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31.07.2014

06:00 Uhr

Gesundheitsversorgung

Angst vor dem Ärztemangel wächst

Ob Ost oder West, ob Stadtrand oder Landgemeinde - die Sorgen wegen fehlender Ärzte, vor allem Hausärzte, werden immer größer. Nach den Sommerferien soll Bewegung in den Kampf gegen Medizinermangel kommen.

Hausärzte finden kaum Nachfolger: Die Politik will jetzt handeln. dpa

Hausärzte finden kaum Nachfolger: Die Politik will jetzt handeln.

Hausarzt - dringend gesucht. In vielen deutschen Landstrichen liegen bereits weite Wege zwischen Patient und Arzt. In anderen wachsen die Ängste der Bürgermeister vor Gemeinden ohne Mediziner. Wie will Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) gegensteuern - was halten Ärzte und Experten jetzt für nötig?

Jüngste regionale Schlagzeilen zeigen die weite Verbreitung des Problems. Beispiel Herne: Insgesamt hat die Ruhrgebietsstadt als Ganzes noch keinen Arztmangel, doch Ortsteile wie Bickern oder Horsthausen gehen leer aus - die meisten Ärzte sind im Zentrum. Beispiel nördliches Rheinland-Pfalz: Ohne Hausarzt-Nachfolger stehen Gemeinden wie Altenkirchen bald ganz ohne Mediziner da.

Beispiel Coburg: Die Ärzte aus mindestens zehn Praxen in und um die oberfränkische Stadt hörten in den vergangenen Jahren meist aus Altersgründen auf - die übrigen klagen, sie überschritten ihre Kapazitätsgrenzen. Die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Unterversorgung droht vor allem bei Hausärzten

Dabei gab es noch nie so viele berufstätige Ärzte in Deutschland. 357 000 sind es heute. Doch während sich Mediziner in attraktiv erscheinenden, wohlhabenden Gebieten wie Oberbayern und Hamburg ballen, fehlen sie zunehmend in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Unterfranken oder Nordhessen. „Allgemeinärzte und grundversorgende Fachärzte haben immer mehr Patienten zu versorgen“, sagt der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen. Schon jetzt sei absehbar, dass 51 000 Ärzte bis 2021 die Praxis aufgeben.

Bereits 2012 versuchte der damalige Minister Daniel Bahr (FDP) eine Therapie etwa mit Geldanreizen für Ärzte in Mangelregionen. Nach der Sommerpause will Nachfolger Gröhe ein Arztgesetz zwei auf den Weg bringen - neue Weichen für die Ärztelandschaft.

„Drohender Unterversorgung müssen wir jetzt begegnen“, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, „zum Beispiel durch Medizinische Versorgungszentren von Hausärzten, im Bedarfsfall auch in Trägerschaft einer Kommune.“ Heute müssen Versorgungszentren verschiedene Fachärzte versammeln. Insgesamt soll Ärzten der Schritt in die Versorgung leichter fallen - auch wenn sie nicht gleich eine eigene Praxis eröffnen wollen.

Offen ist: Welche Stellung hat der Haus-, welche der Facharzt? „Wir brauchen immer stärker den Hausarzt, der den ganzen Menschen betrachtet“, sagt der Chef des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, „nicht nur Spezialisten, die sagen: 'Ich habe Sie gründlich untersucht, in meinem Fach haben Sie nichts.'“ KBV-Chef Gassen wirft sich auch für Fachärzte in die Bresche. „Patienten haben künftig möglicherweise auch einmal verstärkt Fachärzte als erste Ansprechpartner.“ Diabetologen könnten die Versorgung von Diabetikern steuern, Kardiologen die Herzkranker.

Hausärzte verdienen weniger als Fachärzte

Doch meint auch der KBV-Chef, Patienten mit mehreren Krankheiten und Ältere bräuchten zunächst Allgemeinmediziner. Laut Bundesärztekammer aber sank die Zahl der Allgemein- und Hausärzte von mehr als 41 000 binnen fünf Jahren auf gut 37 000. Mit einem Umsatz von 51 000 Euro pro Quartal aus sämtlichen Honoraren für gesetzlich Versicherte bekommen Allgemeinmediziner im Vergleich zu anderen Ärzten weniger. „Nur zehn Prozent des Nachwuchses peilt an, Hausarzt zu werden“, klagt Weigeldt.

Der Hausarzt-Funktionär fordert Ausbildungsreformen. Nur die Hälfte der etwa 36 Universitäten mit Medizin-Ausbildung böten das Fach Allgemeinmedizin. Gröhe: „Ziel ist, dass möglichst alle medizinischen Fakultäten über einen Lehrstuhl in Allgemeinmedizin verfügen.“

Vieles im Argen liegt laut Weigeldt in der Weiterbildung zum Facharzt in Allgemeinmedizin. Dabei müssen Jungmediziner in der Klinik mehrere Stationen durchlaufen. „So müssen die jungen Ärzte etwa in Phasen beim Internisten oder Chirurgen so tun, als wollten sie Internisten oder Chirurgen werden, um von ihnen ernst genommen zu werden“, kritisiert Weigeldt. Die Weiterbildung müsse neu organisiert werden. Und: Die Förderung der Weiterbildung in Allgemeinmedizin solle in eine Stiftung mit einem Volumen von bis zu 300 Millionen Euro pro Jahr überführt werden, fordert er.

Doch reichen leichtere Arbeitsmöglichkeiten, etwas mehr Attraktivität des Hausarztberufs, Ausbildungsreformen? Experten fordern drastischere Schritte. Der zuständige Sachverständigenrat schlägt einen Vergütungszuschlag von 50 Prozent auf ärztliche Grundleistungen in Mangelregionen vor - finanziert von den Ärzten in gut versorgten Gebieten. Frisches Geld müsste angesichts der Ungleichverteilung der Ärzte nicht fließen. „Das wäre für uns der richtige Weg“, heißt es vom Spitzenverband der Krankenkassen.

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Kommentare (1)

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Herr Adalbert Dr. Sauter

01.08.2014, 16:25 Uhr

Probleme bezüglich der ärztl. Versorgung sind zum Teil auf die Tätigkeit in der klinischen Weiterbildung zurückzuführen. In Deutschland werden ärztl. Berufsanfänger in die Notaufnahme gesteckt, die fachliche Unterstützung existiert meistens auf dem Papier (QM-Ordner) .
Die Fortbildungskurse für Rettungsdienste werden den Berufsanfängern selten bezahlt noch Fortbildungsurlaub gewährt. Sofern man später Rettungseinsätze fährt, bleibt die Stationsarbeit liegen und diese darf nach Feierabend zum Nulltarif abgearbeitet werden.
Überstunden an den Kliniken sind häufig, die Entscheider interessiert es kaum (fehlender Freizeitausgleich, keine Bezahlung, es greift noch die opt-out-Vereinbarung 58 Std./Woche), d.h. Überstunden gibt es für 0 €.
Bereitschaftsdienste an Kliniken sind keine Arbeitszeit, d.h. persönliche Anwesenheit mit DECT-Telefon und Dienstkleidung, die Zeit wird jedoch deutlich unter 100% (früher 40-55%) als Arbeitszeit betrachtet. Der neuartige Freizeitausgleich wird zu 100% abgezogen.

Welche Motivation soll man in dem Beruf noch haben, wenn 1) notwendige Fortbildungen vom Arbeitgeber nicht unterstützt werden, 2) Überstunden keinerlei Ausgleich finden, 3) Bereitschaftsdienste keine Arbeitszeit sind, 24-Std-Dienste sind noch häufig? Hatte früher Dienste 24 – 32 Std., Anzahl ca. 1750.
Diese Situation an Deutschlands Kliniken ist eher die Regel, statt die Ausnahme. Viele ehemalige Kollegen hatten seit 2006 den Weg ins europ. Ausland genommen. Woher sollen motivierte Ärzte für Arztpraxen herkommen, wenn die Situation in den Arztpraxen auch bekannt ist. Wer in Deutschland den Facharzt gemacht hatte, bekommt meistens einen unbefristeten Arbeitsvertrag und wechselt aus privaten Gründen vielleicht die Stelle.
Nach mehr als 20 Jahren Klinik habe ich die ärztl. Tätigkeit hingeworfen, zuletzt mein MBA-Studium erfolgreich absolviert und gehe deshalb. Employment-Management ist in der Industrie besser strukturiert. Mitarbeiter werden gefördert, motiviert zu bleiben.

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