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22.11.2013

16:37 Uhr

„Mali hat die Nase voll“

Wahl-Tristesse im Wüstenstaat

Im August wählte Mali mit Rekordbeteiligung einen neuen Präsidenten. Vor den Parlamentswahlen herrscht hingegen Desinteresse. Das liegt auch daran, dass Hoffnungsträger „IBK“ Keita die Bevölkerung schwer enttäuscht hat.

Malis Präsident Ibrahim Boubacar Keita: „IBKs“ Wähler scheinen ihre Entscheidung inzwischen zu bereuen. AFP

Malis Präsident Ibrahim Boubacar Keita: „IBKs“ Wähler scheinen ihre Entscheidung inzwischen zu bereuen.

BamakoWenn ein Land politisch so viel durchgemacht hat wie das westafrikanische Mali, dann sollte die Ausrichtung von demokratisch organisierten Parlamentswahlen eigentlich ein Grund zur Freude sein. Anders als noch bei den Präsidentschaftswahlen vor rund drei Monaten ist aber derzeit in dem Wüstenstaat kein Enthusiasmus zu spüren. Pessimisten rechnen bereits mit einem dramatischen Einbruch bei der Wahlbeteiligung. „Die Leute sind völlig desinteressiert, und die Kandidaten haben keine neuen Slogans. Es sind immer dieselben Köpfe“, sagte ein politischer Beobachter im südlichen Bezirk Sikasso. „Davon haben die Leute die Nase voll.“

Immerhin hat der triste Wahlkampf zumindest in der Hauptstadt Bamako und anderen urbanen Zentren in den vergangenen Tagen ein wenig an Schwung gewonnen. Gingen die Kandidaten wochenlang meist von Tür zu Tür, um Sympathien zu gewinnen, zeigten sie sich kurz vor Toresschluss endlich auch bei öffentlichen Kundgebungen. Aber Mega-Events wie vor den Präsidentschaftswahlen - als der später gewählte Ibrahim Boubacar Keita Zehntausende Menschen ins größte Stadion des Landes lockte – stehen dieses Mal nicht auf dem Programm.

Das Interesse der Bürger bleibt derweil trotz aller Reden und Wahlplakate mager. „Wir spüren null Enthusiasmus. Deshalb sind wir überzeugt, dass die Beteiligung sehr niedrig sein wird“, sagt Aruna Keita von der Präsidentenpartei RPM (Rally für Mali). Für den Mechaniker Amidou Doumbia sind die Kampagnen schlicht „langweilig“. Die rund 6,5 Millionen wahlberechtigten Malier seien desillusioniert und unmotiviert, von ihrem demokratischen Recht Gebrauch zu machen.

Mali – Wie aus dem Musterland eine Krisenregion wurde

21./22. März 2012

Meuternde Soldaten stürzen Präsident Amadou Toumani Touré. Hintergrund sind Kämpfe zwischen Tuareg-Rebellen und Regierungstruppen im Norden des Landes.

6. April 2012

Wenige Tage später spitzt sich die Lage im Norden weiter zu. Nach einem militärischen Siegeszug erklären Tuareg-Rebellen das eroberte Gebiet für unabhängig. Der neue Staat soll Azawad heißen.

12. April 2012

Der bisherige Vorsitzende der Nationalversammlung, Dioncounda Traoré, wird als Interimspräsident vereidigt.

30. Juni 2012

Islamisten zerstören in Gao und Timbuktu jahrhundertealte Mausoleen, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Sie setzen ihr zerstörerisches Werk in den nächsten Tagen fort und lösen damit internationale Proteste aus.

15. Oktober 2012

Die EU-Außenminister beschließen in Luxemburg die Entsendung von Militärausbildern nach Mali, um die einheimischen Streitkräfte für den Kampf gegen die Islamisten zu rüsten.

19. Oktober 2012

In Malis Hauptstadt Bamako diskutieren Experten, wie eine Spaltung des Landes zu verhindern wäre. Eine Militärintervention afrikanischer Staaten unter UN-Mandat wird immer wahrscheinlicher.

1. November 2012

Bei einem Besuch in Mali stellt Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) humanitäre und militärische Hilfe in Aussicht.

12. November 2012

Die westafrikanischen Staatschefs einigen sich in Nigeria auf die Entsendung von 3500 Soldaten, um den Norden gewaltsam zu befreien. Die Afrikanische Union gibt grünes Licht.

5. Dezember 2012

Die Tuareg strebten eine politische Lösung an, sagt ein Sprecher nach einem Treffen mit der Regierung Malis, an dem auch Vertreter der islamistischen Organisation Ansar Dine teilnahmen.

20. Dezember 2012

Der UN-Sicherheitsrat spricht sich einstimmig für die Entsendung von Friedenstruppen aus. Die unter afrikanischer Führung stehende Afisma-Mission solle die Regierung Malis „mit allen notwendigen Mitteln“ unterstützen, heißt es in der Resolution. Kurz darauf erklären sich Tuareg und Islamisten zum Dialog bereit. Zugleich werden in Timbuktu weitere Heiligtümer zerstört.

8. Januar 2013

Die Rebellen rücken immer weiter nach Süden vor. Einwohner berichten von Gefechten zwischen Islamisten und Armee.

10. Januar 2013

Angesichts der Offensive spricht sich der UN-Sicherheitsrat in einer Sondersitzung für eine schnelle Entsendung von internationalen Truppen aus.

11. Januar 2013

Soldaten aus Frankreich, Nigeria und dem Senegal seien in Mali eingetroffen, gibt die Regierung in Bamako bekannt. Präsident Traoré hatte in einem Brief an Frankreichs Präsidenten François Hollande und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon um Hilfe gebeten.

12. Januar 2013

Französische Kampfjets zwingen die Rebellen zum Rückzug aus der umkämpften Stadt Kona. Ein französischer Hubschrauberpilot kommt ums Leben. Quelle: dpa

Das war im Juli und August anders, als fast die Hälfte der Malier in langen Schlangen vor den Wahllokalen ausharrte. Es handelte sich um ein Rekordergebnis, denn in dem riesigen Land ist die Wahlbeteiligung traditionell äußerst niedrig. Die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität in dem gebeutelten Land war wohl die treibende Kraft bei der Abstimmung. Der Politikveteran Keita (68) sollte es richten – so sahen es 77 Prozent der Wähler.

„Aber jetzt ist schon wieder eine große Kluft zwischen dem Volk und den Politikern zu spüren“, erklärt der Präsident der „Organisation Junger Reporter in Mali“ (Ojrm), Kassim Traoré. „Präsident Keita hat bisher enttäuscht, und die Wähler scheinen ihre Entscheidung bereits zu bereuen.“

Allerdings hatte der frühere Ministerpräsident auch eine Herkules-Aufgabe vor sich, denn das Land ist seit einem Militärputsch im März 2012 von Chaos, Gewalt und Terror gezeichnet. Radikale Islamisten hatten im Zuge des Staatsstreiches den Norden erobert und dort eine brutale Auslegung der Scharia eingeführt. Seit Januar konnten französische und afrikanische Truppen die Extremisten zwar aus der Region vertreiben – aber Anschläge verüben sie noch immer. Auch sind die Wunden der Schreckensherrschaft noch nicht verheilt.

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