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30.05.2014

09:20 Uhr

Russische Exporte

Gas als Energie-Waffe?

Die Uhr tickt: Überweist die Ukraine nicht kurzfristig Milliarden an den russischen Gazprom-Konzern, könnte Moskau schon Montag den Gashahn zudrehen. Eine Gefahr auch für deutsche Verbraucher?

Gasarmaturen in der Ukraine: Dreht Gazprom dem Land den Hahn zu? AFP

Gasarmaturen in der Ukraine: Dreht Gazprom dem Land den Hahn zu?

BerlinIwan Gratschjow macht sich über die EU-Hysterie ein bisschen lustig. Solarstrom könne nie so billig sein wie russisches Gas. „Ich bin Physiker und analysiere das schon sehr lange: Das ist unmöglich“, sagt der russische Duma-Abgeordnete am Mittwoch auf einer Konferenz in Berlin. Neben ihm sitzt Sergej Taruta. Er ist Gouverneur der Ukraine-Unruheregion Donezk und schwerreicher Stahl-Oligarch. Fast verzweifelt listet er Zahlen auf: 20 bis 22 Millarden Kubikmeter Gas könne sein Land selbst erschließen, 12,5 Milliarden Methan und bis zu 7,5 Milliarden Schiefergas. Das alles ist aber Zukunftsmusik und hilft den Ukrainern nichts, wenn am Montag Gazprom den Gashahn zudreht. Die EU will in letzter Minute eine Eskalation verhindern.

Worum geht es beim Gas-Streit konkret?
Russland wirft den Ukrainern vor, mehr als 10 Milliarden Kubikmeter russisches Gas gebunkert zu haben - ohne Bezahlung. Auf 3,5 Milliarden US-Dollar bezifferte Moskau bislang die Schulden. Am Mittwoch legte Gazprom-Chef Alexej Miller nach - durch Lieferungen im Mai steige die Schuld auf 5,2 Milliarden US-Dollar (3,82 Mrd Euro).

Kann Kiew überhaupt zahlen?
Das zerrissene Land steht kurz vor dem Staatsbankrott. Für die Schulden bei Gazprom würden letztlich indirekt die westlichen Partner aufkommen - Europa und der Internationale Währungsfonds (IWF). Sie haben bereits Milliarden-Hilfen für die Ukraine beschlossen.

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Ist eine Einigung möglich?
Die Lage ist kompliziert. Kiew will eine Paketlösung, die künftige Gaspreise und Altschulden regelt. Unter dem prorussischen Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch hatte der vom Kreml gesteuerte russische Gasmonopolist Gazprom der Ukraine einen Rabattpreis von am Ende 268 Dollar je 1000 Kubikmeter gewährt. Nun pocht Moskau nach dem Machtwechsel in Kiew wieder auf vertraglich vereinbarten 485 Dollar. Beim jüngsten Gas-Deal zwischen China und Russland soll der Preis bei 350 Dollar liegen.

Warum muss jetzt alles schnell gehen?
Ein Kompromissvorschlag von EU-Energiekommissar Günther Oettinger sieht vor, dass die Ukraine bis Donnerstag eine Anzahlung von zwei Milliarden US-Dollar an Gazprom überweist. Am Freitag soll bei einem Krisengipfel mit den Energieministern beider Länder in Berlin um die Gaspreise für April und Mai sowie ab Juni gefeilscht werden. Ohne Einigung will Gazprom Anfang der Woche nur noch gegen Vorkasse liefern, das wäre praktisch ein Lieferstopp.

Was geht das Deutschland an?
Die Hälfte der russischen Gasexporte nach Europa wird über Leitungen (Pipelines) durch die Ukraine abgewickelt. 2013 kamen über 38 Prozent der deutschen Gasimporte aus Russland. EU-weit liegt der Anteil bei 30 Prozent, die Baltenstaaten, Finnland, Slowakei und Bulgarien kommen auf bis zu 100 Prozent.

Bleibt bei Lieferausfällen der Gasherd kalt?
Nein. Deutschland hat 51 Gasspeicher, die nach dem milden Winter zu 70 Prozent voll sind. Das dürfte einige Monate reichen. Zudem fließt russisches Gas ungehindert durch die Ostsee-Pipeline nach Deutschland - die Nord-Stream-Leitung wurde gebaut, um Transitländer wie die Ukraine zu umgehen.

Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas und Öl

Gas

Deutschland kann aus eigenen Quellen gut zehn Prozent seines Bedarfs decken. Der Rest wird überwiegend aus Norwegen (gut ein Viertel) und den Niederlanden (knapp ein Fünftel) geliefert. In unterirdischen Speichern wird im Regelfall der Bedarf für mindestens zwei Monate vorgehalten. Russland ist somit größter Lieferant beider Brennstoffe für Deutschland. Beim Gas bezieht auch die EU insgesamt rund ein Viertel ihres Verbrauchs aus Russland.

Gastransport

Die Hälfte des russischen Gases nimmt den Weg über die Ukraine. Da beide Länder schon häufig über Preise, Transitgebühren und Lieferungen stritten und zeitweise die Versorgung unterbrochen war, wurden in Europa Alternativen gesucht. So wurde die Pipeline Nord Stream, die von Russland über den Ostseegrund direkt nach Deutschland führt, gebaut. Sie ist nicht ausgelastet und könnte weiteres Gas aufnehmen, sollte über die Ukraine nicht mehr geliefert werden. Daneben strömt ein großer Teil des Brennstoffes auch über die Jamal-Pipeline über Weißrussland und Polen nach Deutschland.

Ein weiterer Weg wäre der Import von flüssigem Erdgas etwa aus dem Nahen Osten über Tanker nach Deutschland. In der Bundesrepublik gibt es aber kein Terminal zum Entladen. Auch eine Einfuhr etwa über Rotterdam spielt kaum eine Rolle.

Gaseinsatz und -preis

Gas wird in Deutschland zum Heizen, für die Industrie und die Stromherstellung gebraucht. Letztere hat im Zuge der Energiewende an Bedeutung verloren, da die Kraftwerke durch Ökostrom-Anlagen verdrängt werden.

Daran ändert auch der Druck auf die Gaspreise weltweit nichts. Zwar steigt der Energiehunger in China und Indien. Auf der anderen Seite aber hat der Boom der Schiefergas-Gewinnung, dem sogenannten Fracking, die USA von Importen unabhängig gemacht. Das Land will nun sogar Gas ausführen. Auch die Ukraine wollte das Potenzial von Schiefergas nutzen und sich unabhängiger von Russland machen. Das erste Projekt zur Schiefergasförderung wurde Anfang 2013 zwischen der ukrainischen Regierung, dem Konzern Royal Dutch Shell und dem ukrainischen Partner Nadra geschlossen. Es geht um eine Fläche von der Größe des Saarlands. Der russische Gasmonopolist Gazprom hatte sich angesichts der Fracking-Konkurrenz zuletzt verstärkt bemüht, den Absatz nach Westeuropa zu sichern.

Öl

Russland ist auch Deutschlands größter Öllieferant. An Position zwei und drei liegen Großbritannien und Norwegen mit jeweils um die zehn Prozent. Auch Libyen, Nigeria und Kasachstan spielen ein Rolle. Gespeichert wird in Deutschland Öl für den Bedarf von mindestens 90 Tagen.

Transport

Der größte Teil des russischen Öls kommt über die Pipeline Druschba (Freundschaft) über Weißrussland und Polen ins brandenburgische Schwedt. Ein zweite Leitung führt über das Gebiet der Ukraine.

Öleinsatz und -preis

Öl wird als Treibstoff, für die Chemie, aber auch in vielen anderen Grundstoff-Industrien benötigt. Auch als Heizöl wird es in Deutschland oft eingesetzt. Der Preis ist nach jahrelangem Anstieg auf dem Weltmarkt etwas zurückgegangen. Die EU und Deutschland versuchen sich über den Einsatz von Biokraftstoffen und Elektroautos langfristig unabhängiger von Erdöl zu machen. Die Abhängigkeit bleibt aber für die kommenden Jahrzehnte hoch.

Wie reagieren Europas Politiker?
Bis zum Winter will die EU-Kommission in einem Stresstest die Anfälligkeit der europäischen Gasversorgung untersuchen. Vorgesehen sind Notfallpläne für alle 28 EU-Staaten und mehr Speicher. Die G7-Industrieländer wollen auch mit neuen Pipelines, Schiefergas-Förderung (Fracking) und Flüssiggas aus Katar oder den USA unabhängiger von Putins Gas werden.

Wäre eine EU-Einkaufsgemeinschaft eine Lösung?
Die Idee für eine Energie-Union kommt von Polens Regierungschef Donald Tusk. Eine zentrale Agentur würde alle Gasmengen für die EU einkaufen und verteilen. Gazprom könnte Länder nicht mehr „abstrafen“ oder gegeneinander ausspielen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier ist skeptisch. Er warnt vor einem Rückfall in die Energie-Staatswirtschaft. Ohnehin werden bis zur Verwirklichung der EU-Pläne Jahre vergehen: „Revolutionen sind selten, erst recht in der Energiepolitik“, meint Steinmeier. Zur Erinnerung: Auch bei den früheren Gasstreits zwischen Moskau und Kiew 2006 und 2009 kamen aus Europa fast gleichlautende Ankündigungen.

Was halten Umweltschützer von der EU-Strategie?
Nicht viel. Sie fürchten, dass nun als Alternative zu russischem Gas verstärkt auf Kohle, Fracking oder Atom gesetzt wird: „Das ist, als wenn ein Drogenabhängiger den Dealer wechselt, anstatt eine Suchttherapie zu beginnen“, sagt Greenpeace-Experte Andree Böhling.

Von

dpa

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

30.05.2014, 10:22 Uhr

Wann hört diese Kalte-Kriegs-Rhetorik gegen Russland endlich auf? Und wann fängt endlich eine gründliche Kritik der Ukraine an?

Die Darstellung, dass Gas die Waffe der bösen Russen ist, und dass unsere armen Freunde in Ukraine und wir bald frieren müssen, ist sehr einseitig. Die Russen brauchen das Geld - und die Ukraine und wir brauchen die Ware, in diesem Falle Gas.

Unsere Freunde in der Ukraine hatten bisher Staatschefs gewählt (!), die das Land so heruntergewirtschaftet haben, dass sie nicht mal das stark vergünsigte russische Gas bezahlt haben. Wie würden WIR denn reagieren, wenn man unsere VWs, BMWs usw. nicht bezahlt hätte??

Und ob der neue ukrainische Präsident besser wird als die alten, muss sich noch zeigen. Auf seiner Guthabenseite stehen ganz frisch die Opfer seiner "Anti-Terror-Aktionen". Früher wären wir Westler für Verhandlungen gewesen. Aber heute gibt es nur noch schwarz und weiß für unsere Medien. In diesem Fall offenbar die schwarz maskierten Russen und weißen Täubchen der Ukraine. Sehr einseitig, wie gesagt.

Und laut Greenpeace im Artikel sind wir ja wie Drogenabhängige, weil wir Gas in unseren Heizungen verbrennen. Da schlägt die nächste menschenfeindliche Ideologie zu.





Account gelöscht!

30.05.2014, 17:05 Uhr

Die USA hat den Konflikt verursacht. Unsere Politiker haben sich als Speerspitze der EU entsprechend in Stellung gebracht. Jetzt müssen sie, d. h. wir zahlen. Aber solange der deutsche Michel solche Politiker wählt, kann man ihm nicht helfen.

Account gelöscht!

30.05.2014, 20:16 Uhr

Erfrischend ist, dass der Journalist sich die ökoreligiös korrekte Meinung von der Lobbyfirma geben lässt.

Erfrischend ist es auch Greenpeace als "Umweltschutzorganisation" zu bezeichnen. Mir fällt keine Aktion dieser Firma ein die zugunsten der Umwelt gerichtet ist.

"as halten Umweltschützer von der EU-Strategie?
Nicht viel. Sie fürchten, dass nun als Alternative zu russischem Gas verstärkt auf Kohle, Fracking oder Atom gesetzt wird: „Das ist, als wenn ein Drogenabhängiger den Dealer wechselt, anstatt eine Suchttherapie zu beginnen“, sagt Greenpeace-Experte Andree Böhling".

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