Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.11.2013

12:23 Uhr

Mit Schutzmasken und -anzügen am AKW in Fukushima: Wie viel Atomkraft braucht Japan? Reuters

Mit Schutzmasken und -anzügen am AKW in Fukushima: Wie viel Atomkraft braucht Japan?

Japans Regierungschef Shinzo Abe hat einen Traum. Derzeit ist sein Land atomstromfrei. Aber er will das ändern. Gegen den Willen der Mehrheit setzt der Atomfreund darauf, möglichst viele der 50 abgeschalteten Atomreaktoren wieder einzuschalten.

Auf den ersten Blick sind die Voraussetzungen blendend. Um die Atomstromlücke zu füllen, muss Japan deutlich mehr Gas, Öl und Kohle importieren. Da die inflationäre Wirtschaftspolitik den Yen-Kurs fallen lässt, steigen die Kosten rapide. Dies drückt die Handelsbilanz ins Minus und die Strompreise nach oben.

Martin Kölling ist Handelsblatt-Korrespondent in Tokio privat

Martin Kölling ist Handelsblatt-Korrespondent in Tokio

Auch der Klimaschutz spricht für den Rückzug auf Raten. Ohne den dereinst geplanten Ausbau der Atomenergie wird Japan 2020 nicht wie versprochen 25 Prozent weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre pusten, sondern drei Prozent mehr. Zudem besitzt Abe als erster Regierungschef in beiden Kammern des Parlaments eine solide Mehrheit. Nach der Papierform könnte er daher Japan einfach auf Atomkurs trimmen - wäre da nicht ein kleines Paradox: So zahm die Bevölkerung sich auf nationaler Ebene auch gibt, so zäh ist der Widerstand der stillen Mehrheit vor Ort gegen die Wiederinbetriebnahme von Atomkraftwerken.

Japans korrupte Atomlobby hat zur Genüge bewiesen, dass sie AKWs in Erdbebengebieten nicht sicher betreiben kann. Der immense humane und finanzielle Fall-out der Atomkatastrophe zeigt den Menschen zudem, dass diese Energieform tot wäre, wenn es wirklich marktwirtschaftlich zuginge und die Industrie und nicht der Steuerzahler die Kosten tragen würde.

Abe droht so politisches und wirtschaftliches Kapital in einem langen innenpolitischen Zermürbungskrieg zu verpulvern. Bis heute hat er nicht den Mut gefunden, dem Land ein energiepolitisches Ziel zu geben. Das hemmt den Vorstoß von Japans Firmen bei grünen Techniken und Energien.

Was ist die größte Baustelle bei der Energiewende?

Abes Mentor und Amtsvorgänger Junichiro Koizumi fordert, Volk und Firmen mutig in ein Zeitalter erneuerbarer Energien zu führen. Abe sollte besser auf den Gönner hören. Wenn Japan seine Kräfte bündelt, könnte es zu einem Rivalen Deutschlands auf dem Weg in eine atomstromfreie Gesellschaft werden. Bleibt er sich selbst und seiner Atomlobby treu, droht er das Land energiepolitisch in eine Sackgasse zu führen.

Kommentare (31)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

HofmannM

19.11.2013, 12:37 Uhr

[...]

Japan ist und bleibt ein Hochtechnologieland mit seiner Kernkraft! Im Gegensatz zu Deutschland! Lowtech (sog. Erneuerbare Energien) ersetzen in Deutschland Hightech (Kernkraft,Kraftwerksbau) DAS IST FAKT!

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

doc_johnny

19.11.2013, 13:07 Uhr

"Der immense humane und finanzielle Fall-out der Atomkatastrophe zeigt den Menschen zudem, dass diese Energieform tot wäre, wenn es wirklich marktwirtschaftlich zuginge und die Industrie und nicht der Steuerzahler die Kosten tragen würde."

Ein toller Satz! Klingt sehr gut, ist aber nur hohles Schwatzen, Entschuldigung. Was ist denn bitter ein 'humaner' Fall-out. oder finanzieller?

Wieso und in welcher Form trägt der Steuerzahler Kosten der Energieerzeugung in Japan? Hier wären ein paar Zahlen schön, die dies belegen. Es ist ja durchaus möglich, dass in Japan - im Gegensatz zu Deutschland - die Nukleartechnik immer noch staatlich gefördert wird.

Japan wird seine Reaktoren wieder anfahren (müssen), genauso wie der Rest der Welt auf lange Sicht nicht um Kernenergie herum kommen wird, egal ob dies gefällt oder nicht. Spätestens dann, wenn es fossil nicht mehr geht, wird man auf nuklear zurückgreifen müssen. Ausser Deutschland wird sonst kein Land der Welt zur Selbstkasteiung bereit sein und wieder bei Dunkelheit und in Kälte überwintern wollen.

Juhu

19.11.2013, 13:11 Uhr

@HofmannM
Im Artikel steht "Derzeit ist sein Land atomstromfrei", die Betonung liegt auf derzeit(!!) und das entspricht den Tatsachen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×