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23.08.2013

14:50 Uhr

Prozess in Göttingen

Arzt bestreitet Mangel an Spenderorganen

Der angeklagte Arzt im Göttinger Prozess um Betrug bei Organ-Transplantationen soll den Tod von Patienten billigend in Kauf genommen haben. Am zweiten Verhandlungstag deutete sich neue Schwierigkeiten an.

Eine Organtransportbox: Der Prozess um den Organspende-Skandal am Göttinger Uniklinikum wird fortgesetzt. dpa

Eine Organtransportbox: Der Prozess um den Organspende-Skandal am Göttinger Uniklinikum wird fortgesetzt.

GöttingenIm Göttinger Prozess um Betrug bei Organtransplantationen hat der angeklagte Arzt einen allgemeinen Mangel an Spender-Lebern bestritten. Würden sogenannte stabile Patienten von der Warteliste genommen, gäbe es sogar ein Überangebot an Organen, sagte der Mediziner am Freitag vor dem Landgericht. Der ehemalige Chef der Transplantationsmedizin im Göttinger Uniklinikum muss sich wegen versuchten Totschlags in elf Fällen verantworten. Dabei geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass durch die Manipulationen des Angeklagten andere todkranke Patienten keine Organe bekommen haben.

Der Mediziner soll Daten manipuliert haben, um schneller Organe für seine Patienten zu bekommen. Ihm wird auch Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen vorgeworfen. Der Mediziner soll drei Patienten ohne medizinische Notwendigkeit Lebern übertragen zu haben. Sie starben anschließend.

Wie läuft eine Organspende ab?

Der Hirntod wird festgestellt

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Untersuchung des Spenders

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird.

Der Spender wird gemeldet

Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle „Eurotransplant" geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht.

Die Organe werden entnommen

Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden.

Die Organe werden transportiert

Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Wie schwer der Beweis dafür werden könnte, dass andere Patienten tatsächlich zu Schaden gekommen sein könnten, deutete sich im Prozess an. Das Gericht verlas exemplarisch für einen Fall das Protokoll der zentralen Vergabestelle Eurotransplant. Danach haben Patienten, die durch die angebliche Manipulationen auf der Warteliste nach hinten rutschten, trotzdem Spenderlebern erhalten.

Auf die konkreten Vorwürfe der Staatsanwaltschaft ging der Arzt am zweiten Verhandlungstag nicht ein. Er erklärte jedoch, es habe für Patienten mit einem dringenden Bedarf immer genügend Spenderorgane gegeben. Auf Fragen von Staatsanwaltschaft und Nebenklage wollte der Angeklagte nicht antworten. Verteidiger Steffen Stern begründete dies mit Zweifeln daran, dass beide ein echtes Aufklärungsinteresse hätten. Die Staatsanwaltschaft wies den Vorwurf zurück.

Der Arzt sagte zuvor, finanzielle Motive hätten für ihn keine Rolle gespielt. Die Bonuszahlungen in Höhe von 1500 Euro ab einer bestimmten Zahl von Lebertransplantationen seien in der Summe niedriger gewesen, als wenn er Überstunden hätte abrechnen können. Er sei bis zu 30 Tage im Monat und zwölf Monate im Jahr in der Klinik tätig gewesen.

Zahlen und Fakten zur Organspende

Warteliste

Rund 12.000 Menschen warten auf ein Spenderorgan und sind bei Eurotransplant angemeldet, etwa 8000 von ihnen brauchen eine Niere.

Todesfälle

Im Schnitt sterben täglich drei Menschen, die auf den Wartelisten stehen.

Spenderausweis

74 Prozent der 14- bis 75-jährigen Bundesbürger stimmen einer Organspende grundsätzlich zu, aber nur 25 Prozent haben bislang einen Spenderausweis.

Organentnahme

Im ersten Halbjahr 2013 wurden 459 Menschen (Vergleichszeitraum 2012: 562) insgesamt 1686 (Januar bis Juni 2012: 1923) Organe entnommen.

Organtypen

Unter den 3511 im ganzen Jahr 2012 entnommenen Organen (einschließlich Lebendspenden 4555 Organe) waren 1789 Mal Niere, 919 Leber, 339 Lunge, 318 Herz, 141 Bauchspeicheldrüse und 5 Dünndarm.

Spenderalter

2012 waren von den Spendern 22 jünger als 16 Jahre, 467 waren 16 bis 54 Jahre, 227 waren 55 bis 64 Jahre und 330 waren älter als 65 Jahre alt.

Wartezeit

Patienten warten fünf bis sechs Jahre auf eine Spender-Niere.

Nierenspenden

2012 wurden 766 Nieren von lebenden Spendern übertragen. Zudem wurden 78 mal Lebendspendern Teile der Leber entnommen.

Bei dem Prozess handelt es sich um das bundesweit erste Verfahren, in dem einem Arzt nach Manipulation von Patientendaten Tötungsdelikte vorgeworfen werden. Rechtsexperten halten es für problematisch, dass nicht klar nachgewiesen werden kann, wer die Geschädigten sind. Für den Prozess sind bislang bis Mai 2014 mehr als 40 Verhandlungstage angesetzt.

Nach Bekanntwerden des Falls, der im vergangenen Sommer bundesweit Schlagzeilen gemacht hatte, sank die Bereitschaft zur Organspende merklich. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organspende ging die Anzahl der Organspender seither um fast 20 Prozent zurück.

Von

dpa

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