Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.10.2014

06:00 Uhr

O wie Offshore

Der schlummernde Riese des Ozeans

VonChristina Stahl

Wir nutzen erst einen kleinen Teil des riesigen Energiepotenzials der Meere: Mit den richtigen Technologien ließen sich aus Gezeiten, Strömungen, Wind und Wellen 13 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs gewinnen.

Der Windpark BARD Offshore 1 in der deutschen Nordsee: Das Potenzial der Meeresenergie ist hoch – und noch lange nicht ausgeschöpft. Reuters

Der Windpark BARD Offshore 1 in der deutschen Nordsee: Das Potenzial der Meeresenergie ist hoch – und noch lange nicht ausgeschöpft.

Extreme Kräfte von Wind, Wellen und Meeresströmung, Blitzentladungen und Temperaturschwankungen von minus 25 Grad bis plus 25 Grad: Das Meer ist kein Freund der Technik. Stromerzeugungsanlagen auf dem Meer müssen einiges aushalten. Sie zu installieren und zu warten ist teuer. Ingenieure auf der ganzen Welt tüfteln an technischen Innovationen, um die Kraft von Wind, Wellen und Gezeiten effizienter nutzbar zu machen. Denn das Reservoir ist groß: Mit Meeresenergie lässt sich theoretisch fast das 100-fache der heutigen globalen Stromproduktion erzeugen: Zwei Millionen Terrawattstunden beträgt das jährliche Potenzial der Meeresenergie, gerade einmal 22.600 Terrawattstunden wurden 2012 mit Meeresenergie erzeugt. Ein Drittel des deutschen Strombedarfs ließe sich decken, wenn Europa sein Potenzial auf Basis der heute bekannten und wirtschaftlichen Techniken ausschöpfen würde, schätzt die Europäische Kommission. Trotzdem ist in den meisten Staaten die Energiegewinnung aus dem Meer erst in den vergangenen zehn Jahren mehr als ein Wunschtraum geworden.

Jetzt wollen Deutschland, aber auch Frankreich, Belgien, die Niederlande, Großbritannien, China und Japan ihre Offshore-Kapazitäten stark ausbauen. In deutschen Gewässern sind aktuell fünf Offshore-Windparks in Betrieb: Alpha Ventus (60 MW), BARD Offshore I (400 MW), Riffgat (108 MW), Hooksiel (5 MW) und Enova Offshore (4,5 MW) in der Nordsee sowie Baltic 1 (48 MW) und Rostock (1 MW) in der Ostsee. Mitte 2014 waren in Deutschland rund 628 Megawatt (MW) Offshore-Windleistung am Netz. 2030 sollen es aber bereits 15.000 MW sein. Das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz hat Offshore-Investoren Sicherheit und so zusätzlichen Schwung in den Ausbau gebracht. Mehrere Dutzend neuer Windparks mit klingenden Namen wie Ostseeperle, Adlergrund und Apollon sind in der Bau-, Genehmigungs- oder Planungsphase.

Nur weiter draußen ist noch Platz

Es wird also eng auf hoher See. Vor allem die flachen Küstengewässer sind bereits weitgehend genutzt oder verplant. Die Offshore-Parks stoßen in tiefere Gewässer vor – doch ab 30 Meter Wassertiefe sind konventionelle Fundamente nur noch schwer einsetzbar. Bereits in flacherem Wasser braucht es mehrere Tage mit ruhiger See, Vorbereitungen unter Wasser und den teuren Einsatz von Schwimmkränen. Neue Gründungen sollen helfen:

Das norwegische Unternehmen Seatower hat etwa ein neuartiges Fundament entwickelt, das sich auch für tiefe Gewässer eignet. Ein Koloss aus Beton, den Schlepper ins offene Meer hinausziehen und dort versenken. Dazu braucht es keine aufwändigen Vorbereitungen oder die richtigen Wetterbedingungen. Einmal versenkt, können selbst Monster-Wellen den Betonfuß nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen. Die eigentliche Windturbine wird anschließend darauf montiert.

Video

Diese Windräder haben es in sich

Video: Diese Windräder haben es in sich

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Nicht untergehen sondern schwimmen soll dagegen das Fundament einer Firma aus Stralsund. Die Entwickler haben sich an Offshore-Parks in Japan und Norwegen orientiert. Dort sind viele Windräder nur auf einem Schwimmer montiert, der mit Stahlseilen am Meeresboden vertäut ist. Die Konstruktion aus Stralsund besteht aus vier Schwimmtanks mit einer Kantenlänge von 32. Der eigentliche Windgenerator wird am Pier auf dem Luftkissen-Fundament montiert. Ein Schlepper zieht das fertige Windrad ins Meer hinaus, dort ziehen vier am Grund verankerte Stahlseile die Schwimmtanks unter Wasser. Schon ab einer Wassertiefe von 20 Metern spare das Geld, sind sich die Entwickler sicher. Denn das Schwimm-Fundament benötigt weniger Material, der Aufwand für die Installation sinkt.

Windparks gehen online

Die Fertigung von Rotorenblättern zu automatisieren und so günstiger zu machen, hat sich das Verbundprojekt „Blade Maker“ vorgenommen. Die Rotoren machen ein Viertel der Gesamtkosten einer Windenergieanlage aus, vor allem weil sie bisher hauptsächlich per Hand gefertigt werden. Die Blatthälften werden fast ausschließlich von Hand mit Glas- oder Kohlenstofffaserbahnen belegt, mit einem Harz verklebt und schließlich zu einem Blatt zusammengefügt. Mit zunehmender Größe – und zu der geht der aktuelle Trend bei Land- und Meeres-Windrädern – wird das aufwändiger und teurer. Ziel des 2017 auslaufenden Projekts ist es deshalb, die Kleinserienfertigung auf großindustrielle Produktion umzustellen und die Herstellungskosten so zu senken.

Schließlich macht die Digitalisierung auch vor Offshore-Windparks nicht halt: Künstliche Intelligenz und automatische Selbstorganisation sollen Wartungs‐ und Reparaturabläufe auf See optimieren. Das Uni-Forschungsprojekt "prelnO" entwickelt Software, die die Wartung und Reparatur der Anlagen auf hoher See vereinfachen soll. In der Offshore-Industrie wollen Reparatureinsätze gut geplant sein: Die Wetterbedingungen müssen stimmen, Hubschrauber und das geeignete Personal zur Verfügung stehen. Jeder Verzug kostet. Das Steuerungssystem soll alle Daten aus dem Offshore-Windpark sammeln, den Zustand des Windpark erkennen und selbstständig Aufgaben nach Dringlichkeit ordnen. Die Entwickler versprechen, dass die "künstliche Intelligenz" Risiken abwägen, Instandhaltungsumfänge einschätzen, Arbeitspläne takten und logistische Abläufe planen kann.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Holger Narrog

09.10.2014, 18:56 Uhr

Die Sonneneinstrahlung, der Wind, die Gezeiten, die Erdwärme sind in der Tat gewaltige potentielle Energiequellen.

Allerdings ist die Energiedichte und die Nutzbarkeit dieser potentiellen Energiequellen viel zu gering um mit den heutigen Energiequellen, Kohle, Erdgas, oder der zukunftsträchtigen, umweltfreundlichen Kernenergie in Wettbewerb zu treten. Häufig ist der Aufwand dieser der Energiegewinnung höher als der Ertrag.

Im Zuge der Ökoreligion gelingt es Lobbyisten die Medien mit selektiven Argumenten, oder Phantasie die Menschen zu begeistern und die Politiker geeignete Subventionsgesetze zu erlassen. Die modernen Energiequellen werden im Gegenzug mit Phantasiekatastrophengeschichten wie Waldsterben, Klimwandel, Atomstrahlenphantasien diskreditiert.

Mittlerweile betragen die Kosten der "Energiewende" ca. 40 Mrd. €/Jahr. Schön wäre es zur Wirklichkeit zurückzufinden und Energiequellen zu entwickeln die ein reales Potential bergen.

Frau Alina Alanka

09.10.2014, 19:26 Uhr

Zitat von oben: "Mit den richtigen Technologien ließen sich aus Gezeiten, Strömungen, Wind und Wellen 13 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs gewinnen." Aktuell erinnert dieser Satz an einen anderen Traum aus dem Reich der Phantasien.

"Die Wüsten der Erde empfangen in 6 Stunden mehr Energie von der Sonne, als die Menschheit in einem ganzen Jahr verbraucht." Das ist der Leitspruch des Dr. Gerhard Knies - Vorsitzender des Aufsichtsrates der DESERTEC Foundation und Mitglied der Deutschen Gesellschaft des CLUB OF ROME.

Die Schaumschläger des Wüstenstromprojekts Desertec lassen grüßen: Die Fata Morgana löst sich in Nichts auf und die in sie hinein gesteckten Gelder vermehren den Sand der Wüsten in Nordafrika. Die grüne und vorteilhaft für die Menschen angepriesene Oase der Energiewende ist am Vertrocknen. Nicht anders sind die wohlfeilen Worte über eine Energiegewinnung aus Gezeiten, Strömungen, Wind und Wellen zu betrachten.

Bei der Stromversorgung zählen nicht die über den Globus verteilten Energiemengen (kWh), sondern immer nur die vor Ort anzutreffende bzw. technisch umsetzbare Leistungsdichte (kW/qm) - ein Maß, welches den jeweiligen Flächenbedarf beinhaltet. Dieses Maß muss sich zwangsläufig an der örtlichen Bevölkerungsdichte (Einwohner/qm) orientieren - ein weiteres Maß des Flächenbedarfs. Sofern eine vernetzte Stromversorgung verlässlich funktionieren soll, müssen beide Maße miteinander harmonieren. Die Masse der Menschheit wohnt schließlich in existierenden Ballungsräumen und nicht gleichmäßig verteilt in den Wüsten oder auf den Meeren dieser Erde.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×