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25.07.2014

17:28 Uhr

Gesundheitskarte

Pannenprojekt oder digitale Revolution?

Teuer, kompliziert - nutzlos? Die elektronische Gesundheitskarte macht bisher viel Ärger und wenig Freude. Doch auf die Versicherten und Ärzte rollt eine Welle neuer digitaler Möglichkeiten zu.

Eine elektronische Gesundheitskarte: Das Projekt löst bei vielen keine Begeisterung aus. dpa

Eine elektronische Gesundheitskarte: Das Projekt löst bei vielen keine Begeisterung aus.

BerlinHauptstadtflughafen, Elbphilharmonie - elektronische Gesundheitskarte. Das IT-Milliardenprojekt scheint sich nahtlos in Großvorhaben mit Pannen-Image einzureihen. Ursprünglich sollte die eGK am 1. Januar 2006 eingeführt werden. Widerstand von Ärzten, Streit und Planungsprobleme verzögern eine sinnvolle eGK bis heute. Doch im Stillen geht der Aufbau schneller voran als bekannt - was bekommen die Versicherten wann zu spüren?

Der Krankenkassen-Verband und die Kassenärztliche Bundesvereinigung haben sich erst kürzlich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen zur eGK hervorgetan. Noch immer keine Einigung beider Seiten gibt es in der Frage, wann die alte Versichertenkarte abläuft. Alles nur schrille Begleitmusik für eine digitale Revolution im Gesundheitswesen?

Rund 97 Prozent der Versicherten haben die Karte. Gesamtkosten: 2014 laut den Kassen mehr als eine Milliarde Euro. Doch viel kann die eGK nicht. Das zu ändern ist Ziel der Gematik. Die Gesellschaft mit den Kassen, Ärzten, Kliniken und Apothekern als Trägern sitzt in hellen Räumen an der Spree in Berlins Mitte. Man zeigt sich dort tatkräftig.

Im Moment wird laut Gematik-Geschäftsführer Arno Elmer die Infrastruktur aufgebaut. „Da werden jetzt Leitungen verlegt“, versichert der eloquente 48-Jährige mit Erfahrung in führender Position etwa bei der Nürburgring GmbH, der expert AG oder dem Immobiliendienstleister CB Richard Ellis. „Im kommenden Jahr steht die Gesundheitsdatenautobahn.“

Doch diese „Autobahn“ allein ist erstmal nutzlos, wie Rainer Bernnat feststellt, ein Experte für IT-Wirtschaft bei der Beratungsfirma Strategy& und langjähriger Begleiter der eGK. „Erst wenn Autos darauf fahren, bringt es Mehrwert und wird die Öffentlichkeit überzeugt werden.“ Gematik-Geschäftsführer Elmer beschreibt die bestehenden Datennetze bei Praxen und Kliniken als Landstraßen - bald würden sie an die neue digitale Autobahn angeschlossen. Gelingt das?

Spontane Begeisterung löst das Projekt in Zeiten der Datenspionage bei vielen nicht gerade aus. Aktivisten machen etwa im Bündnis „Stoppt die e-Card!“ Front. „Die Sicherheit des Systems ist weit höher als die beim Onlinebanking“, beteuert Elmer. Zentrale Server solle es nicht geben, die Daten bleiben in Praxen und Kliniken - Verschlüsselungen und PIN-Nummern sollen den Austausch sicher machen.

Fahrplan für die elektronische Gesundheitskarte

2015

Das Management der Versichertenstammdaten wird erprobt und aufgebaut. Name, Geburtsdatum, Anschrift und Versichertenstatus sind auf der Karte gespeichert - und sollen online mit den aktuellen Daten bei der Krankenkasse abgeglichen und gegebenenfalls korrigiert werden können.

2016

Das Verfahren mit den Stammdaten soll durchgehend angewendet werden. Aufgebaut werden soll die sichere elektronische Unterschrift im Gesundheitsbereich und die sichere Online-Kommunikation zwischen Ärzten, Kliniken und Apothekern.

2017

E-Unterschrift und E-Kommunikation sollen in den normalen Betrieb gehen. Weitere Anwendungen sollen Schritt für Schritt dazukommen.

Beispiel

Ein Zahnarzt röntgt den Kiefer. Das Bild kommt in die elektronische Patientenakte, nachdem der Patient beim Kartenterminal des Zahnarztes sein PIN eingegeben und der Arzt sich durch seine eigene Chipkarte ausgewiesen hat. Später können andere Ärzte auf die Aufnahme zurückgreifen, nach PIN-Eingabe der Patientin bei deren Terminal.

Bei den Medizinern gibt es auch andere Gründe für Ablehnung. „Viele Ärzte haben Angst, der persönliche Kontakt zu den Patienten nehme ab, weil Daten elektronisch abgefragt werden“, sagt Philipp Klöcker, Mitautor einer einschlägigen Studie der Uni Augsburg. Berater Bernnat meint: „Viele wollen sich nicht in die Karten schauen lassen.“ Doch in der Ärzteschaft gibt es auch andere Stimmen.

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