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23.12.2013

16:43 Uhr

Stammzellforschung

Kleine Schritte nach dem großen Coup

Organersatz, Verjüngungskur, Krebsheilmittel – potenzielle Einsatzmöglichkeiten für Stammzellen gibt es viele. Im klinischen Alltag angekommen ist noch keine Therapie. Ab dem kommenden Jahr könnte sich das ändern.

Stammzellforschung in Jena: „En vogue“ dpa

Stammzellforschung in Jena: „En vogue“

BerlinAn einer Klinik in Japan fiel in diesem Jahr der Startschuss: Erstmals weltweit sollen Patienten mit induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) behandelt werden. Einige Menschen, die an einer altersbedingten Erkrankung des für das scharfe Sehen verantwortlichen Gelben Flecks leiden, bekommen Retina-Transplantate, die aus Hautzellen herangezüchtet wurden. „Da erhoffen wir uns 2014 schon erste Ergebnisse“, sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts im hessischen Langen. „Das ist ein Türöffner für die Verwendung von ips-Zellen am Menschen, man wird daraus viel lernen.“

Als iPS werden Zellen bezeichnet, die aus Körperzellen in eine Art embryonalen Zustand zurückversetzt wurden. Wie embryonale Stammzellen (ES) können sie sich zu jedem Zelltyp entwickeln - ohne ethische Probleme bei der Herstellung. Der Japaner Shinya Yamanaka hatte für die 2006 gelungene Rückprogrammierung im vergangenen Jahr den Medizin-Nobelpreis erhalten. Das Land treibt seither die Ausarbeitung auf iP-Stammzellen beruhender klinischer Studien massiv voran.

„Die Stammzellforschung ist sehr en vogue“, sagt Gustav Steinhoff, Direktor der Klinik für Herzchirurgie in Rostock. Es gebe aber noch viele Fragezeichen. „Das Stammzellfeld steht Ende 2013 an einem kritischen Punkt“, resümiert Paul Knoepfler von der Universität Kalifornien in Davis im Fachmagazin „Stem Cells And Development“. Grundsätzliche Erkenntnisse und neue Ansätze zur klinischen Anwendung böten großen Auftrieb – der Wildwuchs Heilung versprechender Stammzelltherapie-Anbieter aber auch große Herausforderungen.

Irreführende oder auch falsche Informationen vor allem im Internet führen demnach zu oft völlig überhöhten Erwartungen. Diese Erfahrung hat auch Steinhoff gemacht, an dessen Klinik eine Phase-III-Studie zur kardialen Stammzelltherapie mit Knochenmarkstammzellen läuft. „Vor dem Aufklärungsgespräch hegen viele Patienten sehr große und oft übersteigerte Hoffnungen.“ Es sei sehr wichtig, das zu relativieren.

Große Fortschritte in der Stammzellforschung gebe es aber durchaus, betont Oliver Brüstle, Direktor des Instituts für Rekonstruktive Neurobiologie der Universität Bonn. „Wenn man sich anschaut, was so passiert ist in nur einem Jahr, dann ist das schon beeindruckend.“

Für Aufsehen sorgten etwa Forscher, die bis zu vier Millimeter große Gehirngewebestücke herstellten. Ein Team um Jürgen Knoblich von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien hatte die cerebralen Organoide aus embryonalen Stammzellen wachsen lassen und darüber in „Nature“ berichtet. Einer japanischen Arbeitsgruppe um Yoshiki Sasai gelang es, ganze Augenanlagen aus embryonalen Stammzellen zu entwickeln. „Das eröffnet spannende Möglichkeiten, die frühen Schritte der menschlichen Gehirnentwicklung und auch die Ursachen von Fehlentwicklungen zu erforschen“, sagt Brüstle.

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