Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.04.2014

09:11 Uhr

Nicht nur Vorteile

Welche Rolle spielt Biogas bei der Energiewende?

Die Politik will das Großprojekt Energiewende reformieren. Auswüchse bei der Ökostromförderung sollen verschwinden. Die Lobby der Biogasbranche sieht bereits viel Anlass zur Kritik.

Biogas-Anlage im Getreidefeld: Der Zubau soll gedeckelt werden. dpa

Biogas-Anlage im Getreidefeld: Der Zubau soll gedeckelt werden.

HannoverRunde Anlagen mit spitzem Hütchen als Dach - Biogas prägt immer öfter das Bild im ländlichen Raum. Die Energieform könnte eine Schlüsselrolle spielen beim Weg weg von Atom und Kohle. Doch die Anlagen haben auch Schattenseiten.

Welche Rolle spielt Biogas hierzulande?
Biomasse ist mit einem Anteil von gut 7 Prozent an der gesamten Stromerzeugung die zweitwichtigste erneuerbare Quelle hinter der Windkraft (8 Prozent). Mit einigem Abstand folgen Solarenergie und Wasserkraft. Insgesamt kam 2013 knapp ein Viertel des Stroms aus Erneuerbaren Energien. Biomasse meint Abfälle (etwa Gülle oder Pflanzenreste) und nachwachsende Rohstoffe wie Mais. Sie werden in den Biogasanlagen vergoren. Meist wird das erzeugte Gas direkt zu Strom und Wärme umgewandelt. Auch eine Einspeisung ins Erdgasnetz ist möglich, was sich aber meist nur bei großen Anlagen rechnet.

Was macht Biogas unter den Erneuerbaren Quellen besonders?
Eine große Schwäche der regenerativen Erzeugung ist ihre schlechte Planbarkeit. Bei Flaute liefert Windkraft nichts und bei Dunkelheit ist auch auf Solarenergie kein Verlass. Sonnenstunden und Windstärken sind nicht planbar. Bei Biogasanlagen ist das anders. Ihre Lobby spricht daher auch von einer „Systemrelevanz für die Energiewende“.


Gibt es Zahlen dazu?
Der Fachverband Biogas ist nach eigenen Angaben Europas größte Lobby der Biogasbranche. Er hat kürzlich eine Studie des universitätsnahen Instituts für Zukunftsenergiesysteme Saarbrücken (IZES) vorgestellt. Demnach könnten die knapp 8000 Anlagen hierzulande aufgerüstet werden und mittels dieser technischen Aufwertung rund 6 Gigawatt elektrische Leistung flexibel, also auf Abruf bereitstellen. Die Netzbetreiber hätten auf Knopfdruck Zugriff auf die Anlagen. 6 Gigawatt entspricht ungefähr der Leistung von vier Atomkraftwerken. Perspektivisch wären laut der IZES-Studie sogar 15 Gigawatt elektrische Leistung drin, falls unter günstigen Rahmenbedingungen weiter ausgebaut wird. Würde die Hälfte der bestehenden bundesweiten Anlagen flexibilisiert, lägen die Kosten laut der Studie zwischen 150 und 320 Millionen Euro.

Was halten Kritiker von der Energieform Biogas?
In der Energiewende hat auch Biogas seine Schattenseiten, denn mit ihm wird die Landschaft zum Kraftwerk. Mais ist ein ergiebiger Treibstoff für Biogasanlagen, was dazu führte, dass die Nutzpflanze hierzulande im vergangenen Jahrzehnt eine enorme Ausbreitung fand. Die Folge: „Vermaisung“, wie es Kritiker nennen. Mais-Monokulturen bedrohen die Artenvielfalt und verändern ganze Landschaften nachhaltig. Langzeitfolgen etwa für das Grundwasser zeigen sich womöglich erst später in der Zukunft.

Und was sagt die Wissenschaft?
Das Fraunhofer-Institut hat einen Kostenvergleich für die Umwandlung unterschiedlicher Energieformen in elektrischen Strom angestellt. Demnach ist Strom aus Biogas teurer als aus Wind und Sonne. Doch die Analyse berücksichtigt nicht, dass Biogasanlagen auch ihre Abwärme nutzen. Da die Energieversorgung dezentraler und intelligenter werden soll, haben Biogasanlagen zumindest an diesem Punkt einen Vorteil. Die Bauern können mit der Wärme beispielsweise ihre Ernte trocknen.


Welche Ecken in Deutschland sind besonders biogaslastig?
Bayern und Niedersachsen sind Spitzenreiter und stellen zusammen rund die Hälfte aller bundesweiten Standorte. Während der Freistaat mehr Anlagen zählt, schaffen Niedersachsens Standorte mehr Leistung. Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein folgen mit etlichem Abstand.

Video

ADELE - Der Stromspeicher der Zukunft

Video: ADELE - Der Stromspeicher der Zukunft

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.


Was halten die jüngsten Pläne der Politik für Biogas bereit?
Auch wegen der Zunahme von Maisanbauflächen soll der Zubau auf nur noch 100 Megawatt pro Jahr gedeckelt werden. Das wäre spürbar weniger als zuletzt. Beim größten Sprung in den vergangenen zehn Jahren kamen von 2010 auf 2011 rund 800 Megawatt hinzu. Mit den Reformplänen im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sollen neue Anlagen vor allem mit Abfall- und Reststoffen gefüttert werden. Auch das ist eine Reaktion auf die „Vermaisung“. Da Biogasanlagen anders als Sonne und Wind berechenbarer Energie liefern, soll die Produktion stärker auf den aktuellen Bedarf ausgerichtet werden - Stichwort Flexibilisierung.

Und wie reagiert die Branche auf die Pläne der Politiker?
Mit breiter Kritik. Der Präsident des Fachverbandes Biogas, Horst Seide, spricht von einem „Stopp für Biogas“. Die Lobby wehrt sich gegen mehrere Punkte. Eine Forderung: Die Deckelung für den künftigen jährlichen Anlagenneubau solle lieber bei 250 statt der geplanten 100 Megawatt liegen. Dem Fachverband gehen auch die Regelungen für den Materialmix in den Anlagen zu weit, sie beschränkten Pflanzen wie Mais zu sehr. Außerdem rechneten sich viele erst kürzlich getätigte Investitionen mit den neuen Vorgaben kaum noch. Insolvenzen könnten die Folge sein. Daher müssten Übergangsregeln und Bestandsschutz her.

Von

dpa

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

28.04.2014, 09:34 Uhr

Norddeutschland hat sich von einer Landwirtschaft, die vornehmlich Grünland bewirtschaftet hat zu einem Maisanbaugebiet gewandelt. Dies ist nur mit einem massiven Einsatz von Düngemitteln möglich. Diese werden unter sehr hohem Energieaufwand vornehmlich aus Erdgas produziert. Ökologisch ist dass nicht und wirtschaftlich ebenfalls nicht. Warum das so produzierte Gas als Biogas bezeichnet wird, ist nicht nachvollziehbar. Niemand würde Deponiegas oder Klärgas als Biogas bezeichnen, der Prozess ist hierbei allerdings der gleiche. Dem Autor sei angeraten. Als große ökologische Komponente wird die Möglichkeit der Kraftwärmekopplung genannt, allein der Autor möge sich einmal auf den Weh machen und recherchieren wie viele Anlagen ganzjährig im KWK betrieb laufen. Das Ergebnis dürfte ernüchternd ausfallen. Ich finde die Verwertung von biogenen Abfällen und Reststoffen in einer Vergasungsanlage gut und richtig, den Einsatz von Nährmitteln wie z.B.Mais halte ich angesichts des Hungers auf der Welt für verwerflich. Allein das dürfte die Betreiber dieser anlagen nicht interessieren, hier geht es nur ums liebe Geld. Menschen und Umwelt spielen dagegen keine rolle.

Account gelöscht!

28.04.2014, 09:35 Uhr

Auch die Faulgas Erzeuger müssen sich ENDLICH den Markt stellen und von den hohen Subventionsvergütungen des EEG entkoppelt werden!
Wer sein Faulgas Produziert, der muss gefälligst auch für die eigene Vermarktung sorgen. Der Einspesevorrang ist nicht mehr zu halten, weil dieser den Marktwettbewerb extrem verzerrt und andere (zuverlässige) Energie Erzeuger extrem negativ beeinflusst und dies zum Schaden unseren gesamten Volkswitschaft/Gesellschaft!

Account gelöscht!

28.04.2014, 11:54 Uhr

Der Umgang mit der Biogas-Thematik ist in der aktuell in Deutschland stattfindenden Form eine FARCE!
"Nicht nur Vorteile"!
Ein sehr trefflicher, wenn auch verharmlosender, Titel für das Thema Biogas, wie ich finde.
Sie merken ich nähere mich dem Thema kritisch. Allerdings ist die in Deutschland landläufige Form der Biogas-Produktion tatsächlich weit von der, durch die Vorsilbe "Bio" implizierte grüne Energiegewinnung entfernt.
Betrachten wir nur einmal den Prozess von Beginn an:
Um Biogas-Strom zu erzeugen benötigen wir zuerst eine Biogas-Anlage. Soweit noch kein essenzieller Unterschied zur Wind- oder Sonnenernergiegewinnung. Nun benötige ich Ressourcen, die meine Anlage in Energie umwandelt. Bei Wind- und Sonnenenergie kein großes Problem. Bei der Biogas-Anlage allerdings handelt es sich bei den benötigten Ressourcen meist um "Nahrungsmittel"!
Am energieefizientesten werden Biogas-Anlagen durch die Ressource Mais betrieben. Hierbei handelt es sich nicht direkt um ein Nahrungsmittel für den Menschen, da dieser Mais durch diverse künstliche Prozesse(z.B. Gentechnik, Dünger, etc.) für den Menschen ungeniesbar gemacht wurde. Allerdings handelt es sich um eine Nutzpflanze für die Ernährung unserer Tierzucht! Des Weiteren stehen die zum Anbau dieses Maises verwendeten Flächen, dem Anbau der Nahrung für die Tierhaltung nicht mehr zur Verfügung.
Nun könnte man argumentieren, ob nun die Flächen für die Produktion von Mais für Tierhaltung, oder für Mais für Biogas-Anlagen verwendet werden spielt doch keine Rolle. An dieser Stelle sollte ein jeder beim nächsten Spaziergang durch die Felder innehalten und versuchen sich an die Landschaft von vor 10 Jahren zu erinnern. Die Form in der der Maisanbau von Biogas-Anlagenbetreibern betrieben wird untscheidet sich sowohl in Umfang, Art, als auch in der Qualität (Schlagworte: Monokultur, Maschinengröße, etc.) von der Form des Anbaus der Tierhalter essenziell!
Betrachten Sie Ihre Umgebung bei nächster Gelegenheit unter diesem Aspekt!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×