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29.07.2014

16:11 Uhr

Studie

Psychische Krankheiten treiben in Obdachlosigkeit

Psychische Krankheiten sind auch ein erheblicher Risikofaktor für die Existenzsicherung. Mehr als zwei Drittel der Obdachlosen sind einer Studie zufolge Betroffen – und ihre Betreuung dürfte sich noch verschlechtern.

Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo in Berlin: Viele Bedürftige leiden auch an psychischen Problemen. dpa

Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo in Berlin: Viele Bedürftige leiden auch an psychischen Problemen.

MünchenViele Wohnungslose landen einer Studie zufolge auf der Straße, weil sie psychisch krank sind und Hilfe fehlt. Mehr als zwei Drittel der Betroffenen litten unter psychiatrischen Erkrankungen, ergab die Untersuchung mit 232 in Münchner Notunterkünften lebenden Menschen der Klinik für Psychiatrie am Uni-Klinikum Rechts der Isar. „Das zeigt, dass psychiatrische Erkrankungen ein ganz erheblicher Risikofaktor sind“, sagte der Leiter der Arbeitsgruppe Klinische und experimentelle Neuropsychologie, Thomas Jahn, am Mittwoch in München.

Nur ein Drittel der Erkrankten erhalte eine entsprechende Versorgung. Deshalb müsse die psychiatrische Betreuung in Wohnungsloseneinrichtungen weiter verbessert werden. Betroffen seien oft Menschen mit geringerer Leistungsfähigkeit, der IQ der Teilnehmer lag durchschnittlich bei nur 85. Allerdings sei in der Studie auch ein Hochbegabter mit einem IQ von 132 gewesen.

Die Problematik nimmt den Angaben zufolge zu. Bundesweit seien 300.000 Menschen ohne Wohnung. Nach einer Prognose der Bundesarbeitsgemeinschaft Obdachlosenhilfe wird die Zahl bis 2016 auf 380.000 steigen. Die Teilnehmer der Studie litten etwa an manisch-depressiven Störungen, Schizophrenie, Depressionen, Angst- oder Zwangserkrankungen. Sie seien im Schnitt sechseinhalb Jahre vor dem Verlust der Wohnung erkrankt, sagte der Leitende Oberarzt Josef Bäuml. „Das ist kein schönes Ergebnis für uns Psychiater.“

Die Reduzierung der Psychiatriebetten im Zuge der Enthospitalisierung seit den 1970er Jahren trage daran einen Anteil. Viele der chronisch Kranken könnten in den kurzen stationären Zeiten, die nun sogar auf 21 Tage verkürzt werden sollen, nicht ausreichend stabilisiert werden. „Das muss man noch einmal überdenken, ob die Dinge, die am Reißbrett geplant wurden, in der Praxis darstellbar sind“, sagte Bäuml. Schließlich sei eine psychiatrische Krankheit kein gebrochenes Bein.

Von

dpa

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