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05.07.2013

12:03 Uhr

Netzausbau

Der kleine Bürger als Herr der Stromnetze

Proteste behindern den Ausbau von Stromautobahnen von Nord nach Süd. Mit attraktiven Zinsen sollen Bürger gelockt werden, sich am Ausbau zu beteiligen. Ein Problem müssen die Minister Altmaier und Rösler aber noch lösen.

Die Bürgerdividende soll bis zu 15 Prozent der Investitionssumme von rund 20 Milliarden Euro einbringen. dpa

Die Bürgerdividende soll bis zu 15 Prozent der Investitionssumme von rund 20 Milliarden Euro einbringen.

BerlinBürger sollen sich finanziell am Bau von neuen Stromautobahnen in Deutschland beteiligen können und dafür Renditen inform von Zinsen auf ihre Anlagen in Höhe von bis zu 5 Prozent bekommen. Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) legten dazu am Freitag in Berlin ein entsprechendes Eckpunktepapier vor. Mit der „Bürgerdividende“ soll die Akzeptanz der betroffenen Bürger für den Netzausbau erhöht werden.

Bürger sollen sich insgesamt mit bis zu 15 Prozent der Investitionssumme und ab jeweils 1.000 Euro pro Person an einer Leitung beteiligen können. Vorrang genießen dabei die Anwohner neuer Leitungsprojekte. Insgesamt sollen von Nord nach Süd neue Höchstspannungsleitungen von 2.800 Kilometern Länge gebaut werden.

Mit den vier Übertragungsnetz-Betreibern 50Hertz, Amprion, Tennet und TransnetBW unterzeichneten die Minister eine entsprechende Erklärung, welche die Beteiligung am Netzausbau für die Bürger öffnet. Rösler betonte: „Das ist ein guter Tag für die Umsetzung der Energiewende“. So könne der Netzausbau beschleunigt werden. Statt bisher zehn Jahren Planungs- und Bauzeit für eine neue Höchstspannungsleitung solle diese auf vier Jahre verkürzt werden. Dafür sei die Akzeptanz der Bürger vor Ort entscheidend, sie hätten durch den Anteilekauf und feste Renditen einen echten Mehrwert. Der Gesamtumfang der notwendigen Netzinvestitionen werde bis zum Jahr 2023 auf rund 20 Milliarden Euro geschätzt, hieß es weiter. Die Bürgerbeteiligung soll bis zu 15 Prozent dieser Investitionssumme einbringen.

Fragen zum Netzausbau

Wie groß ist der Ausbaubedarf?

Der von den Netzbetreibern vorgestellte Entwicklungsplan sieht bis 2022 insgesamt 3.800 Kilometer neue Stromtrassen vor, dazu den Ausbau von 4.400 Kilometern bereits bestehender Leitungen. Das soll rund 20 Milliarden Euro kosten.

Um welche Leitungen geht es?

Es gibt zwei Arten von Stromleitungen: Übertragungsnetze und Verteilnetze. Das Übertragungsnetz verhält sich zum Verteilernetz in etwa so wie eine Autobahn zu einer Landstraße oder innerstädtischen Straße. Beim Ausbau der Netze geht es vor allem um die Übertragungsnetze, die den Strom etwa vom windreichen Norden in den Rest der Republik transportieren sollen.

Das Übertragungsnetz

Das Übertragungsnetz in Deutschland ist rund 35.000 km lang und wird von den vier Übertragungsnetzbetreibern Tennet, 50Hertz, Amprion und Transnet BW betrieben.

Das Verteilnetz

Das Verteilnetz in Deutschland ist hingegen rund 1,7 Millionen Kilometer lang und wird von etwa 900 Unternehmen, darunter viele Stadtwerke, betrieben.

Wer bezahlt den Ausbau?

In letzter Instanz zahlt der Stromverbraucher über eine Umlage auf den Strompreis den Netzausbau. Diese Umlage nennt sich Netzentgelt, also eine Gebühr dafür, dass der Strom der Verbraucher über die Leitungen der Netzbetreiber geschickt werden darf. Die Gebühr macht derzeit 23 Prozent des Strompreises aus.

Über diese Umlage finanziert der Staat den Netzausbau: Die Netzbetreiber erhalten von der Bundesnetzagentur auf ihre Investitionskosten 9,5 Prozent Eigenkapitalverzinsung garantiert. Sie müssen lediglich dafür sorgen, das nötige Kapital für den Ausbau aufzutreiben.

Keine Einigung gab es jedoch bei den erwarteten Mehrkosten für die Unternehmen durch die Bürgerbeteiligung. Während die Netzbetreiber davon ausgehen, dass ihnen diese ersetzt werden, machte Altmaier darauf aufmerksam, dass mit der erwarteten Beschleunigung des Ausbaus den Netzbetreibern auch Einsparungen entstehen würden. Eine endgültige Entscheidung über eine Kostenübernahme könne erst später getroffen werden. Einigkeit herrschte, dass die Mehrkosten für die Bürgerbeteiligung nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten ausmachen würden. Somit verschiebt sich die konkrete Umsetzung des Programms auf die Zeit nach der Bundestagswahl.

Ein Pilotprojekt gibt es seit kurzem in Schleswig-Holstein. Tennet-Chef Martin Fuchs berichtete von ersten positiven Erfahrungen bei dieser Westküstenleitung. Hier sei ein Bürgerbeteiligungsmodell seit zwei Wochen freigeschaltet worden, die Zeichnungsfrist laufe bis Ende August. Es gebe reges Interesse an dem Modell, auf der Internetseite seien bislang Tausende Zugriffe registriert worden, rund Tausend Bürger hätten sich telefonisch nach den Beteiligungsmöglichkeiten erkundigt.

Altmaier sprach von „attraktiven Konditionen“. Er sagte: „Die Energiewende wird dann erfolgreich sein, wenn sie in Wirtschaft und Gesellschaft von vielen Akteuren getragen wird.“ Dies sei nach Bürgerwindparks und dem Bürger-Solaranlagen ein weiterer Schritt.

Normalerweise besorgen sich die Netzbetreiber das Geld über den Kapitalmarkt, über die Netzentgelte im Strompreis werden die Investitionen refinanziert. Diese machen heute etwa ein Viertel des Strompreises aus und dürften durch den Netzausbau weiter steigen. Mehrkosten durch die Bürgerbeteiligung sollen den betroffenen Netzbetreibern über die Netzentgelte erstattet werden.

Kommentare (15)

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doc_johnny

05.07.2013, 12:14 Uhr

Klasse! Darf ich mich dann auch am nahestehenden Kernkraftwerk beteiligen?

Ich meine dabei nicht eine Beteiligung an RWE oder e.on, die durch die Gesetzgebung bestohlen werden, sondern eine direkte Beteiligung am Kraftwerk. Das sollte eine schöne Rendite ergeben.

Im Ernst: Der Irrsinn Energiewende wird versucht mit Taschenspielertricks durchzubekommen. Es wird versucht, die Bürger durch Bestechung willfähig zu machen, obwohl diese wissen, dass Windturbinen und Photovoltaikanlagen umweltschädlich sind.

Was würden nicht unsere Grünen schreien, wenn die Betreiber von Kernkraftwerken die Bevölkerung im Umland bestechen würde?

EnergieWende = EnergieEnde = Verstand am Ende

RDA

05.07.2013, 12:39 Uhr

Aus verschiedenen Gründen wäre es sinnvoll, deutsche Netzgesellschaften komplett in Genossenschaften umzuwandeln, an denen sich die Herkunftskonzerne, der Staat udn die Bürger beteiligen können. Dann besteht wenigstens die Chance, dass die Infrastruktur auch vernünftig gepflegt und ausgebaut wird. Stattdessen haben unsere Konzerne ihre Netzgesellschaften an ausländische Fonds wie Macquarie vertickt, die wegen ihres kurzen Investitionshorizonts radikal Kosten kürzen und Investitionen strecken. Das Geld fließt dann in australische Altersvorsorgeprodukte und wird nicht wieder in Deutschland reinvestiert.

Account gelöscht!

05.07.2013, 12:40 Uhr

"Keine Einigung gab es jedoch bei den erwarteten Mehrkosten für die Unternehmen durch die Bürgerbeteiligung."

Soweit ich mich erinnere, bekommen die Netzbetreiber für den Ausbau ihrer maroden Netze eine Garantiedividende von 9% durch die schwarz-geld-Regierung. Es zahlt der Steuerzahler!!!

Und nun werden 5% davon an wohlhabende Bürger abgegeben. (50% der Bundesbürger haben kein Vermögen!!!)
Wieso Mehrkosten bei der Finanzierung? Die entstehen doch erst bei >9%!!!

Hier wird wieder betrogen unter dem Deckmantel der EE!

Typisch Schwarz-Geld-Regierung!

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