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25.10.2013

10:25 Uhr

Tuttlingen

Die Wiege der Medizintechnik

Die Herstellung von chirurgischen Instrumenten hat in Tuttlingen Tradition. Um für genügend Fachkräfte zu sorgen, gründete die Stadt sogar eine Uni.

Tuttlingen in Baden-Württemberg: 450 Medizintechnik-Firmen sitzen in der Stadt und Region an der oberen Donau.

Tuttlingen in Baden-Württemberg: 450 Medizintechnik-Firmen sitzen in der Stadt und Region an der oberen Donau.

TuttlingenAuf Besuchermassen ist man im "Weltzentrum der Medizintechnik" nicht eingestellt: Ganze acht Schließfächer gibt es in der Bahnhofshalle der kleinen Stadt Tuttlingen im Süden Baden-Württembergs. Dafür auf dem Vorplatz für alle, die schnell wegwollen, gleich zwei "Kiss Ride"-Halteplätze, um die Liebsten mit dem Auto abzusetzen: Die Intercity-Züge Richtung Zürich oder Stuttgart fahren tagsüber alle zwei Stunden.

"Willkommen in der Provinz", begrüßt der Taxifahrer im breiten Schwäbisch die Ankommenden. Dass sich die Tuttlinger trotzdem mit dem Begriff "Weltzentrum für Medizintechnik" schmücken und das an der Autobahn 81 auch groß ankündigen, hat gute Gründe: Denn in der Stadt und Region an der oberen Donau forschen, entwickeln, bauen und vertreiben mehr als 450 Firmen medizintechnische Produkte.

Die Spezialisierung hat Tradition. Das wird sofort beim Blick auf den monumentalen roten Industriebau schräg gegenüber dem Bahnhof deutlich: Das 1899 errichtete Gebäude ist Zentrale des ortsansässigen Marktführers Aesculap. Der Spezialist für chirurgische Instrumente, Endoskope und Gelenkprothesen gehört seit 1976 mehrheitlich zum Familienkonzern BBraun aus dem hessischen Melsungen und ist mit mehr als 1,4 Milliarden Euro Jahresumsatz das größte Unternehmen vor Ort. Die Wurzeln von Aesculap liegen in einer kleinen Instrumentenwerkstatt, die der Messerschmied Gottfried Jetter 1867 eröffnete.

Von gewöhnlichen Messern und moderner Medizintechnik

Geschichte

Die Stadt um den Honberg in Baden-Württemberg blickt auf mehr als 1000 Jahre Geschichte zurück, was man ihr allerdings nicht ansieht. Denn der Großbrand, der 1803 die Innenstadt innerhalb der Mauern komplett zerstörte, sorgte dafür, dass Tuttlingen neu aufgebaut werden musste. Deswegen prägen heute viele Häuser mit dem typischen "Tuttlinger Hut" das Stadtbild, eine Walmdachform, von der man sich beim Wiederaufbau mehr Schutz vor Feuer erhofft hatte.

Handwerkerstadt

Tuttlingen war früher eine Handwerkerstadt - von Schuhmachern und Messerschmieden geprägt. Als letztere im Zuge der Industrialisierung, die auf die Fertigung von Großserien setzte, gegenüber der Konkurrenz aus anderen Regionen wie Solingen zurückfielen, spezialisierten sich die Messerschmiede auf die medizinischen Instrumente. Gottfried Jetter, der die Wurzeln für den heutigen Aesculap-Konzern legte, hatte es dabei früh verstanden, chirurgische Instrumente auch im industriellen Maßstab herzustellen. So konnte seine Firma im Ersten Weltkrieg die Sanitätseinheiten der Deutschen Armee beliefern.

Überdurchschnittlich

Mehr als 450 Medizintechnikunternehmen , viele davon noch handwerklich geprägt, geben heute 8 000 Menschen in Tuttlingen Arbeit, wichtige Branchen sind darüber hinaus der Maschinenbau, das Bauhandwerk und der Dienstleistungssektor. Die Kaufkraft liegt mit einem Wert von 106 deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Campus

Der Hochschulcampus Tuttlingen wurde im Herbst 2009 eröffnet, und ein neues Kapitel der Stadtgeschichte wurde aufgeschlagen: Wenn die Uni - eine Außenstelle der Hochschule Furtwangen - voll ausgebaut ist, sollen 23 Professoren etwa 700 bis 800 Studierende unterrichten. Aktuell werden fünf Bachelor-Studiengänge angeboten, geplant sind noch zwei Master-Studiengänge. Die Studienfächer sind auf den Bedarf der Firmen in der Region ausgerichtet: Medizintechnik, Mechatronik, Fertigungstechnik und Werkstofftechnik gehören dazu.

Auch der Gründer der zweitgrößten Medtech-Firma am Ort, die Karl Storz GmbH und Co. KG, stammte aus einer Instrumentenmacherfamilie. Seine Tochter Sybill baute den Hersteller von Endoskopen und optischen Geräten in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu einem weltweit agierenden Unternehmen mit mittlerweile knapp 1,3 Milliarden Euro Umsatz aus.

Tuttlingen bleibt dennoch das Zentrum, sagt die engagierte 76-jährige Geschäftsführerin. "In Tuttlingen ist das Herz des Unternehmens. Hier ist die Tradition, hier finden wir das Know-how und die Technologien, die wir für die Entwicklung und Herstellung der mechanischen Instrumente und der Optik brauchen. Besser als an anderen Plätzen der Welt." Gerade hat Storz für 48 Millionen Euro ein neues Logistikgebäude im nahe gelegenen Neuhausen ob Eck gebaut - fast dreimal so groß wie das bisherige.

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