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01.07.2013

10:05 Uhr

Schiffsärzte

Notfalleinsatz auf hoher See

Was tun, wenn auf hoher See an Bord ein Virus ausbricht oder ein Passagier sich schwer verletzt? Auf Kreuzfahrtschiffen sind Ärzte oft für Tausende Patienten zuständig. Mit speziellen Trainings bereiten sie sich vor.

Notfallübung auf hoher See: Schiffsärzte werden zunehmend gebraucht, denn die Kreuzfahrt-Branche boomt. dpa

Notfallübung auf hoher See: Schiffsärzte werden zunehmend gebraucht, denn die Kreuzfahrt-Branche boomt.

BerlinKonzentriert hält die Ärztin den Knochenbohrer an ein Eisbein. In Sekundenschnelle bohrt sie eine Stahlkanüle ins Mark. Der Handgriff am Übungsobjekt sitzt.

„Im Notfall lassen sich Medikamente schnell und sicher über eine Infusion in die Knochenmarkshöhle verabreichen“, erklärt Professor Olaf Schedler vom Unfallkrankenhaus (UKB) Berlin. Im dortigen Zentrum für Notfalltraining bereitet er Mediziner auf ganz besondere Einsätze vor: Als Schiffsärzte arbeiten sie regelmäßig auf Kreuzfahrtschiffen und sind dort wochenlang für Tausende Passagiere zuständig - häufig mit nur einem Kollegen im Wechsel.

Die Kreuzfahrt-Industrie boomt wie nie

Großes Potenzial

Kreuzfahrten erfreuen sich besonders bei deutschen Urlaubern immer größerer Beliebtheit - ein boomendes Geschäft für die Touristikindustrie. Der Urlaub auf dem Schiff ist nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) das am schnellsten wachsende Segment der Branche. In der Bundesrepublik sehen die Anbieter noch besonders große Wachstumschancen, sagte ein DRV-Sprecher.

Im Ausland ist der Markt wesentlich entwickelter

Denn während hier jährlich erst 1,5 Prozent der Bevölkerung Ferien auf einem Kreuzfahrtschiff verbrächten, seien es in Großbritannien bereits drei und in den USA sogar fünf Prozent. Im vergangenen Jahr stiegen die Umsätze mit Hochsee- und Flusskreuzfahrten einer DRV-Schätzung zufolge um zwölf Prozent. Auch die Passagierzahl habe 2011 erneut deutlich zugelegt, Zahlen lägen hier aber noch nicht vor.

Traumhafte Aussichten

Im Jahr 2010 verzeichneten die deutschen Anbieter allein bei Hochseekreuzfahrten ein Plus von 19 Prozent auf 1,2 Millionen Passagiere. Der Umsatz der deutschen Branche mit dem Urlaub auf hoher See wuchs 2010 um sieben Prozent auf mehr als zwei Milliarden Euro. Bei Flusskreuzfahrten stieg die Zahl der Urlauber um neun Prozent auf gut 430.000.

Beliebte Reiseziele der Deutschen

Die beliebteste Kreuzfahrtregion deutscher Urlauber ist das westliche Mittelmeer. Auf den weiteren Rängen folgen Touren in den hohen Norden - nach Norwegen, Spitzbergen, Island und Grönland -, ins östliche Mittelmeer, zu den Kanarischen Inseln und auf der Ostsee.

Hart umkämpfter Markt für Giganten

Zu den weltweit größten Kreuzfahrtanbietern zählt der US-Konzern Carnival , dessen italienisches Tochterunternehmen Costa Cruises das nun verunglückte Schiff „Costa Concordia“ unterhält. Zu Carnival gehört auch der deutsche Marktführer Aida. Weitere große Anbieter in Deutschland sind Hapag Lloyd und TUI Cruises, ein Gemeinschaftsunternehmen des Reisekonzerns TUI und des in den USA ansässigen Branchenriesen Royal Caribbean.

„Schiffsärzte kommen oft aus dem ganz normalen Praxisalltag und sind keine typischen Notfallmediziner“, sagt Schedler. Dabei können auch auf hoher See Notfälle passieren - ob Beinbruch, Geburt, Herzinfarkt oder ein Noroviren-Ausbruch. Allein in diesem Jahr registrierte die US-amerikanische Gesundheitsbehörde bereits sechs solcher Ausbrüche mit mehreren Hundert Kranken auf internationalen Kreuzfahrtschiffen.

„Nicht immer können Patienten schnell abgeholt oder ausgeschifft werden. Daher muss jeder Handgriff sitzen“, sagt Schedler, während seine Kursteilnehmer an einem Schweinetorso weitere Techniken üben. Unter ihnen ist auch Sabine Schmiel aus Nordrhein-Westfalen. Seit 2012 ist sie neben ihrer Arbeit als Notärztin wochenweise auf den Weltmeeren unterwegs. „Wir haben jeweils etwa 3000 Passagiere an Bord“, erzählt Schmiel, die auf dem Roten Meer und dem Atlantik schon Herzinfarkte und Knochenbrüche bei Passagieren oder auch Schnittwunden beim Schiffskoch behandeln musste.

Schiffsärzte werden zunehmend gebraucht, denn die Branche boomt. „2012 hat die Zahl der Kreuzfahrtpassagiere in Europa einen Rekord von 6,1 Millionen erreicht“, berichtet Miriam Lüthje vom deutschen Büro des weltweit größten Kreuzfahrtschiffverbands, der Cruise Lines International Association (CLIA). Und je nach Schiffsgröße müsse eine bestimmte Anzahl von Ärzten und Pflegern an Bord sein. In der Regel sei es aber unproblematisch, Ärzte zu gewinnen, da die Einsätze sehr beliebt seien.

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