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28.05.2014

12:17 Uhr

„Milde Stimulation“

Ein Zungen-Schrittmacher für Schnarcher

Nicht nur lästig, auch gefährlich: Schnarchen und Atemaussetzer schlagen auf Herz und Kreislauf. Ein neuartiger „Zungenschrittmacher“ kann Abhilfe schaffen - zumindest bei manchen Patienten.

Einsetzen des Zungenschrittmachers: So soll die nächtliche Geräuschkulisse der Vergangenheit angehören. dpa

Einsetzen des Zungenschrittmachers: So soll die nächtliche Geräuschkulisse der Vergangenheit angehören.

Dortmund/MannheimNacht für Nacht ringen viele Menschen nach Luft, ohne es zu wissen. Wer am Tag trotz regelmäßigen Schlafs erledigt ist, mit Kreislaufproblemen und Kopfschmerzen kämpft, der leidet möglicherweise an Obstruktiver Schlafapnoe (OSA). Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko steigen, die Unfallgefahr nimmt zu. Grund ist die im Schlaf erschlaffende Muskulatur: Die Zunge sackt zurück in den Rachen und versperrt die oberen Atemwege - die Folgen sind Schnarchen und Atempausen, bis Stresshormone den Körper aufgrund des Sauerstoffmangels wecken. Fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sollen so im Schlaf nach Luft ringen.

Medizinische Abhilfe für einen kleinen Teil der Betroffenen könnte künftig ein Zungenschrittmacher („Upper Airway Stimulation“) schaffen, der die Mechanik des Atemvorgangs stimuliert. Unter dem Schlüsselbein implantiert, misst das Gerät mittels eines Sensors zwischen den Rippen den Druck der Lunge, kurz vor dem Einatmen sendet es per Kabel ein Signal an einen Hirnnerv unter der Zunge. Die „milde Stimulation“ verhindert das Erschlaffen der Zungenmuskulatur. „Der Patient atmet dadurch im Schlaf wieder regelmäßig“, sagt Joachim Maurer von der Universitäts-HNO-Klinik Mannheim.

Schon seit einigen Jahren testen Ärzte die Technologie an Patienten. Derzeit kommen laut Maurer jedoch nur ein bis zwei Prozent von ihnen dafür infrage. Er stellte am Dienstag in Dortmund die erste große internationale Studie zur Wirksamkeit der Behandlung vor - zum Auftakt der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie (DGHNO KHC). Die Atemaussetzer verringern sich mit dem Schrittmacher der Studie zufolge bei den speziell ausgewählten Patienten um 68 Prozent, der Sauerstoffabfall im Blut um 70 Prozent. Die Tagesschläfrigkeit nimmt ab und die Lebensqualität verbessert sich.

„Fast die Hälfte aller Patienten ist bisher nicht ausreichend oder überhaupt nicht behandelt“, sagt Maurer. Der Grund: Die bisher angewandte Therapie mit nächtlich zu tragenden Atemmasken („Continuous Positive Airway Pressure“) hilft vielen Patienten zwar, für manche ist die Prozedur aber derart unangenehm, dass die Geräte oft im Schrank verschwinden.

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