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10.06.2014

09:24 Uhr

Kliniken unter Druck

Neue Pflegestandards für Frühchen

Zu früh geborene Kinder sollen die bestmögliche Betreuung erhalten. Doch die neuen Regelungen für eine intensivere Pflege bringen die Kliniken unter Druck. Sie wissen nicht, wo sie so schnell qualifizierte Pflegekräfte finden sollen. Vom Geld ganz zu schweigen.

Höhere Standards: Bei der Betreuung von Frühchen müssen Krankenhäuser aufrüsten. Doch ihnen fehlen Personal und Geld. dpa

Höhere Standards: Bei der Betreuung von Frühchen müssen Krankenhäuser aufrüsten. Doch ihnen fehlen Personal und Geld.

BerlinNeue Standards in der Frühchen-Pflege setzen die Kliniken unter Druck. Die strengeren Betreuungsregelungen für Kleinkindstationen können nach Ansicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) nur mit Verzögerung umgesetzt werden. Die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) des Gesundheitswesens geforderten zusätzlichen Pflegekräfte seien auf dem Markt nicht zu bekommen, sagte Alex Mertens von der DKG. „Es klafft eine große Lücke, und sie zu schließen, wird Jahre dauern.“

Frühchen

Was ist eine Frühgeburt?

Von einer Frühgeburt spricht man, wenn ein Baby vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt. Das betrifft fast jedes zehnte Kind in Deutschland. Eine normale Schwangerschaft dauert 40 Wochen.

Überlebensrate von Frühchen

Wegen der noch nicht abgeschlossenen Entwicklung drohen vor allem extremen Frühchen gesundheitliche Probleme. Nach Angaben der Europäischen Stiftung für Neugeborene (EFCNI) liegt die Überlebensrate bei Kindern mit einem Geburtsgewicht unter 1000 Gramm bei 66 Prozent.

Gesundheitliche Spätfolgen

Die häufigsten Spätfolgen sind Entwicklungsverzögerungen, Atemwegserkrankungen, motorische Störungen und Aufmerksamkeitsstörungen. Darunter leiden nach Studien rund ein Drittel der Kinder.

Das jüngste Frühchen

Das bislang jüngste Frühchen Europas kam 2010 in Fulda zur Welt. Frieda wog nach 21 Wochen und fünf Tagen nur 460 Gramm und war gerade mal 26 Zentimeter groß. Sie überlebte - heute geht es ihr gut.

Die neuen Regelungen bedeuten für die Kinderstationen im Schnitt eine Aufstockung des Personals um etwa ein Drittel. Viele Kliniken fragen sich, wie sie das umsetzen können; einige befürchten, dass sie diese Reform nicht überstehen. Bundesweit gibt es rund 300 Frühchen-Stationen.

Die Standards gelten eigentlich ab sofort. Der GBA hat allerdings in begründeten Ausnahmen eine Übergangsfrist bis 2017 eingeräumt. Aber selbst diese ist für Mertens zu kurz gefasst, denn die Fachkräfte müssten nicht nur eine dreijährige Pflegeausbildung durchlaufen. Anschließend stünden auch noch eine sechsmonatige Fachfortbildung sowie zwei Jahre Spezialpraktika auf dem Programm.

Im Moment reichten die 3000 Ausbildungsplätze in der Pflege gerade aus, um das ausscheidende Personal zu ersetzen. Daneben gebe es Kapazitäten für etwa 500 neue Ausbildungsplätze. Die müssten eigentlich längst eingerichtet sein. „Aber es fehlt das Geld und eine klare politische Zielvorgabe“, sagt Mertens.

Grundsätzlich halten die Fachleute die Vorgaben jedoch für richtig. Vor allem die etwa 9000 Babys, die jährlich mit einem Gewicht unter 1500 Gramm geboren werden, brauchen eine intensive Betreuung. Bislang ist eine Schwester für bis zu fünf Frühchen zuständig, jetzt soll es zum Teil einen Schlüssel eins zu eins geben.

Frühchen sind sehr anfällig für Infektionen, die schnell lebensbedrohlich werden können. „Dieses Risiko lässt sich mit intensiverer Pflege minimieren“, sagt Mertens, fügt aber gleich hinzu: „Ganz auszuschalten ist die Gefahr allerdings nie.“

Für die Kliniken kann die Reform auch aus einem anderen Grund teuer werden. „Die Neuregelungen haben für sie eine unangenehme haftungsrechtliche Situation geschaffen“, erläutert Mertens. Kommt ein Kind zu Schaden, und die Klinik kann den vorgeschriebenen Pflegestandard nicht nachweisen, drohen hohe Schadensersatzforderungen. „Auch aus diesem Grund müssen die Fristen nochmals auf den Prüfstand.“

Von

dpa

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