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23.04.2014

09:32 Uhr

Klinikreform

Qualität soll sich lohnen

Am Ende der Klinikreform muss es weniger, aber bessere Kliniken geben. Erstmals soll „Qualität“ als zusätzliches Kriterium in die Krankenhausplanung einfließen. Das könnte eine kleine Revolution auslösen.

Peter Thelen ist Korrespondent in Berlin.

Peter Thelen ist Korrespondent in Berlin.

Eines sei vorweggesagt: Deutschlands Krankenhäuser gehören ohne Zweifel zu den leistungsfähigsten der Welt. In den vergangenen 20 Jahren wurden 25 Prozent der Klinikbetten abgebaut. Es gibt heute fünf Prozent weniger Personal. Trotzdem wurden 2013 in den rund 2000 über die Bedarfsplanung der Länder zur Versorgung zugelassenen Kliniken mehr Menschen behandelt als jemals zuvor.

18,3 Millionen Patienten waren es insgesamt, von der komplizierten Herz-OP bis zur Notfallversorgung nach einem Autounfall. Möglich ist das nur, weil die Behandlungsabläufe immer effizienter geworden sind. Sieben Tage beträgt heute die durchschnittliche Verweildauer im Krankenhaus für eine Behandlung. Mitte der 1970er-Jahre waren es noch über zwei Wochen.

Doch leider ist nicht alles Gold, was so glänzt.

Wie lange mussten Sie schon auf einen Arzttermin warten?

Der Personalabbau vor allem beim Pflegepersonal hat zu einer Arbeitsverdichtung geführt, die zunehmend zulasten der Qualität der Versorgung geht. Und das 2003 eingeführte neue Preissystem, nach dem die Krankenkassen statt der vorher üblichen tagesgleichen Pflegesätze nur noch Pauschalen für jeden Behandlungsfall überweisen, hat bei vielen Kliniken eine "Flucht in die Menge" ausgelöst. Deutschland ist so zum Weltmeister bei der Zahl bestimmter Eingriffe am Herzen, bei Prostata-, Hüft- und Knie-OPs geworden. Untersuchungen legen nahe, dass mindestens ein Fünftel dieser Zuwächse sich nicht durch die Alterung der Bevölkerung oder den medizinischen Fortschritt erklären lässt.

Ein Grund für die massive Mengenausweitung auf dem Rücken von immer weniger Personal ist auch, dass die Länder ihrer Pflicht immer weniger nachkommen, den Bedarf an Kliniken nicht nur zu planen, sondern auch die dafür nötigen Investitionen bereitzustellen. Nach seriösen Schätzungen müssten jährlich rund sechs Milliarden Euro fließen. Die Länder zahlen aber nur 2,7 Milliarden. Viele Kliniken gleichen das aus, indem sie eigentlich für die Behandlung bestimmte Honorare der Krankenkassen in den Investitionstopf umleiten.

Wegen all dieser Probleme hätte eigentlich schon die schwarz-gelbe Koalition eine Reform der Krankenhäuser angehen sollen. Dass die Große Koalition mit Gesundheitsminister Hermann Gröhe nun den Mut findet, das Versäumte nachzuholen, ist nicht zuletzt dem engagierten Einsatz der Gesundheitsexperten von Union und SPD, Jens Spahn und Karl Lauterbach, zu verdanken. Sie handelten die entscheidenden Passagen im Koalitionsvertrag aus. Darin findet sich der bemerkenswerte Satz: "Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass nur Operationen durchgeführt werden, die auch tatsächlich medizinisch notwendig sind."

Die Reform, für die Gröhe und die Chefin der Gesundheitsministerkonferenz der Länder, Cornelia Prüfer-Storcks, vergangene Woche den Startschuss gaben, könnte ein großer Wurf werden. Ihr Eckstein ist eine unscheinbar klingende Änderung im Krankenhausfinanzierungsgesetz. In dessen Paragraf 1 soll als zusätzliches Kriterium für die Krankenhausplanung der Länder das Wörtchen Qualität eingefügt werden. Bisher ist da nur von bedarfsgerechter Versorgung die Rede. Als bedarfsgerecht aber gilt jedes Krankenhaus, das seine Betten halbwegs vollkriegt.

Dass nun die Qualität als Kriterium bei der Klinikplanung hinzukommt, könnte eine kleine Revolution auslösen. Denn parallel zur Reform wird ein Qualitätsinstitut beim über den Leistungskatalog der Kassen wachenden Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) aufgebaut. In ihm sollen erstmals Routinedaten der Kassen zusammengeführt werden. Sie unterscheiden sich von bisherigen Qualitätsmessungen dadurch, dass mit ihrer Hilfe in den Blick genommen werden kann, wie es Patienten nach dem Klinikaufenthalt geht - ob die Therapie also wirklich geholfen hat.

Diese Daten sollen die Länder künftig nutzen, um schlechter arbeitende Häuser oder Abteilungen aus dem Bedarfsplan zu streichen. Zudem soll der GBA hochanspruchsvolle Leistungen benennen, für die die Kassen künftig im Einvernehmen mit den Ländern mit besonders gut arbeitenden Kliniken Verträge abschließen sollen. Auch das würde dazu führen, dass Häuser mit minderer Qualität vom Markt verschwinden.

Der Teufel steckt bei dem ehrgeizigen Vorhaben allerdings in den Details, die eine Kommission von Bund und Ländern aushandeln soll - Scheitern nicht ausgeschlossen. Wenn das gutgeht, werden wir künftig weniger, aber bessere Kliniken haben. Nur billiger wird es nicht. Denn die Koalition hat auch versprochen, Hochleistungskliniken und unentbehrlichen Häusern auf dem Land mehr Geld zu geben.

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