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25.09.2014

17:56 Uhr

Recycling

Mannheim stößt auf Öl

VonBernward Janzing

Ingenieure und Wissenschaftler arbeiten an Verfahren für die Aufbereitung von Kunststoffmüll. Anlagen, die aus Plastik wieder Öl machen, gibt es bereits. Doch ihre Wirtschaftlichkeit lässt noch zu wünschen übrig.

Kunststoffabfälle: Ein Projekt in Mannheim will das darin erhaltene Erdöl verfügbar machen. dpa

Kunststoffabfälle: Ein Projekt in Mannheim will das darin erhaltene Erdöl verfügbar machen.

FreiburgIst das die Zukunft des Kunststoffmülls? Am Mannheimer Rheinauhafen entsteht eine „Kunststoff-Öl-Recycling-Anlage“: Aus Plastikmüll soll Heizöl werden – 850 Liter Öl aus 1000 Kilogramm Abfall verspricht der sogenannte Syntrol-Prozess. Das Verfahren zersetzt die Abfälle in mehreren Stufen. „Das Öl hat DIN-Qualität, es entspricht leichtem Heizöl“, sagt der technische Leiter der zukünftigen Anlage, Dieter Stolle. Im November soll der Bau beginnen.

Das Interesse an solchen Recycling-Lösungen wächst, denn die Rückgewinnung von Rohstoffen wird immer wichtiger. Die EU-Kommission hat nun vorgeschlagen, dass im Jahr 2030 in Europa 70 Prozent der Siedlungsabfälle und 80 Prozent der Verpackungsabfälle recycelt werden müssen. „Wenn wir wettbewerbsfähig sein wollen“, sagt EU-Umweltkommissar Janez Potocnik, „müssen wir so viel wie möglich aus unseren Ressourcen herausholen. Das heißt, wir müssen sie recyceln und wieder einer produktiven Verwendung zuführen.“

Erhöhte Energieausbeute

Die letzten vom Umweltbundesamt (UBA) verbreiteten Zahlen stammen aus dem Jahr 2011. Damals fielen in Deutschland knapp 5,45 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an. 42 Prozent wurden werkstofflich recycelt, 56 Prozent in Müllverbrennungsanlagen oder in industriellen Öfen energetisch verwertet.

Die Firma Ventafonds, die das Projekt in Mannheim betreibt, versichert: Rund 80 Prozent der Energie, die im Plastikmüll steckt, werde man am Ende in Form von Öl verfügbar haben. Und doch stellen sich Fragen zum aufwendigen Prozess: Wenn man das Öl anschließend verbrennt, warum verbrennt man nicht gleich den Kunststoff? „Man hat eine höhere Energieausbeute, weil die Verbrennung des normierten Öls präziser steuerbar ist. Und es gibt weniger Abgase“, sagt Stolle.

Müllverbrennung: Stand der Technik

Untersuchung

Wo die alternativen Verfahren zur Müllverbrennung derzeit stehen, hat das Umweltbundesamt (UBA) jüngst untersuchen lassen. „Die Müllverbrennung bildet weiterhin den Stand der Technik zur Behandlung von gemischten Restabfällen“, heißt es in der Zusammenfassung. Der Abschlussbericht liegt aber erst im Entwurf vor.

Verbrennung

Alternative thermische Verfahren, die in wirtschaftlicher und gleichzeitig ökologischer Hinsicht mit den Maßstäben der Abfallverbrennung konkurrieren könnten, seien „nicht verfügbar“, so das UBA. Bei gleichen Randbedingungen sei die Müllverbrennung am leistungsfähigsten.

Statt es zu verbrennen, könnte man aus dem erzeugten Öl natürlich auch neuen Kunststoff herstellen. Wäre es in diesem Fall nicht sinnvoller, Kunststoff direkt zu Kunststoff zu recyceln? „Das Problem: Kunststoffabfälle sind oft nicht sortenrein“, sagt Stolle. Aus Mischkunststoffen ließen sich zumeist nur minderwertige Recycling-Rohstoffe herstellen. Einen reinen Kunststoff verwerte man in der Tat besser direkt stofflich.

Mit Spannung werden die Praxiserfahrungen erwartet, was die Wirtschaftlichkeit der Anlage und ihre Bewährung im Alltag betrifft. Stolle verweist auf eine Pilotanlage im schweizerischen Sihlbrugg und stellt den Investoren der über einen Fonds finanzierten Anlage zweistellige Renditen in Aussicht.

„Cradle to Cradle“-Siegel

Das Umweltbundesamt äußert sich unterdessen kritisch zu den bisher praktizierten Verfahren der Kunststoffverwertung: „Grundsätzlich haben wir mit Pyrolyse- und Vergasungsverfahren für Abfälle in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht, da sie weder dauerhaft funktionierten noch wirtschaftlich waren“, erläutert Michael Angrick, Fachbereichsleiter für Kreislaufwirtschaft beim UBA.

Wird nun die Syntrol-Anlage den ersehnten Durchbruch bringen? Immerhin hat ein bekannter Umweltwissenschaftler für das Projekt seinen Namen hergegeben: Der Hamburger Chemiker Michael Braungart, Gründer des Epea-Instituts, hat der Anlage das „Cradle to Cradle“-Siegel verliehen – „von der Wiege bis zur Wiege“ also. Denn die Anlage ermögliche es, „aus Verbundstoffen und Kunststoffabfällen Rohstoffe zu gewinnen“ – sie schaffe also Kreisläufe.

Kritiker halten Braungart vor, er messe dem Thema Energie regelmäßig wenig Bedeutung bei. Was nützt das beste Recyclingverfahren, der beste Stoffstromkreislauf, wenn das Verfahren viel Energie benötigt? Und so birgt auch die neue Anlage in Mannheim, was die nötige Prozessenergie betrifft, noch Unsicherheiten.

Unterdessen wird mit Hochdruck an anderen Stellen ebenfalls an neuen Verfahren des Recyclings gearbeitet – auch an der Wiederverwertung von Kunststoffen. So baut die Firma Dyneon, eine Tochter des Chemiekonzerns 3M, gerade eine neue Anlage zur Nutzung von Fluorpolymer-Abfällen. Das sind besonders hitze- und chemikalienbeständige Spezialkunststoffe, die zum Beispiel im Automobilbau für Benzinschläuche oder in der Umwelttechnik für Dichtungen und Rohrleitungen eingesetzt werden. Aber auch für zahlreiche Gegenstände des Alltags werden sie benutzt, etwa unter den Namen Teflon oder Goretex.

Trennprozesse auf atomarer Ebene

In der Recyclinganlage sollen die Kunststoffe bei einer Temperatur zwischen 400 und 700 Grad Celsius vollständig zersetzt werden. So will man die ursprünglichen Ausgangsprodukte – Monomere genannt – zurückgewinnen, die nach ihrer Reinigung erneut in den Herstellungsprozess eingespeist werden können. Im zweiten Quartal 2015 soll die Anlage im oberbayerischen Burgkirchen in Betrieb gehen.

Während es hierbei um die Wiederverwertung einer spezifischen Substanz geht – was die Sache stets vereinfacht –, beflügeln vor allem Stoffgemische die Kreativität von Forschern. Sie arbeiten bereits an Trennprozessen, die bis auf die molekulare oder sogar atomare Ebene hinabreichen – Molecular Sorting genannt.

Ein Beispiel ist die mikrobielle Erzlaugung, die das Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart zur Anwendungsreife bringen will. Damit sollen sich auch kleine Mengen Edelmetall oder Seltene Erden wiedergewinnen lassen, indem Mikroorganismen unlösliche Metallverbindungen – etwa in Verbrennungsschlacken oder Althölzern – in wasserlösliche Salze umwandeln. Aus diesen sollen dann die Metalle abgetrennt werden.

Zur molekularen Sortierung gibt es inzwischen Projekte an diversen Fraunhofer-Instituten, so auch zur Rückgewinnung von Glas, Holz, Beton und auch Phosphor. Welche der vielfältigen Verfahren für die Rohstoffgewinnung aus Müll – auch Urban Mining genannt – in der Praxis nutzbar sind, wird dann aber in erster Linie die Ökonomie entscheiden.

Kommentare (2)

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Herr Eberhard Steinweg

25.09.2014, 19:54 Uhr

voll Jubel ertönt's vom Mast und vom Kiele: »Wir nahen dem Ziele!« Der Fährmann am Steuer spricht traurig und leise: »Wir segeln im Kreise.«

G. Nampf

26.09.2014, 11:28 Uhr

Verfahren, die aus beliebigen Abfällen Öl und Kohle machen, gibt es schon seit über 30 Jahren.

Nachzulesen in "Bild der Wisssenschaft" (hat nichts mit der BILD-Zeitung oder dem Springer-Verlag zu tun!), Heft 9/1981 (S. 68 , "Öl aus Müll und Schlamm"). Das Verfahren liefert die benötigte Energie selbst.

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