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31.07.2013

10:15 Uhr

Kernkraftwerke

Das Geschäft mit der Stilllegung

VonThomas Sigmund, Georg Weishaupt

Der Rückbau eines Kernkraftwerks ist ein langwieriger Prozess. Vor allem ab 2016 erwarten Spezialfirmen hier einen regelrechten Auftragsboom. Die Energiekonzerne haben dafür schon 33 Milliarden Euro auf der hohen Kante.

Transporter am stillgelegten Kernkraftwerk Greifswald: Das Staatsunternehmen EWN hat 1995 mit dem Rückbau der Reaktoren begonnen – fertig ist man noch lange nicht. ap

Transporter am stillgelegten Kernkraftwerk Greifswald: Das Staatsunternehmen EWN hat 1995 mit dem Rückbau der Reaktoren begonnen – fertig ist man noch lange nicht.

Düsseldorf, BerlinUlf Kutscher, Vorsitzender der Geschäftsführung von Nukem Technologies, rechnet "zwischen 2016 bis 2018 in Deutschland mit zusätzlichen größeren Aufträgen". Dann sind die betroffenen Kernkraftwerke frei von Kernbrennstoffen und können nach und nach abgebaut werden, sagt der Chef eines der größten Anbieter im europäischen Rückbaugeschäft.

In Deutschland beschloss die Bundesregierung zwar schon 2011 nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima die Energiewende. Sie entschied, acht Atomkraftwerke sofort und die restlichen neun bis Ende 2022 abzuschalten.

Doch der Rückbau eines Atomkraftwerks ist ein langwieriger Genehmigungs- und Entsorgungsprozess. Nach der endgültigen Abschaltung läuft der Nachbetrieb, und dann muss erst einmal die Abklingzeit der Brennelemente abgewartet werden. Das kann fünf bis sieben Jahre dauern. Erst danach kann der schrittweise Rückbau des Kraftwerks beginnen. Der kann gut 15 Jahre dauern.

Beispiel Greifswald: Das staatliche Unternehmen EWN hat bereits 1995 mit dem Rückbau der fünf Atomreaktoren am alten DDR-Standort Greifswald begonnen. "Wir wollen etwa bis 2015/2016 alle Anlagen ausgeräumt haben", sagte eine Unternehmenssprecherin.

Die Kosten pro Kraftwerk schwanken "zwischen 200 und 900 Millionen Euro", sagt Kutscher von Nukem. Das hänge von der Größe und dem Typ der Anlage ab. Nach einer früheren Analyse der Unternehmensberatung Arthur D. Little (ADL) müssen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall mindestens 18 Milliarden Euro ausgeben, um die 17 Anlagen in Deutschland abzureißen.

Die gesetzlich vorgeschriebenen Rückstellungen der Energiekonzerne für Stilllegung, Rückbau und Entsorgung erreichen derzeit eine Höhe von rund 33 Milliarden Euro. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor, die dem Handelsblatt vorliegt. Danach hat Eon bis Ende 2012 Rückstellungen in Höhe von knapp 14 Milliarden gebildet.

Die Umweltorganisation Greenpeace hat in einer Studie mit dem Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) sogar Kosten von insgesamt 44 Milliarden Euro ausgerechnet. "Wir sehen zusätzlich rund zehn Milliarden Euro unabsehbare Folgekosten für den Rückbau und die Entsorgung der Atomkraftwerke", sagte Thomas Breuer, Leiter des Klima- und Energiebereichs von Greenpeace.

In Europa laufen derzeit rund 50 Stilllegungsprojekte. Hinzu kommen künftig die acht deutschen Kraftwerke, die schon abgeschaltet sind. Es dürften noch weitere in Europa hinzukommen, denn viele Reaktoren der ersten Generation sind zu alt für einen wirtschaftlichen Betrieb.

Kommentare (9)

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vandale

31.07.2013, 10:50 Uhr

Der Abbruch des grossen Kernkraftwerks Mühlheim-Kärlich wurde von RWE 2010 mit 750 Mio. € kalkuliert.

Die Kosten des Abbruchs lassen sich mit Auflagen, Genehmigungsschikanen und weiteren Verzögerungen und Auflagen für das Endlager Konrad beliebig in die Höhe treiben. Das BfS arbeitet daran.

In den USA wird der Abbruch eines Kernkraftwerks mit 300 - 400 Mio. $ kalkuliert. Einige europäische Staaten werden dies zu ähnlichen Kosten schaffen.

Der Abbruch voll funktionsfähiger, wirtschaftlicher Kraftwerke, mit der besten Umweltbilanz und den geringsten Risiken ist eine religiöse Handlung. Vergleichbar ist dies mit den Taliban die historische Gebäude und Kunstwerke zerstörten weil diese nicht im Einklang mit ihren religiösen Vorstellunge standen.

Vandale

Vandalenkritiker

31.07.2013, 12:11 Uhr

Ihre Lobbyistenäußerungen können Sie getrost für sich behalten. (...)
Mir ist eine 150 %ige Sicherheit - verbunden mit höheren Kosten - lieber als der Schlendrian, der z. B. in den USA der Normalfall ist, lieber. Ich erinnere da nur an den Bohrlochfall in der Karibik, der bei uns hoffentlich so nicht möglich ist.

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norbert

31.07.2013, 12:52 Uhr

Warten wir einfach ab, was ein Rückbau kosten wird. Die Endlagerung ist Sache des Bundes, da hat kein Kraftwerksbetreiber was mit zu tun

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