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23.09.2014

09:15 Uhr

Klimagipfel

Provinzielle Energiewende

VonJann Lay

Es ist an der Zeit für eine effiziente und globale Klimapolitik: Für die Schwellenländer sollten mehr Anreize geschaffen werden, nicht denselben CO2-intensiven Wachstumspfad einzuschlagen wie die Industrieländer.

Dürren plagen viele Entwicklungsländer: Es braucht eine globale Klimaschutzlösung. dpa

Dürren plagen viele Entwicklungsländer: Es braucht eine globale Klimaschutzlösung.

Wenn sich die internationale Führungselite heute zum Klimagipfel in New York versammelt, ist Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht dabei. Mit ihrer Absage hat sie nicht nur Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon verärgert, ihr Fehlen steht sinnbildlich für die deutsche Energiewende. Hierzulande konzentriert sich die Politik zu sehr auf rein nationale Lösungen - und macht sich damit etwas vor. Denn mit deutschen Biogasanlagen lässt sich der Klimawandel nicht aufhalten.

Der Leiter des Forschungsschwerpunkts Entwicklung und Globalisierung am Giga-Institut in Hamburg und Berater bei der Weltbank und der OECD: Jann Lay

Der Leiter des Forschungsschwerpunkts Entwicklung und Globalisierung am Giga-Institut in Hamburg und Berater bei der Weltbank und der OECD: Jann Lay

Der weltweite Anstieg von CO2-Emissionen in den vergangenen zehn Jahren ist größtenteils Schwellenländern wie China, Indien, Mexiko oder Indonesien zuzuordnen. Diese Länder werden noch lange brauchen, den Entwicklungsstand der Industrieländer zu erreichen. Das chinesische Pro-Kopf Einkommen beträgt 25 Prozent des deutschen. In Indien leben 400 Millionen Menschen von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag. Sie alle streben nach mehr Wohlstand. Dazu ist Energie nötig, und die kommt größtenteils aus fossilen Brennstoffen. Eine ehrlichere Diskussion über die Energiewende muss diese Realitäten stärker einbeziehen - und nach globalen Lösungen suchen.

In Schwellenländern lassen sich teilweise wesentlich günstiger höhere CO2-Einsparungen erzielen als in Industrieländern. Der "Economist" hat unlängst vorgerechnet, dass Brasilien in den vergangenen acht Jahren sechsmal mehr CO2 eingespart hat als Deutschland - weil die Regierung die rasante Abholzung verlangsamt hat. Für diese Länder sollten mehr Anreize geschaffen werden, nicht denselben CO2-intensiven Wachstumspfad einzuschlagen wie die Industrieländer.

Fünf Gründe, warum ein Weltklimavertrag so schwierig ist

Klimawandel

Wissenschaftlich gibt es am Klimawandel eigentlich keine Zweifel mehr, aber über die angemessene Antwort streitet die Staatengemeinschaft seit Jahrzehnten. Die fünf Hauptgründe.

1. Es geht nicht nur um die Klimasünden von heute

Heute stößt das Schwellenland China deutlich mehr Treibhausgase aus als die USA. Aber CO2 wirkt in der Atmosphäre etwa 100 Jahre lang nach, und historisch betrachtet sind die heutigen Industrieländer die Hauptverantwortlichen für die Erderwärmung. Rechnet man alle Emissionen seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen um 1850 zusammen, führen die USA gefolgt von der EU die Liste an. Die aufstrebenden Wirtschaftsnationen leiten daraus ein Recht auf eine „nachholende Entwicklung“ ab. Wer gerechterweise wie viel für den Klimaschutz zu tun hat - das hängt also von der Betrachtungsweise ab.

2. Alle sehen zuerst die Anderen in der Pflicht

Das Bild sieht noch einmal anders aus, wenn man statt der nationalen Gesamtemissionen den Pro-Kopf-Ausstoß anschaut - also wie viel jeder einzelne Bürger eines Staates zur Erderwärmung beiträgt. Hier relativiert sich der Anteil der bevölkerungsreichen Länder China und Indien am Klimawandel, Hauptsünder sind nun Australien, die USA, Saudi-Arabien und Kanada. Mit der passenden Statistik lässt sich der Schwarze Peter also immer den Anderen zuschieben.

. Der Klimawandel trifft vor allem die Schwachen

Die klimatischen Veränderungen werden weltweit zu spüren sein, aber vor allem Menschen in Entwicklungsländern besonders hart treffen. Niedrig liegende Küstengebiete etwa in Bangladesch und Inseln wie die Malediven sind von einem Anstieg des Meeresspiegels bedroht, in der Sahelzone lassen Dürren und Überschwemmungen Trinkwasser und Nahrung noch knapper werden. Den Leidtragenden mangelt es nicht nur am Geld und an der Technologie, um sich darauf einzustellen. Sie haben in den Gesprächen auch eine vergleichsweise schwache Verhandlungsposition.

4. Unterschiedlichste nationale Interessen müssen unter einen Hut

Auch wenn die Notwendigkeit, etwas zu tun, überall gesehen wird - verbindliche Zusagen kollidieren nicht selten mit wirtschaftlichen oder machtpolitischen Interessen. Für die Schwellenländer hat das schnelle Wirtschaftswachstum Priorität. Die Golfstaaten leben vom Erdölexport. Vor allem Brasilien belastet das Weltklima mit der Rodung der Amazonas-Regenwälder. Australien, die USA und Kanada setzen traditionell auf fossile Energieträger. In den Verhandlungen sind diese Staaten in der Vergangenheit oft als Bremser aufgetreten.

5. Mit Klimaschutz lässt sich zu Hause schlecht Wahlkampf machen

Die Klimapolitik einzelner Staaten kann sich mit der innenpolitischen Konstellation schnell ändern. In Deutschland lässt der Atomausstieg die CO2-Emissionen wieder ansteigen. Die australischen Konservativen haben gerade die Klimaschutz-Steuer der Vorgänger-Regierung kassiert. US-Präsident Barack Obama weckte Hoffnungen auf eine Kehrtwende in der amerikanischen Klimapolitik, aber für ein Gesetz fehlt seinen Demokraten die Mehrheit im Kongress. Dazu kommt, dass das komplexe Problem Klimawandel, dessen Auswirkungen sich bisher gut ausblenden lassen, sich nur bedingt im Wahlkampf verkaufen lässt. Das Thema ist also prädestiniert dafür, auf die lange Bank geschoben zu werden.

Derzeit gehen sie eben diesen Weg, etwa über unsinnige Subventionen von Benzin oder anderen fossilen Brennstoffen. Die Menschen dort haben sich an künstlich niedrige Energiepreise gewöhnt - und achten weniger auf ihren Verbrauch. Es liegt auch im Eigeninteresse dieser Länder, die Verschwendung zu stoppen.

Deutschland sollte sein Geld anders einsetzen

Da der Klimawandel ein globales Problem ist, sollte Deutschland besser abwägen, wie und wo es sein Geld einsetzt. So brauchen wir aus klimapolitischer Sicht keine deutsche Solarindustrie. Ein signifikanter deutscher Beitrag zu einem globalen Klimafonds wäre der besserer Weg. Solch ein Fonds könnte die Einführung von Technologien dort fördern, wo sie am meisten bringen.

In Ländern des Südens etwa kostet Solarenergie weitaus weniger als bei uns. Doch Solarzellen sind für sie sehr teuer. Tatsächlich werden die Gesamtkosten für eine Energiewende in Schwellen- und Entwicklungsländern auf mindestens 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt - so viel, wie für die gesamte Entwicklungshilfe derzeit zur Verfügung steht.

Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz oder der europäische Emissionshandel sind vor allem sinnvoll als Laboratorien für Klimapolitik, setzen aber global kaum sinnvolle Anreize. Möglicherweise haben die deutschen Subventionen der Solarbranche zu sinkenden Preisen von Solarmodulen auf dem Weltmarkt geführt - ein erster Schritt zu einer bezahlbaren globalen Energiewende. Das ist der eigentliche klimapolitische Beitrag Deutschlands, wenn man mal ehrlich ist.

Kommentare (18)

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Herr Riesener Jr.

23.09.2014, 11:20 Uhr

Wir bezahlen wir unsere Energiewende z.Z. etwa alle 20 min. eine Mio EUR. Selbst wenn die Kosten woanders etwas niedriger sind, kein Entwicklungsland kann sich sowas leisten. Die Kosten für Speicher sind da noch gar nicht drin.

Der gigantiche Energiehunger der Entwicklungsländer lässt sich CO2-arm nur mit Kernkraft decken. Das hätten wir leisten können und MÜSSEN. Darin besteht unser Versagen beim Kampf gegen den Klimawandel.

Stattdessen haben Rosatom und Südafrika vereinbart, dass acht russische Reaktoren in Südafrika gebaut werden. Und auch nach Jordanien werden demnächst russische Reaktoren geliefert. Und und und, z.B. vor ein-zwei Wochen hat auch Rumänien um ein festes Angebot für zwei russische Reaktoren gebeten.

Der Kernkraftzug fährt weiter, nur etwas gedrosselt, weil ohne uns. Schade, schade.



Herr Paul Highnine-Fitzgerald

23.09.2014, 11:40 Uhr

irgendwo habe ich den Vorgänger-Kommentar schon einmal gelesen; kann das sein? Und von Wind ist nur in diesem Kommentar zu lesen. Ist hier ein Lohnschreiber am Werk?

Doch zum Artikel selbst: "In Ländern des Südens etwa kostet Solarenergie weitaus weniger als bei uns. Doch Solarzellen sind für sie sehr teuer." Gibt es einen Preisaufschlag für Solarzellen nach Breitengraden? Natürlich nur bis zum Äquator? Und hat die Aussage im Artikel nicht einen Hang zum Widerspruch in sich selbst?

Falls ich in Deutschland in Zukunft mit neuen PV-Anlagen meinen Strom selbst erzeuge, selbst verbrauche und selbst vermarkte sehe ich keine zusätzliche Belastung mehr für die Allgemeinheit; grob gesagt. Ich kann hierbei sparen, und ein Beitrag zur Beschränkung des Klimawandels ist es allemal.

Wenn es aber im Süden noch weniger kostet, umso besser. Die EU und die entsprechenden Länder sollten Investitionsprogramme auflegen, und ihre Bürger von der Sinnhaftigkeit solcher Vorhaben überzeugen. Und wir (bzw. ich) reden hier nicht nur von Strom, sondern auch von Wärme (Kälte im Süden) und Mobilität.

Was soll also dieser Informationschnipsel?

Account gelöscht!

23.09.2014, 11:45 Uhr

Man kann es gar nicht oft genug schreiben...
Energiewende/EEG = Armut und Mangel für eine Gesellschaft.
Für Deutschland bedeutet diese Energiewende verlust von Arbeitsplätzen und der Verlust von Wohlstand. Die deutsche Ökosozialistische Politik unter der schwarzen Merkel begeht Sabotage an der deutschen Gesellschaft.

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