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17.09.2014

17:28 Uhr

Krisenforscher zu Stromausfall

„Die größte Sorge ist, dass Menschen in Panik geraten“

Panik, Hunger und Gewalt - in Katastrophen-Filmen wird das Szenario totaler Stromausfall oft beschrieben. Experten sehen Deutschland gut aufgestellt. Erneuerbare Energien sind demnach Chance und Risiko zugleich.

Manhattan im Dunkeln: Durch einen Sturm fiel im Oktober 2012 im New Yorker Stadtteil der Strom aus: In Deutschland ist die Gefahr großflächiger Stromausfälle geringer, meint der Krisenforscher Frank Roselieb Reuters

Manhattan im Dunkeln: Durch einen Sturm fiel im Oktober 2012 im New Yorker Stadtteil der Strom aus: In Deutschland ist die Gefahr großflächiger Stromausfälle geringer, meint der Krisenforscher Frank Roselieb

Dresden/KielEin Blackout von Deutschlands Stromnetzen ist nach Ansicht von Krisenforscher Frank Roselieb eher unwahrscheinlich. Dennoch proben Netzbetreiber den Fall mit Notfallübungen wie an diesem Dienstag an der Grenze zwischen Sachsen und Tschechien. Roselieb, Direktor des Kieler Instituts für Krisenforschung, erklärt im Interview die größten Risiken - und was im Notfall zu tun ist.

Wie wahrscheinlich ist das Szenario, dass es in Deutschland zu einem Strom-Blackout kommt?
Ein großflächiger Stromausfall ist bei uns weniger wahrscheinlich als etwa in den USA. Auch im europäischen Vergleich stehen wir gut da. Anfällig für Blitzeis oder Stürme sind vor allem überirdische Netze, wie es sie viel in den USA gibt. Wenn wir in Deutschland allerdings die zentrale Nord-Süd-Stromtrasse bekommen, könnte das auch bei uns zu einem Problem werden. Entscheidend ist zudem, wie viele alternative und dezentrale Energiequellen ein Land hat. Durch die erneuerbaren Energien ist Deutschland in dieser Hinsicht gut aufgestellt. In der Zukunft wird die Blackout-Wahrscheinlichkeit vermutlich leicht von Bundesland zu Bundesland variieren. Im Norden, wo durch die Windräder viel Strom produziert und vergleichsweise wenig verbraucht wird, ist das Risiko weniger groß als etwa in Bayern oder Baden-Württemberg.

Blackout-Chronologie

Januar 2014

Januar 2014
Millionen Menschen in China können acht Stunden lang nicht im Internet surfen, Webseiten liefern nur Fehlermeldungen. Grund ist ein technischer Fehler bei der Auflösung von Internetadressen. Ein Siebtel der Internetnutzer weltweit sind nach Experteneinschätzung von dem Blackout betroffen.

November 2012

Oktober/November 2012
Nach dem Wirbelsturm „Sandy“ sind bis zu sechs Millionen Menschen an der US-Ostküste tagelang ohne Strom. Bei knapp über Null Grad harren sie in eiskalten Wohnungen aus.

Juli 2012

Juli 2012
Bei einem Blackout in Indien sitzen Schätzungen zufolge mehr als 330 Millionen Menschen im Dunkeln. Viele Züge stehen still, Krankenhäuser und Geschäfte müssen ihre Notfallgeneratoren anzapfen.

Juni 2012

Juni/Juli 2012
Nach schweren Gewitterstürmen sind in den USA bis zu vier Millionen Menschen zum Teil eine Woche lang ohne Energie für Kühlschränke und Klimaanlagen. Bei Temperaturen von bis zu 35 Grad werden in der Hauptstadt Washington Kühlungszentren eingerichtet.

Dezember 2010

Dezember 2010
Kurz vor Weihnachten ist für Millionen Nutzer der Internet-Telefondienst Skype stundenlang nicht für Gespräche und Textnachrichten erreichbar. Skype begründet den Ausfall mit Problemen in den „Superknoten“, über die ein Großteil der Verbindungen läuft.

März 2010

März 2010: Gut zwei Wochen nach einem Erdbeben in Chile sucht ein großflächiger Stromausfall 90 Prozent des Landes heim. Ursache ist ein Kurzschluss in einer Transformatorstation.

November 2009

November 2009
Ein Stromausfall stürzt weite Teile Brasiliens ins Chaos. Etwa 40 Millionen Menschen sind ohne Licht. Ursache: Das Wasserkraftwerk Itaipu musste wegen technischer Probleme komplett abgeschaltet werden.

April 2009

April 2009
Millionen T-Mobile-Handykunden müssen in weiten Teilen Deutschlands mindestens drei Stunden lang auf mobiles Telefonieren verzichten. Grund ist der Ausfall von zwei Zentralcomputern.

November 2006

November 2006
Mehrere Pannen im deutschen Stromnetz sorgen dafür, dass in Millionen Haushalten in Westeuropa die Lichter ausgehen. In Deutschland sind weit über eine Million Menschen betroffen.

August 2003

August 2003
Der bis dahin größte Blackout betrifft vier Tage lang mehr als 50 Millionen Menschen in den USA und Kanada. Zeitweise werden mehr als 100 Kraftwerke abgeschaltet. Fünf Todesfälle werden im Zusammenhang mit dem Stromausfall registriert. Als Ursachen gelten Computerfehler bei einem Energieversorger in Ohio und ein altes Netz.

Februar 2000

Februar 2000
Hacker legen den US-Internetdienst Yahoo für fast drei Stunden lahm. Offenbar griffen sie von mehreren Stellen im Internet aus die Zentralcomputer von Yahoo gezielt mit einer riesigen Datenmenge an.

Ist Deutschland gerüstet für den Notfall?
Deutschland ist insgesamt sehr gut auf Notlagen vorbereitet - viel besser als andere Länder der Welt. Wir haben gute und erprobte Notfallpläne und sind in Europa stark vernetzt. Das wiederum kann aber auch gefährlich werden, wenn Dominoeffekte auftreten. Wenn in einem Land ein Problem auftritt und es sich Strom aus einem anderen Netz holt, dann bricht im Extremfall auch dort das Netz zusammen.

Wird es mit der Energiewende wahrscheinlicher, dass es zu Blackouts kommt?
Ja und nein. Einerseits weiß man noch nicht genau, wie sicher die Windenergie ist und wie zuverlässig die erneuerbaren Energien wie Wasserkraft und Sonne Strom liefern. Auf der anderen Seite ist es gut, auf viele kleine Stromversorger zu setzen. Das sorgt beim Ausfall eines Versorgers für schnellen Ersatz.

Welche Rolle spielt die Energieversorgung durch Russland?
Russland liefert uns vor allem Gas, das auch zu Strom umgewandelt wird. Wenn Russland seine Lieferungen drosselt, könnte das mittelfristig durchaus Folgen haben - besonders im Winter. Dann müsste mehr Strom für die Wärmeversorgung eingesetzt werden.

Wodurch könnte ein Strom-Blackout noch ausgelöst werden?
Zum einen kann direkt beim Stromversorger etwas passieren, beispielsweise ein Umspannwerk abbrennen. Zum anderen können Terroranschläge auf einzelne, zentrale Strommasten verheerende Folgen haben. Denkbar sind auch Hackerangriffe auf die Leitstellen der Stromversorger.

Welche Folgen könnte ein längerer Stromausfall haben?
Fatale Folgen. Ohne Strom ist keine Wasserversorgung mehr möglich, weil die Pumpen nicht mehr funktionieren. Im Winter fällt die Heizung aus. Telefone könnten nicht mehr aufgeladen werden, so dass die Bürger auch nicht mehr mit der Feuerwehr und Polizei kommunizieren können. Irgendwann bricht das öffentliche Leben zusammen. Entscheidend ist die Frage, wie lange ein Stromausfall dauert und wie viele Menschen betroffen sind. Eine Stadt für zwei Stunden bekommt man noch in den Griff, eine ganze Region über mehrere Wochen wird schon kritisch. Die größte Sorge, die wir haben, ist, dass die Menschen in Panik geraten.

Gab es solche Fälle in Deutschland?
Intensiv beschäftigt haben wir uns in der Krisenforschung mit dem Blackout im Münsterland, wo Tausende im November 2005 nach einem Schneechaos mehrere Tage ohne Strom waren. Sonst dauerten die Stromausfälle in Deutschland meist nur wenige Minuten.

Wie können sich die Menschen auf einen Blackout vorbereiten?
Meist geht es um recht banale Dinge. Wenn das Trinkwasser nicht mehr fließt, gibt es in Deutschland zahlreiche Notbrunnen. Um dort an das Wasser heranzukommen, benötigt man bei einem Stromausfall aber die gute alte Handkurbel. Auch Taschenlampen, Kerzen und Batterien sollte man vorrätig haben. Schließlich kann auch ein Blick in den Vorratsschrank helfen: Wie lange reichen die Lebensmittel, wenn der Kühlschrank ausfällt und der Supermarkt geschlossen hat? Wenigstens für zwei bis drei Tage sollte man autonom über die Runden kommen.

ZUR PERSON: Frank Roselieb (45) ist geschäftsführender Direktor des Kieler Instituts für Krisenforschung. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler berät auch Unternehmen bei der Bewältigung und Prävention von Krisen - vom Katastrophenmanagement bei Terroranschlägen bis zur Krisenbewältigung bei Lebensmittelskandalen.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

18.09.2014, 09:44 Uhr

Wenn der winter kalt und dunkel ist, dann liefer weder die Sonne, noch das zugefrorene Gewässer, noch die Windflaute genug Energie. Einzig und alleine die ach so "bösen und schmutzigen" fossilen Kraftwerke (laut Ökosozialisten) können dann nur Strom bzw. Lebensenergie liefern. Ökosozialistische Merkel-Ethik-Energiewende/EEG = Armut und Mangel!

Herr Rainer Feiden

18.09.2014, 12:42 Uhr

“There´s no excuse for not being properly prepared! “ Sagt Lucy zu Charlie Brown. Und Recht hat sie!

Können Sie bei einem länger anhaltenden Stromausfall…
-keimfreies Trinkwasser herstellen?
-ihre Kühlgeräte weiter betreiben?
-ohne Strom kochen und Warmwasser bereiten?
-eine Heizung (vorhandene Gas- oder Ölheizung elektrifizieren) oder einen Holzofen betreiben?
-Licht machen?
-Handy und Akkus aufladen (z.B im Auto)?
-reichen Ihre Lebensmittelvorräte für mehrere Wochen?

Nein? Dann haben Sie im Falle eines länger andauernden Stromausfalles ein Problem.

Andere Länder bieten hier Info- und Vorbereitungsratgeber an. Z.B hier der österreichische Zivilschutzverband:

http://www.ploetzlichblackout.at/resilienz-werkzeugkasten/vorbereitung/individuell/

Deutschland hat das offensichtlich nicht nötig. Wieso eigentlich? Ich habe jedenfalls ein ungutes Gefühl, wenn Netzbetreiber JEDEN TAG aufgrund der Fluktuation bei den erneuerbaren Energien x-fach in die Systeme eingreifen müssen. Tendenz stark steigend…....

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