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14.06.2014

12:02 Uhr

„Krankheit des Vergessens“

Wie Alzheimer entdeckt wurde

Sie stellen unsinnige Dinge an wie kleine Kinder. Aber es sind keine lustigen Streiche. Alzheimerkranke wissen oft nicht mehr, was sie tun - und leiden sehr darunter. Der Psychiater Alois Alzheimer brachte Hirnveränderungen und Gedächtnisschwund in Zusammenhang.

Tückische Erkrankung: Vor gut 100 Jahren entdeckte der Psychiater Alois Alzheimer erstmals die Hirnveränderungen die zu der nach ihm benannten Krankheit führen. dpa

Tückische Erkrankung: Vor gut 100 Jahren entdeckte der Psychiater Alois Alzheimer erstmals die Hirnveränderungen die zu der nach ihm benannten Krankheit führen.

MünchenEin alter Mann irrt nachts durchs Haus. Er trägt fünf Hemden übereinander, hat die Taschen vollgestopft mit Geschirr, Handtüchern, Zahnbürste - und will zur Schule. Eine Frau trinkt zwei Liter Weichspüler, überlebt knapp. Diagnose in beiden Fällen: Alzheimer.

Rund 1,4 Millionen Menschen leiden allein in Deutschland an Demenz, bis zu 2050 rechnet die Deutsche Alzheimer Gesellschaft wegen der steigenden Lebenserwartung mit drei Millionen. Als der Psychiater Alois Alzheimer vor gut 100 Jahren an seiner dementen Patientin Auguste Deter erstmals Hirnveränderungen entdeckte, dachte er noch, er habe es mit einer ganz seltenen Krankheit zu tun. Am Samstag (14. Juni) wäre Alzheimer 150 Jahre alt geworden.

Die Alzheimer-Krankheit

Was ist Alzheimer?

Die Alzheimer-Krankheit, benannt nach dem deutschen Neurologen Alois Alzheimer, ist eine hirnorganische Krankheit. Dabei werden im Gehirn durch Eiweißablagerungen langsam Nervenzellen zerstört.

Wie häufig tritt Alzheimer auf?

Wo die Gesellschaft stark altert, gibt es dementsprechend viele Betroffene: Alleine in Deutschland gibt es derzeit rund 1,4 Millionen Patienten.

Was ist der Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz?

Alzheimer ist lediglich eine mögliche Ursache für Demenz – allerdings mit Abstand die häufigste. Deutlich über 50 Prozent der Demenzfälle sind auf Alzheimer zurückzuführen. Die zweithäufigste Form ist die Vaskuläre Demenz, bei der kleine Infarkte im Gehirn auftreten.

Woran erkennt man Alzheimer?

Gedächtnis- und Orientierungsstörungen gehören zu den Kardinalsymptomen. Außerdem treten oft Sprachstörungen und Veränderungen der Persönlichkeit auf.

Gibt es vorbeugende Maßnahmen?

Einen Schutz wie etwa eine Impfung gibt es bei der Alzheimer-Krankheit nicht. Unter anderem können aber körperliche Aktivitäten, eine cholesterinarme Ernährung und gegebenenfalls eine Behandlung von Bluthochdruck das Risiko einer Erkrankung verringern.

Geboren im unterfränkischen Marktbreit, studiert der Sohn des Notars Eduard Alzheimer und seiner Frau Theresia Medizin in Berlin, Tübingen und Würzburg. Danach beginnt er als Assistenzarzt in der Frankfurter Städtischen Heilanstalt für Irre und Epileptische. Der Fall der Auguste Deter fesselt ihn.

„Wie heißen Sie?“ - „Auguste.“ - „Familienname?“ - „Auguste.“ - „Wie heißt ihr Mann?“ - „Ich glaube Auguste.“ Der Dialog schreibt Medizingeschichte. Auguste wird 1901 von ihrem Mann verwirrt und orientierungslos in die Anstalt gebracht, sie ist erst 51 Jahre alt. Sonst ist sie gesund, ein psychisches Trauma ist nicht erkennbar. Der Gedächtnisverlust gibt den Ärzten Rätsel auf. Alzheimer dokumentiert seine Gespräche und Beobachtungen auf 31 Seiten.

Als er Frankfurt verlässt, um in München an der Psychiatrischen Klinik das Hirnanatomische Laboratorium zu leiten, verliert er Auguste Deter nicht aus den Augen. Nach ihrem Tod am 8. April 1906 lässt er sich ihr Gehirn schicken, untersucht es unter dem Mikroskop - und entdeckt massiven Zellschwund und ungewöhnliche Ablagerungen.

Ein halbes Jahr später berichtet er bei der 37. Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte über das eigenartige Krankheitsbild und einen „eigenartigen schweren Erkrankungsprozess der Hirnrinde“. Seine Kollegen werten seine Entdeckung als Kuriosität. Hirnforschung lag damals im Trend. Viele Ärzte untersuchten Gehirne per Mikroskop, machten mit Farbstoff Strukturen sichtbar, beschrieben Veränderungen. Alzheimer war aber der erste, der einen Zusammenhang zwischen Ablagerungen und Gedächtnisschwund bei einer jüngeren Patientin herstellte.

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