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30.01.2014

16:00 Uhr

Kommentar

Kollateralschaden der Energiewende

VonDieter Fockenbrock

Die Energiekonzerne haben den gesellschaftlichen, grünen Wandel zwar verschlafen. Doch Energieminister Gabriel macht es sich mit seiner Reform zu einfach – und geht erstaunlich leichtfertig mit privatem Vermögen um.

Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel muss für seine Energiereform Kritik einstecken. dpa

Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel muss für seine Energiereform Kritik einstecken.

Die Kanzlerin spricht von einer „Herkulesaufgabe“. Kein vergleichbares Land auf der Welt packe seine Energiewende so radikal an wie Deutschland, sagte Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung am Mittwoch. Das ist zweifelsohne richtig. Die Kanzlerin sagte aber auch: „Wenn es eine politische Aufgabe gibt, bei der nicht Partikularinteressen im Mittelpunkt zu stehen haben, sondern der Mensch, dann ist es die Energiewende.“

Die Ansage ist eindeutig. Das Herumgemecker und Gezerre an den weiteren Reformen, die Vizekanzler und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel gerade mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz in Angriff nimmt, wird an der Regierung abtropfen. Vermutlich ist es nur ein Zufall, dass just am Tag zuvor der Energiekonzern RWE Sonderabschreibungen auf seine Kraftwerke bekanntgab. Ein Partikularproblem in der Diktion der Kanzlerin. Doch so einfach darf es sich auch eine Politik nicht machen, die – mit Recht – die Mehrheit in den Vordergrund ihres Handelns stellt.

Dieter Fockenbrock

Der Autor

Dieter Fockenbrock ist Chefkorrespondent im Ressort Unternehmen & Märkte.

Knapp drei Milliarden Euro streicht der Energiekonzern an Vermögen aus der Bilanz. Begründung: Gas- und Kohlekraftwerke rechnen sich wegen der Folgen der Energiewende nicht mehr. Volkstümlich formuliert: RWE hat drei Milliarden Euro Investitionen in den Sand gesetzt.

Das wäre vielleicht noch zu ignorieren, träfe es nur ein einziges Unternehmen, eben RWE. Aber es steht zu erwarten, dass auch die anderen großen Stromproduzenten wie Eon, EnBW und Vattenfall harte Einschnitte vornehmen müssen. Denn auch ihre konventionellen Kraftwerke sind betriebswirtschaftlich unter Wasser. Die Strompreise sind so niedrig, dass sich der Betrieb einiger Anlagen nicht rechnet. Nicht mehr rechnet, muss man sagen. Denn als die Unternehmen Milliarden in den Bau steckten, waren die Konsequenzen des staatlich geförderten Ausbaus von Sonnen- und Windstrom nicht absehbar.

Jetzt wird es noch schlimmer kommen. Die Wende der Energiewende, die wegen der explodierenden EEG-Umlage notwendig wird, löst weitere Kollateralschäden aus. Künftig soll beispielsweise auch die Eigenerzeugung von Strom, die viele Industriebetriebe aus Sicherheits- und Kostengründen in den zurückliegenden Jahren forciert haben, mit der Umlage belegt werden. Folge: Auch für BASF etwa, einen der großen Stromproduzenten, geht die ursprüngliche Kalkulation nicht mehr auf.

Kein Trost: Auch Staatsbetriebe wird es treffen. Die Deutsche Bahn etwa, die einen großen Teil ihres Fahrstroms selbst produziert. Und viele Stadtwerke, die in der Hoffnung auf ein ertragreiches Geschäft Millionen in Kraftwerke investierten. So manche Gemeinde wird die Reform des EEG in den Ruin treiben.

Kommentare (19)

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zitrone73

30.01.2014, 16:22 Uhr

Zum letzten Satz: Müssen die Maßnahmen so radikal sein? Ja: Es ist 5 vor 12, in den letzten Jahrzehnten wurde der Planet trotz langer Kenntnis des Klimawandels (damals noch "Treibhauseffekt", kennt den Begriff noch wer? :-) mit Dreck zugesch...en; umso schneller muss jetzt gehandelt werden.

Was die Energieunternehmen mit ihren Milliardengewinnen gemacht haben? Nun, Dividenden gezahlt. Aber keine Sorge, den Aktionären dürfe dank gesunkener Aktienkurse das Grinsen schon lange aus dem Gesicht gewichen sein.

Allerdings möchte nicht mal ich RWE & Co. vorwerfen, sie hätten zu lange nicht in grüne Energie investiert. Warum sollten sie auch, wenn Merkel ihnen die Laufzeiten der AKW's so schön verlängert und den rot/grünen Atomausstieg zunichte gemacht haben? Dass Merkel hiervon nichts mehr wissen will ist schon komisch.

Vom Eigenverbrauch würde ich allerdings die Finger lassen. Dieser ist nicht nur netztechnisch sinnvoll (wer den Strom selbst produziert, belastet nicht das Netz), sondern in vielen Fällen auch ökologisch, nämlich dann, wenn die Abwärme des Kraftwerks nicht wie sonst ungenutzt verpufft, sondern als Prozesswärme genutzt werden kann.

Analyst

30.01.2014, 16:47 Uhr

So ein Blödsinn der Artikel. Hätten die Versorger doch in grüne Energie investiert - dann ständen sie besser da.

Ich wäre mir da nicht so sicher, wie man an dem kurzlich zusammengefallenen Kartenhaus der Solaranlagen sieht.

Für einen Energieversorger ist es ein Schwachsinn für eine Aufgabenstellen, so z.B. Montag morgen von 9:00 bis 11:00h 13 GWatt Strom zu liefern, ZWEI Kraftwerke zu bauen. Und zwar ein grünes und eins als Backup. Das würde NIE jemand tun.

Und WEIL es jemand getan hat, haben wir bei bei grüner Einspeisung massiv zu viel Strom, der aufgrund der hohen EEG-Umlage auch noch nicht mal an die Verbraucher verschenkt werden kann. Statt dessen geht der Strom ins Ausland, die sich dann auch noch beschweren und es den dortigen Kraftwerken schwer machen.

Will man eine grüne Erzeugung, dann MUSS bei grüner Erzeugung die andere Erzeugungsart AUSGESCHALTET werden.

Das geht aber nicht einfach, und schon gar nicht einfach bei den so genannten hocheffizienten Kraftwerken, die man angeblich haben will.

Traurig.

Account gelöscht!

30.01.2014, 17:11 Uhr

Zitat:
"Hätten sie (die grossenVersorger) selbst rechtzeitig und massiv in grüne Energien investiert, stünden sie heute nicht nur auf der Verliererseite."

Frage an Herrn Fockenbrock:
Wenn ALLE Windkraftanlagen und ALLE Solaranlagen von RWE, Eon und Co. installiert worden wären, wäre dann denn der gleiche Entwertungseffekt für die konventionellen Anlagen nicht auch entstanden?
Sie hätten natürlich die Abschreibungen (Entwertunmgen) der Altkraftwerke besser finanzieren können, da sie, und nicht andere, dann Empfänger der Subventionen gewesen wären, die die Allgemeinheit für den Ökostrom zahlen muss.
An der Kapitalvernichtung bei den konventionellen Kraftwerken hätte sich erst mal nichts geändert. Und ich weiss auch nicht, ob es imagefördernd wäre, wenn das HB heute titeln würde "In 2013 haben RWE,
Eon, Vattenfrall und EnBW 20 MRD Euro an Ökosubventionen vereinnahmt".

Die Deutsche Bahn hat übrigens mit der Umlage gar kein Problem. Da wird die Fahrkarte halt etwas teurer. Das wars.

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