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12.06.2014

12:25 Uhr

Roboteranzug

Der WM-Anstoß kommt im Exoskelett

Futuristisches im Corinthian-Stadion in São Paulo: Ein gelähmter Mann in einem Roboteranzug wird den ersten Kick dieser Weltmeisterschaft ausführen. Ein solches Exoskelett ist eine Hoffnung für viele Gelähmte - aber kein Wunderheilmittel.

Der Neurowissenschaftler Miguel Nicolelis mit seinem Roboteranzug: „Ein großer Sprung für die Menschheit.“ Reuters

Der Neurowissenschaftler Miguel Nicolelis mit seinem Roboteranzug: „Ein großer Sprung für die Menschheit.“

São PauloDer Anstoß der Fußball-WM in São Paulo an diesem Donnerstag ist eine ganz besondere Premiere für einen brasilianischen Rollstuhlfahrer. Der querschnittgelähmte Patient wird mit Hilfe eines Exoskeletts symbolisch den WM-Ball „Brazuca“ vom Mittelpunkt schießen.

Ein internationales Wissenschaftlerteam hat diesen Spezial-Roboteranzug entwickelt. Er sieht beinahe aus wie das Kostüm des Comic-Helden „Iron Man“ und wurde nach dem Vater der brasilianischen Luftfahrt „BRA-Santos Dumont“ benannt. Gesteuert werden die Bewegungen allein durch Gehirnaktivitäten. Der Gelähmte wird 25 Schritte laufen und dann den Ball kicken, vor einem Milliardenpublikum in aller Welt.

Die Demonstration ist Teil des internationalen Projektes „Andar de Novo“ (Wieder laufen), an dem 156 Forscher, Ingenieure und Techniker unter Regie des brasilianischen Neurowissenschaftlers Miguel Nicolelis beteiligt sind. Der Anzug ist 1,78 Meter groß und wiegt 60 bis 70 Kilogramm. „Das ist aber irrelevant, weil der Patient dies nicht spüren wird, die Maschine wird verantwortlich sein für das Gleichgewicht und die Kontrolle des Exoskeletts, während der Patient Anfang und Ende der Bewegungen und auch den Schuss bestimmt“, erklärt Nicolelis. „Es ist ein großer Sprung für die Menschheit“, sagt er in Anspielung auf die Worte von Neil Armstrong, dem ersten Mann auf dem Mond.

Auch Gordon Cheng vom Institut für Kognitive Systeme der Technischen Universität München (TUM) ist beteiligt. „Unser Gehirn ist sehr anpassungsfähig, wenn es darum geht, körperliche Fähigkeiten durch die Verwendung von Werkzeugen zu erweitern“, sagt der Professor.

Seit Monaten trainieren acht brasilianische Männer und Frauen mit dem Exoskelett. Sie alle sind von der Hüfte abwärts gelähmt. Das Gerät zeichnet die elektrische Hirnaktivität des Patienten auf, erklärt die TUM. Es erkennt, ob er gehen oder einen Fußball kicken möchte und führt diese Aktion aus. Gleichzeitig fühlt dies der Patient. Dafür wurde eine künstliche Haut entwickelt, die auf Berührungen, zum Beispiel an den Füßen, reagiert und diese Signale weiterleitet.

Von der Bewerbung bis zum Anpfiff

7. März 2003

Das Exekutiv-Komitee der FIFA beschließt, die WM-Endrunde 2014 entsprechend des Rotationsprinzips unter den Kontinenten nach Südamerika zu vergeben. Südamerika war zuletzt 1978 mit Argentinien WM-Ausrichter.

3. Juni 2003

Der südamerikanische Fußballverband Conmebol benennt Brasilien, Argentinien und Kolumbien als Kandidaten für die Endrunde. Erst beinah drei Jahre später, am 17. März 2006, legen sich die Conmebol-Mitglieder auf Brasilien als einzigen Kandidaten fest.

31. Juli 2007

Der brasilianische Verband CBF übergibt der FIFA die offiziellen Bewerbungsunterlagen.

30. Oktober 2007

Die FIFA ernennt Brasilien zum Gastgeber der 20. WM-Endrunde.

28. November 2008

Die Polizei stürmt die Favela Santa Marta im WM-Finalort Rio de Janeiro und errichtet die erste von heute 39 Einheiten der Befriedungspolizei UPP in den Armenvierteln.

31. Mai 2009

Die zwölf WM-Austragungsorte werden bekannt gegeben. Von den 17 Kandidaten – Maceió hatte zuvor seine Bewerbung zurückgezogen – blieben Belém, Campo Grande, Florianópolis, Goiânia und Rio Branco außen vor.

1. Januar 2011

Dilma Rousseff tritt die Nachfolge von Luiz Inácio Lula da Silva, der nach zwei Amtszeiten bei der Wahl im Oktober 2010 nicht mehr kandidieren durfte, als Staatsoberhaupt Brasiliens an. Wenig später kommt auch im Sportministerium eine neue Personalie: Am 27. Oktober 201, nur einen Tag nach dem Rücktritt seines Amtsvorgängers Orlando Silva wegen Korruptionsvorwürfen wird Aldo Rebelo neuer Sportminister Brasiliens.

30. Juli 2011

Als erster großer WM-Event fand die Auslosung der weltweiten Qualifikation in Rio de Janeiro statt.

24. Mai 2013

Als letztes von sechs Stadien für den Confed Cup wird das Maracanã in Rio de Janeiro an die FIFA übergeben. Nur Belo Horizonte und Fortaleza hielten die FIFA-Frist zur Fertigstellung Ende Dezember 2012 ein.

20. Juni 2013

Die anfangs gegen steigende Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr gerichteten Demonstrationen gewinnen landesweit an Kraft, breiten sich auf andere Themen wie Bildung und Gesundheit aus und richten sich schließlich auch gegen die WM und deren Kosten. Höhepunkt ist der 20. Juni, als landesweit über 1,25 Millionen Menschen auf die Straßen strömen.

30. Juni 2013

Brasilien gewinnt den Confed Cup, die in sechs Städten ausgetragene WM-Generalprobe, durch ein 3:0 im Finale über Weltmeister Spanien.

25. November 2013

Die Regierung nimmt 14 Bauprojekte an Häfen, Flughäfen und der urbanen Mobilität aus dem WM-Programm, das eine Finanzierung zu günstigeren Konditionen garantiert hätte. Von 55 Bauten, die als sogenanntes Vermächtnis den Verkehr zwischen und in den zwölf WM-Städten verbessern sollten, wurden damit drei endgültig gestrichen sowie die Fertigstellung von 19 Bauten verschoben.

27. November 2013

Bei einem Einsturz eines Baukrans sterben zwei Arbeiter in der WM-Arena São Paulo. Insgesamt kommt es auf den WM-Baustellen zu acht tödlichen Unfällen.

6. Dezember 2013

Auslosung der acht WM-Vorrundengruppen in Costa do Sauípe.

18. Februar 2014

Die wegen Bauverzögerungen zwischenzeitlich vom WM-Aus bedrohte Arena da Baixada in Curitiba wird als Spielort bestätigt. Auch in São Paulo und Cuiabá wird die Fertigstellung der Stadien zum Wettlauf gegen die Zeit.

12. Juni 2014

Anstoß der 20. Endrunde einer Fußball-Weltmeisterschaft mit der Partie zwischen Gastgeber Brasilien und Kroatien in São Paulo.

Der WM-Auftakt ist nur der Anfang dieser Entwicklung, ist Cheng überzeugt. „Dies mag ein wichtiger Meilenstein sein, aber es gibt noch viel zu tun.“ Weltweit arbeiten mehrere Firmen an solchen Gehhilfen, doch Experten warnen vor zu hohen Erwartungen - ein Exoskelett ist kein Wunderheilmittel: Die Geräte sind nicht für alle Gelähmten geeignet. Patienten dürfen etwa nicht zu starke Muskelkrämpfe haben, die mit ihrer Lähmung einhergehen, auch drohen Wundstellen.

Von

dpa

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