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10.07.2013

15:54 Uhr

Stromanbieter im Zwielicht

Chaos-Tage bei Care Energy

VonJürgen Flauger, Sönke Iwersen

Der Stromanbieter ändert seine Abrechnungspraxis. Experten befürchten ein Chaos für die Kunden, Verbraucherschützer sind alarmiert. Indes interessiert sich der Firmenchef vor allem für die Bergpredigt.

„Energiedienstleister“ Care Energy: Den Kunden droht ein Abrechnungschaos. pa/obs/mk-group Holding GmbH/Carobs/mk-group Holding GmbH

„Energiedienstleister“ Care Energy: Den Kunden droht ein Abrechnungschaos.

DüsseldorfAuf die rund 300.000 Kunden des Hamburger Stromanbieters Care Energy kommt eine Belastungsprobe zu. Überraschend hat das seit langem in der Kritik stehende Unternehmen seine Abrechnungspraxis geändert - und damit die Aufsichtsbehörde für den Strommarkt und Verbraucherschützer alarmiert. Auf die Kunden könnten ein Abrechnungschaos und ein finanzielles Risiko zukommen.

Bisher sind es Stromkunden gewohnt, ihrem Stromlieferanten einen Pauschalpreis je Kilowattstunde Strom zu bezahlen. Er führt dann davon Steuern, Abgaben und Netzentgelte ab. Diese Verantwortung will Care-Energy-Eigentümer Martin Kristek künftig seinen Kunden aufbürden. Sie sollen selbst Geschäftspartner der Netzbetreiber werden - und selbst mit diesen abrechnen.

Care Energy begründet diesen Schritt mit seinen Bemühungen, "für Preis und Vertragstransparenz zu sorgen". Schließlich habe jeder Kunde einen Anspruch auf die Auskunft, wie sich sein Strompreis zusammensetze.

Wie viel Haushalte für die EEG-Umlage pro Person monatlich zahlen müssen

Singles

2011 mussten Alleinstehende noch 6,34 Euro pro Monat auf ihre Stromrechnung zur Finanzierung der Energiewende draufbezahlen. Das entsprach 0,51 Prozent ihres Einkommens. 2013 werden es laut IW Köln nach der Erhöhung der EEG-Umlage 9,49 Euro oder 0,72 Prozent des Einkommens sein.

Paare ohne Kinder

2011 mussten Paare ohne Kinder noch 6,47 Euro pro Monat auf ihre Stromrechnung zur Finanzierung der Energiewende draufbezahlen. Das entsprach 0,31 Prozent ihres Einkommens. 2013 werden es laut IW Köln nach der Erhöhung der EEG-Umlage 9,68 Euro oder 0,44 Prozent des Einkommens sein.

Alleinerziehende

2011 mussten Alleinerziehende noch 5,94 Euro pro Monat auf ihre Stromrechnung zur Finanzierung der Energiewende draufbezahlen. Das entsprach 0,6 Prozent ihres Einkommens. 2013 werden es laut IW Köln nach der Erhöhung der EEG-Umlage 8,88 Euro oder 0,85 Prozent ihres Einkommens sein.

Paare mit Kindern

2011 mussten Paare mit Kindern noch 5,65 Euro pro Monat auf ihre Stromrechnung zur Finanzierung der Energiewende draufbezahlen. Das entsprach 0,34 Prozent ihres Einkommens. 2013 werden es laut IW Köln nach der Erhöhung der EEG-Umlage 8,45 Euro oder 0,48 Prozent ihres Einkommens sein.

Was Care Energy verschweigt: Die Entscheidung führt direkt ins Chaos. Nach Angaben der Bundesnetzagentur ist es zwar theoretisch und juristisch möglich, dass die Kunden direkt mit dem Netzbetreiber abrechnen. In der Praxis aber gehen die Stromanbieter bei praktisch allen der 40 Millionen Privathaushalte einen anderen Weg. Und das aus gutem Grunde.

Die Haushalte würden nach den Plänen von Care Energy selbst "Schuldner der Netzentgelte und der zusammen mit den Netzentgelten zu vereinnahmenden weiteren Abgaben", schreibt die Bundesnetzagentur in einer Stellungnahme für den Branchenverband BDEW, die dem Handelsblatt vorliegt. Im Klartext: Die Verbraucher tragen unmittelbar das Risiko für Änderungen dieser Komponenten, die 70 Prozent des Preises ausmachen.

Vor allem aber dürfte die Abwicklung zum unlösbaren Problem werden: Die Kunden der Netzbetreiber seien dazu verpflichtet, die Rechnungen in demselben Format entgegenzunehmen, in denen sie auch die Stromanbieter erhalten. In der Regel handele es sich dabei um das elektronische Rechnungsformat EDIFACT/INVOIC. Damit nicht genug: Um die Rechnung zu bezahlen, müssten die Kunden ebenfalls die Profi-Software nutzen.

Kommentare (19)

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Account gelöscht!

10.07.2013, 16:54 Uhr

Die Energieriesen sind ja offiziell bösartige Unternehmen. Die kleinen Anbieter mit "Kampfpreisen" sind auch schwarze Schafe (siehe Artikel). Und die Ökostromanbieter sind m.E. die schlimmsten. Die tun so als ob sie ihren Kunden Ökostrom liefern. Damit belügen und betrügen sie ihre Kunden, da natürlich alle Stromflüsse ökonomischen Bedingungen folgen während die gekauften Ökostromzertifikate keine Stromlieferung nach sich ziehen. Aber viele Ökostromkunden sind wirklich so naiv und denken, dass ihr Strom z.B aus norwegischen Wasserkraftwerken kommt und sie damit etwas für die Umwelt tun.
Und dann haben wir in Deutschland auch noch fast die höchsten Preise in Europa zu bezahlen. Ganz schön viel faul bei uns!

Kehrenergie

10.07.2013, 18:17 Uhr

Werden tatsächlich zwischen allen Kunden und den Netzbetreibern entgeltpflichtige Netznutzungsverträge abgeschlossen, vermöge derer die Kunden Schuldner in Bezug auf die Netznutzungsentgelte werden, ändert sich an der neuen Schuld der Kunden gegenüber den Netzbetreibern auch dann nichts, wenn MK Sorglos Dein Zahlungsweiterleiter GmbH & Co.KG diese neu begründete Schuld der Kunden gegenüber den Netzbetreibern im Auftrag der Kunden begleicht. Durch entsprechende neue Vertragsgestaltungen wird der Lieferant von der Verpflichtung frei, selbst Netznutzentgelte an die Netzbetreiber zu zahlen, ist dann selbst nicht mehr Schuldner der Netznutzungsentgelte, sondern schuldet allenfalls noch den Kunden die Weiterleitung deren Zahlungen auf die Netznutzungsentgelte an die Netzbetreiber.

Was womöglich nicht bedacht wurde:

Rechnen jedoch die Netzbetreiber die Netznutzungsentgelte direkt mit den Kunden ab, erhält der Lieferant keinerlei Abrechnungen der Netzbetreiber mehr, hat folglich auch keine Grundlage mehr für die eigene Abrechnung der Energielieferungen gegenüber den Kunden. Schließlich ist der Lieferant auch nicht Messtellenbetreiber.... Folglich müsste der Lieferant wohl die Daten der Messeinrichtungen gesondert erheben. Die Ablesungen sind jedoch mit Kostenaufwand verbunden. Schließlich können die Verbrauchsermittlungen nicht mehr automatisch bzw. EDV- gestützt aus den Abrechnungen der Netzbetreiber in die Abrechnungen des Lieferanten gegenüber den Kunden übernommen werden.

Wegen der Unwägbarkeiten und des Riesenaufwandes, den der Lieferant ggf. betreiben muss, um dabei überhaupt noch seine eigenen Leistungen gegenüber den Kunden abrechnen zu können, ist man fast geneigt zu sagen, dass dieses Geschäftsmodell wohl auch nicht aufgehen kann.

Stromler

11.07.2013, 08:30 Uhr

Mit 300.000 Kunden ist Care Energy/mk energy gewiss kein kleiner Anbieter mehr

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