Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.12.2013

15:44 Uhr

Krebstherapie

Gefährlicher Genehmigungsstau

VonSascha Karberg

Krebs mit radioaktiver Strahlung zu behandeln ist in den Kliniken gang und gäbe und erfolgreich. Doch das Forschen nach neuen Strahlentherapien kommt ins Stocken – wegen immer aufwändigerer Genehmigungsverfahren.

Chemotherapie: Radioaktive Strahlung gehört seit vielen Jahren zur Standardbehandlung. ap

Chemotherapie: Radioaktive Strahlung gehört seit vielen Jahren zur Standardbehandlung.

Für unzählige Krebspatienten ist die Therapie mit radioaktiver Strahlung seit Jahrzehnten Standard. Rund 80 Prozent der Patienten mit früh erkanntem Prostatakrebs oder auch 90 Prozent der Gebärmutterhalspatienten leben nach einer Bestrahlungstherapie länger als fünf Jahre – Erfolge von systematischen klinischen Studien. Doch inzwischen ist der bürokratische Aufwand für ebensolche Studien, mit denen neue und bessere Strahlentherapien entwickelt werden sollen, so umfangreich und langwierig geworden, dass teils Jahre bis zur Genehmigung vergehen – zu lange für Krebspatienten, denen die Zeit davon läuft.

Internationale Ärzte- und Forscherteams machen mit ihren Studien mittlerweile einen Bogen um Deutschland und beziehen deutsche Patienten in Tests neuartiger Strahlentherapieansätze teils nicht mehr ein, weil die Genehmigungszeiten zu lange dauern, sagt Michael Baumann, Leiter der Strahlentherapie an der Uniklinik Dresden: „Für das Nationale Zentrum für Strahlenforschung in der Onkologie und das deutsche Konsortium für translationale Krebsforschung in Heidelberg und Dresden haben wir sogar zwei Juristen einstellen müssen, um dem Verwaltungsaufwand noch gerecht werden zu können.“ Denn nur Deutschland leistet sich zusätzlich zum europaweit üblichen Prozess der Studienzulassung über Ethikkommissionen und Arzneimittelbehörden auch noch ein gesondertes Genehmigungsverfahren beim Bundesamt für Strahlenschutz, sobald eine Therapie radioaktive Stoffe oder Strahlung einsetzt.

Quälender Genehmigungsstau

Dass geregelt und geprüft werden muss, ob neue, experimentelle Strahlentherapien Patienten oder der Umwelt unnötig schaden, bestreiten weder Ärzte noch Patientenvertreter. „Aber es kann nicht sein, dass die Bewilligung der Studien länger dauert als die Studie selbst“, hieß es von Vertretern von Selbsthilfegruppen von Krebspatienten auf einer Tagung im Herbst, organisiert von Fachärzten und den Behörden. „Ein Patient mit einer Lebenserwartung von weniger als 10 Jahren interessiert sich nicht für Strahlenschutz.“

Nuklearmediziner Jörg Kotzerke: "Wir könnten schon viel weiter sein"

Nuklearmediziner Jörg Kotzerke

"Wir könnten schon viel weiter sein"

Die Behandlung mit radioaktiven Substanzen wird durch Genehmigungsverfahren gebremst.

Der Wunsch der Strahlenschutzbehörde, schon im Verlauf einer Studie möglichst schnell feststellen zu können, ob eine Therapie dem Patienten mehr nützt als schadet, ist einfach nicht zu erfüllen, sagt Baumann. „Bei Krebserkrankungen weiß man nun einmal erst nach 5, 10 oder 15 Jahren, ob eine neuartige Behandlung besser oder schlechter ist als die Standardtherapie.“ Deshalb sei auch das frühe Auftreten von Nebenwirkungen der Strahlentherapie, wie beispielsweise Verbrennungen, kein vernünftiges Kriterium, um zu entscheiden, ob Wirkung und Nebenwirkung in einer vernünftigen Relation stehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×