den klassischen Burger.

Die jüngste und schnellste Variante des Fast-Food ist jedoch der Smoothie. Und dieses Prinzip des „gerührt, geschluckt, gesättigt“ hat der US-Amerikaner Rob Rhinehart jetzt auf die Spitze getrieben. Er wollte sich von der tagtäglich wiederkehrenden Mühsal der Entscheidungen und Tätigkeiten rund um die Nahrungsaufnahme befreien und erfand Soylent – eine Flüssignahrung, die alles enthält, was der menschliche Organismus benötigt um gesund und leistungsfähig zu bleiben.

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Er habe keine Lust, sich stundenlang mit seiner Ernährung auseinanderzusetzen, begründete Rhinehart im Gespräch mit dem amerikanischen Magazin The Atlantic seine Idee. Jeden Tag die richtige Anzahl an Kalorien zu sich zu nehmen und sich dabei gesund zu ernähren, sei ein Full-Time-Job. Und er möchte Essen schließlich nicht als Belastung verstehen.

Und so benötigt Rhinehart, seit er Soylent erfand, nur noch wenige Minuten am Tag für die Nahrungsaufnahme. Eine bestimmte Menge seines weißen Pulvers mit ein wenig Öl und Wasser vermengt, ist alles, was der Software-Entwickler dreimal täglich zu sich nimmt. Während mit Flüssignahrung bisher Babys, Bodybuilder oder Astronauten in Verbindung gebracht wurden, richtet sich Rhineharts Zaubertrank den jeden gewöhnlichen Erwachsenen. Seine Mixtur, die er übers Internet vertreibt, soll alle Nährstoffe und Vitamine enthalten, die der menschliche Organismus für eine gesunde Ernährung benötigt. Bei der Zusammenstellung, so Rhinehart, habe er sich an die Empfehlungen der amerikanischen Lebensmittel- und Arzneizulassungsbehörde gehalten.

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Alles in Maßen

Hilft Schokolade beim Abnehmen oder macht sie dick? So richtig geklärt ist die Wirkung des süßen Stoffes bis heute nicht. Aber es gilt: Alles ist erlaubt, wenn es nur in Maßen genossen wird - das gilt sowohl für schlanke als auch für etwas kräftigere Menschen.

Ohne Abendessen ins Bett

Es ist ein Irrglaube, dass nur dickere Menschen durch Fette krank werden: Man kann auch innerlich verfetten. Dann sammelt sich das Fett in Körperregionen, die für das Auge unsichtbar bleiben. Die Folge: Herz und Leber etwa umgibt Fett und das kann zu Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen führen. Um Abzunehmen, hilft es im Übrigen nicht, das Abendessen ausfallen zu lassen. Das führt eher zu noch mehr Heißhunger, vor allem in der Nacht.

Ausgewogene Ernährung

Eine ausgewogene Ernährung mit Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten tut dem Körper am besten - dann entstehen auch keine Fettpolster. Denn auch Menschen mit einem normalen Körper-Masse-Index verstecken Fett in ihrem Körper. Denn sie ernähren sich teilweise zu fettig oder zu süß, bewegen sich dabei auch noch zu wenig. Gleichzeitig essen sie aber nicht genug, um übergewichtig zu werden.

Dicker und gesünder

Länger schon ist bekannt, das dicke aktive Menschen oft gesünder sind als die dünnen, aber wenig aktiven Menschen. Das zeigt sich vor allem im Sterblichkeitsrisiko. Auch ist es ein Trugschluss, dass bei einem Saunagang wirklich Gewicht verloren geht: Tatsächlich wurde nur Wasser ausgeschwitzt. Der Gesundheit tut er aber trotzdem gut.

Stoffwechsel

Sumo-Ringer, die nicht gerade ein Beispiel für besonders schlanke Menschen sind, haben häufig ein besseres Stoffwechselprofil als Menschen, die zwar schlank sind, aber keinen Sport machen. Die Erklärung ist denkbar einfach: Das Fett legt sich bei ihnen nicht um die inneren Organe, sondern lagert direkt unter der Haut. Sport ist also wichtig. Unwichtig hingegen ist, mit welcher Herzfrequenz man Sport treibt. Hauptsache man tut es.

Fettpolster

Durch bewusste Ernährung und Bewegung kann man die Fettpolster im Inneren schnell wieder loswerden, vielleicht sollte man dann aber auf eine Gans wie hier im Bild gezeigt, verzichten. Allerdings ist es auch ein Trugschluss, dass jedes Fett sofort auf die Hüfte wandert - das passiert nur, wenn wir unserem Körper zu viele Kalorien zuführen.

Light-Produkte

Light-Produkte enthalten weniger Zucker und auch Fett. Soweit so gut - über den Kaloriengehalt sagt das allerdings nur wenig aus. Denn sie enthalten oft auch Süßstoffe, die den Appetit anregen und machen damit den Hunger nur noch größer.

Zahl der Mahlzeiten

Man kann es gar nicht oft genug sagen: Es kommt darauf an, wie viele Kalorien man täglich zu sich nimmt - und nicht wie oder wann man ist. Denn bis heute gibt es keine wissenschaftliche Studie, die beweist, dass drei große Mahlzeiten besser wären als fünf kleine. Übergewicht entsteht nicht dann, wenn man ausgewogen isst, sondern bei dem, was man dazwischen isst - wie Chips oder Gummibärchen.

Lebensmittel

Gibt es Lebensmittel, die dem Körper weniger Kalorien zuführen, als der dann für ihre Verdauung benötig wird? Nein, obwohl es ein weitverbreitetes Gerücht und die ultimative Anleitung für eine Diät sein soll, ist das eigentlich Quatsch. Sie wirken höchstens ein bisschen unterstützend.

Jojo-Effekt

Aufpassen sollten Menschen, die gerne abnehmen möchten, vor allem auf den sogenannten Jojo-Effekt. Um wirklich dauerhaft abzunehmen, ist es notwendig, dass die Ernährung dauerhaft umgestellt wird.

Soylent passt in den Trend. Alles muss heutzutage schnell und effizient erledigt werden, weshalb  sollte man die Nahrungsaufnahme da ausschließen. Experten sind sich nicht einig. Ernährungsphysiologen aus dem angelsächsischen Raum warnen: Das Projekt sei naiv, sogar gefährlich. Andere sind sich nicht sicher, ob das menschliche Verdauungssystem, das ja auf den langsamen Aufschluss von Nahrung, auf Kauen und Verdauen, angelegt ist, von flüssiger Nahrung langfristig beeinträchtigt wird. Langfristige Studien haben zumindest gezeigt, dass sich beispielsweise ein Stück Obst nicht einfach durch ein Vitaminpräparat ersetzen lässt.  Die möglichen langfristigen Folgen einer reinen Flüssigernährung sind für den Organismus nicht klar abzuschätzen.

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Aber wäre es aber überhaupt wünschenswert, wenn die Anhänger des Slow-Food über eine solche Kompakternährung zu einem kulinarisch versprengten Grüppchen degradiert würden? Kritiker beklagen, dass Rhinehart die psychologisch-soziale Komponente des Essens völlig außer Acht lasse. Schließlich diene die Nahrungsaufnahme auch der sozialen Integration oder Distinktion. Nicht von Ungefähr, so die Kritik, bezeichnet der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann Essen als „Architekt des Familienlebens“. Ob diese Architektur sozialer Kontakte beim schnellen Schluck aus der Pulle überhaupt noch möglich ist, bleibt fraglich.

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Kommentare (1)

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Frau Barbara Roth

18.08.2014, 18:26 Uhr

[...]
Aber wurde der Name "Soylent" nicht in einem Film aus den 70ern verwendet - "Soylent Green ist aus Menschenfleisch" hieß es doch in dem Film, wo alle Menschen mit 30 zwangsgetötet wurden, um die Überbevölkerung zu vermeiden. Und aus den Leichen wurde dann Soylent gemacht, um die anderen zu ernähren.

Na, gschmackig, kann ich nur sagen, was so eiinigen Dodeln einfällt.

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