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25.11.2013

10:22 Uhr

Nach Offshore-Einigung

Verbraucherschützer befürchten steigende Strompreise

Eigentlich soll die geplante Ökostrom-Förder-Reform von Union und SPD den Strompreisanstieg bremsen. Doch Verbraucherschützer befürchten, dass das Gegenteil eintritt – und damit Mehrkosten auf die Verbraucher zukommen.

Offshore-Windpark in der Nordsee: Windkraft an Land deutlich billiger. dpa

Offshore-Windpark in der Nordsee: Windkraft an Land deutlich billiger.

BerlinDie in den Koalitionsverhandlungen von Union und SPD erzielte Einigung auf bessere Förderbedingungen für Windparks in Nord- und Ostsee könnte die Strompreise stark belasten. Das geht aus Berechnungen des Energieexperten der Verbraucherzentrale Bundesverband, Holger Krawinkel, hervor. Demnach drohen hier bis zum Jahr 2020 jährliche Gesamtkosten von bis zu 4,5 Milliarden Euro.

Das bisher bis 2017 befristete Modell mit einer Anfangsvergütung von 19 Cent je Kilowattstunde über einen Zeitraum von acht Jahren soll um zwei Jahre bis 2019 verlängert werden, um das bereits von 10.000 auf 6500 Megawatt gesenkte Ausbauziel bis 2020 noch zu schaffen.

Paradoxien der Energiewende

Ökostrom-Umlage

Sie wurde vollgepackt mit immer weiteren Industrierabatten - die Bürger müssen dies über ihren Strompreis schultern. Sie steigt 2014 auf bis zu 6,5 Cent je Kilowattstunde, obwohl laut des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien 2,6 Prozent weniger Wind- und Solarstrom produziert wurden. Der Zubau neuer Anlagen macht nur 0,2 bis 0,3 Cent des Anstiegs um bis zu 1,2 Cent aus. Hauptgrund sind die massiv gefallenen Börsenstrompreise – sinkt der Verkaufserlös für Ökostrom, wächst die Differenz zu den festgelegten Vergütungssätzen für den Grünstrom.

Stromversorger

Sie profitieren von niedrigen Einkaufspreisen, während die Versorger durch diverse Energiewende-Umlagen immer mehr bezahlen, auch die Netzentgelte steigen. Das Beratungsunternehmen Energy Brainpool hat für die Grünen-Fraktion errechnet, dass sich für 2014 eine mögliche Senkung der Beschaffungskosten zwischen 0,57 und 1,97 Cent je Kilowattstunde abzeichnet. Damit könnte womöglich der gesamte Anstieg der Ökostrom-Umlage kompensiert werden, wenn die Versorger diese Ersparnisse im Stromeinkauf weitergeben würden.

Klimaschutz ade?

Gaskraftwerke stehen still und sollen vom Netz genommen werden. Alte, klimaschädliche Braunkohlekraftwerke laufen hingegen oft durch, da der Preis für CO2-Verschmutzungsrechte extrem niedrig ist. Trotz immer mehr Ökostrom sind daher im vergangenen Jahr die CO2-Emissionen in Deutschland um 2,2 Prozent gestiegen. Ohne Reformen – etwa einer Verteuerung der CO2-Ausstoßrechte – könnte der Kohleanteil weiter steigen und diese Kraftwerke den Atomausstieg kompensieren. Eigentlich sollen dies CO2-ärmere Gaskraftwerke tun.

Kraftwerks-Probleme

Insgesamt funktioniert der Strommarkt bei 25 Prozent massiv gefördertem Ökostrom nicht mehr richtig. Soll es Sonderprämien dafür geben, dass Kraftwerke, die sich nicht mehr rechnen, am Netz gehalten werden? Denn gerade im Winter wird deren Leistung gebraucht. Doch ein solches System – für das hochmoderne Gaskraftwerk Irsching in Bayern wurde das bereits eingeführt – würde die Strompreise noch weiter steigen lassen. Daher muss eine Reform der Ökoenergie-Förderung zusammen mit einer Strommarktreform angegangen werden. Einzige Gewissheit: Es wird nicht billig.

Verheddert im Interessendickicht

Jeder will etwas anderes. Die Länder im Norden und Osten wollen die Windkraft massiv ausbauen, Bayern träumt von einer weitgehenden Energieautarkie. Auch die Parteien haben unterschiedliche Ansätze, zudem kämpfen die großen Versorger gegen immer mehr dezentrale Akteure. Ein gemeinsamer Konsens ist bisher nicht in Sicht. Das macht Reformen so schwer. Gerade das Kostenproblem droht die Akzeptanz der Energiewende zu gefährden – über die mittelfristigen Vorteile redet kaum noch jemand.

Die auf den Strompreis abgewälzte Summe könne sich dann der Marke von 30 Milliarden Euro im Jahr nähern, so Krawinkel. 2014 werden es 23,5 Milliarden Euro sein. Zusammen mit den Stromtransportkosten drohten Haushalten jährliche Offshore-Kosten von bis zu 75 Euro, warnte er. Eigentlich ist es erklärtes Ziel von Union und SPD, den Strompreisanstieg durch eine Ökostrom-Förder-Reform zu bremsen.

Aus Krawinkels Sicht droht dies nun aber konterkariert zu werden. „Die gleiche Leistung mit konventioneller Windkraft an Land kostet ein Fünftel“, sagte er dem Energie-Fachportal „Bizzenergytoday.com“. „Es ist wie beim Transrapid: Klar, er war etwas schneller. Aber der Nutzen stand in keinem Verhältnis zu den enormen Kosten im Vergleich zu konventionellen Hochgeschwindigkeitszügen.“ Die Anlagen stünden einfach zu weit draußen und zu tief im Meer. „Ich fürchte, wir erleben bald die teuerste Form einer Seebestattung von technologischen Machbarkeitsphantasien“, meinte Krawinkel.

Von

dpa

Kommentare (4)

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HofmannM

25.11.2013, 10:32 Uhr

Das EEG gehört mit sofortiger Wirkung eingestampft!
Diese Zwangs-Subventionierung durch diese Zwangs-EEG-Abgabe durch die deutsche Gesellschaft/Bürger ist das Problem von steigenden Strompreisen! Die sog. Erneuerbare Energien sind Abzocke am deutschen Wohlstandsbürger und führt auf Dauer zu Mangel und Armut in Deutschland!

Account gelöscht!

25.11.2013, 11:15 Uhr

"Die auf den Strompreis abgewälzte Summe könne sich dann der Marke von 30 Milliarden Euro im Jahr nähern, so Krawinkel."
Nein, sie kann nicht nur, sondern sie wird sich der 30 MRD-Grenze nähern. Das ist doch nur eine Frage der Zeit. Und das ist auch voll beabsichtigt.

Account gelöscht!

25.11.2013, 11:35 Uhr

Gut geschlafen Ihr sog. "Verbraucherschützer"?
Der Normalbürger befürchtet nichts, nein, er erlebt die Strompreiserhöhungen bereits in der Realität, und die dahinter stehenden Politikerinnen und Politiker als Realsatiriker...

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