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04.08.2014

09:40 Uhr

Praxis-Test

Sprechstunde für Flüchtlinge unerwünscht

Arztbesuche können für Flüchtlinge eine große Hürde sein – fernab der Heimat und mit wenig Sprachkenntnissen. In Schwetzingen wollen Ärzte unkonventionell helfen, doch sie stoßen auf Widerstand der Behörden.

Sprachbarrieren: Für Flüchtlinge birgt ein Arztbesuch viele Hindernisse. dpa

Sprachbarrieren: Für Flüchtlinge birgt ein Arztbesuch viele Hindernisse.

SchwetzingenWenn ein Flüchtling bei Hausärztin Nicole Neßling im Behandlungszimmer sitzt, funktioniert die Kommunikation oft nur mit Händen und Füßen. „Es gibt zum Beispiel viele Afrikaner und Afghanen, die gar kein Englisch sprechen“, sagt die 45-Jährige. „Ein ärztliches Gespräch ist dann nur mit Dolmetscher möglich – die Patienten kommen aber trotzdem immer wieder allein.“ Am liebsten würde die Ärztin die Flüchtlinge direkt in der Gemeinschaftsunterkunft untersuchen, die ein paar Kilometer außerhalb des Ortskerns von Schwetzingen in Baden-Württemberg liegt. „Dort wäre es leichter, einen Übersetzer zu finden“, sagt sie. Doch das zuständige Landratsamt verhindert Sprechstunden vor Ort.

Neßling kann das Nein der Behörde nicht nachvollziehen. „Ich könnte mir vorstellen, ein halbes Jahr lang ein Pilotprojekt zu machen und dann ein Resümee zu ziehen.“ Die Ärztin und ihr Kollege Andreas Reinicke stellen sich ein bis zwei Sprechstunden pro Woche vor, für ein paar Stunden. Dabei gehe es nicht um eine kostenlose Versorgung: Abrechnen würden sie über das Sozialamt. „Wir können die Patienten viel schneller und effizienter vor Ort versorgen“, sagt Reinicke.

Der Landrat des Rhein-Neckar-Kreises sieht das anders als die beiden Schwetzinger Ärzte. Hausbesuche in der Unterkunft mit den rund 250 Menschen seien zwar möglich, jedoch keine feste Sprechstunde, sagt Stefan Dallinger. Es gebe keinen geeigneten Raum, und vom Land bekomme er auch kein Geld, um extra einen herzurichten, der die nötigen Standards erfülle. Zudem müsse solch ein Betrieb ausgeschrieben werden. „Ich kann es nicht zwei Ärzten einfach zuschustern.“

Auch gebe es eine freie Arztwahl, die bei einer fixen Sprechstunde in der Unterkunft nicht mehr sichergestellt wäre. „Die Asylbewerber würden dann natürlich nicht mehr zu anderen Ärzten gehen“, sagt Dallinger. „Wir würden in den Wettbewerb eingreifen und das geht nicht so einfach, wie manche sich das vorstellen.“ Ein wichtiges Argument ist für den CDU-Landrat außerdem, dass die Flüchtlinge nicht zur Unselbstständigkeit erzogen werden sollten. Schließlich blieben sie nur eine begrenzte Zeit in der Unterkunft und kämen dann an einen anderen Ort. „Asylbewerber sollen selbstständig ihr tägliches Leben bestreiten können – und dazu gehören auch Arztbesuche.“

Neßling kommen die Argumente des Landrats vorgeschoben vor. „Ich hätte nicht gedacht, dass es auf so einen Widerstand stoßen würde“, sagt sie. „Wenn man es wollte, wäre es durchaus möglich.“ Viele Flüchtlinge, vor allem Frauen, hätten eine hohe Hemmschwelle, einen Arzt aufzusuchen. Neßling hofft, sie mit einem niederschwelligen Angebot eher zu erreichen. Damit entstünden ihr zufolge mittelfristig sogar weniger Kosten, weil Krankheiten nicht verschleppt würden und mögliche Infektionskrankheiten sich nicht ausbreiten könnten.

Auch den Vize-Geschäftsführer der Organisation Pro Asyl überzeugt die Argumentation des Landrats nicht. Das deutsche Gesundheitssystem zu durchschauen, falle ja schon Deutschen schwer, sagt Bernd Mesovic. Da könne so ein Angebot durchaus sinnvoll sein, gerade in großen Unterkünften. „Ich bin dafür, möglichst vieles pragmatisch zu regeln.“ Für die Frage eines passenden Raumes und einer möglichen Konkurrenzsituation zwischen den Schwetzinger Ärzten gebe es sicher Lösungen. „Wenn es konstruktive Gedanken gibt, wie man es machen kann, sollte man es nicht behindern.“

Von

dpa

Kommentare (1)

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Herr Rene Weiß

04.08.2014, 10:02 Uhr

Natürlich ließe sich mit dem Geld ("Abrechnen würden sie über das Sozialamt") des Steuerzahlers vieles pragmatisch lösen.
Die Behörden und Politiker sollte man davon wegkommen, den Steuerzahlern alles aufzulasten, was ihnen lästig und unpopulär ist.

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