Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.04.2014

17:34 Uhr

Widerstand gegen Wasserspeicher

Bürger kämpfen gegen die „Betonwanne“

Pumpspeicher-Kraftwerke wie das geplante Megaprojekt im südbadischen Atdorf gelten als wichtige Bausteine der Energiewende. Die Förderung der Wasserkraft soll bundesweit insgesamt nur leicht sinken. Doch die Sorge um den Landschafts- und Naturschutz ist im Südwesten groß.

Protestmarsch gegen das geplante Wasserkraftwerk über dem Walchensee: Die Anlage bedroht die Natur, befürchten viele Anwohner. dpa

Protestmarsch gegen das geplante Wasserkraftwerk über dem Walchensee: Die Anlage bedroht die Natur, befürchten viele Anwohner.

Atdorf/BerlinRehe äsen auf einer saftigen Wiese, geschützt vom dichten Grün der Bäume - doch die Idylle ist bedroht vom „größten Damm Deutschlands“. Das fürchten zumindest die Gegner des geplanten riesigen Pumpspeicher-Kraftwerks im südbadischen Atdorf. Auf ihrer Internetseite zeigt die örtliche Bürgerinitiative mit drastischen Fotomontagen, was das 1,6-Milliarden-Euro-Projekt, das als wichtiger Baustein für die Energiewende gilt, für die Natur bedeuten könnte.

Im Hotzenwald, wo bedrohte Arten wie Braunkehlchen oder Feldlerchen sich zu Hause fühlen und Touristen Natur pur genießen, soll bis 2022 ein großes Speicherkraftwerk mit einer Leistung von 1400 Megawatt in Betrieb genommen werden. Die Anlage umfasst zwei insgesamt 110 Hektar großen Seen sowie eine 75 Meter hohe Staumauer aus Beton.

Für viele Anwohner ist das ein regelrechtes Horrorszenario. „Eine umzäunte Betonwanne passt nicht in das Landschaftsbild“, meint Apotheker Klaus Stöcklin, einer der Sprecher der Bürgerinitiative gegen das Pumpspeicher-Projekt im Südschwarzwald. „Hier wird die Natur zerstört. Es müssen andere Möglichkeiten gefunden werden.“

Sein „Verein für den Erhalt des Abhaus und des Haselbachtals“ fürchtet nicht nur, dass schon während des mehrjährigen Baus Urlauber von Lärm und Umweltbelastungen abgeschreckt werden. Stöcklin und seine 500 Mitstreiter sehen auch Gefahren für Trinkwasser- und Heilquellen sowie ein unkalkulierbares Risiko bei Erdbeben. Und sie sorgen sich, dass am Ende eine monströse Bauruine übrig bleibt.

Pumpspeicherwerke, die überschüssige Energie aus dem Netz aufnehmen und in wind- und sonnenschwachen Zeiten wieder abgeben können, scheinen für ein Gelingen der Energiewende unverzichtbar. Sie sollen helfen, die Lastschwankungen der witterungsabhängigen Energieträger auszugleichen. Daneben gibt es Überlegungen, zum Beispiel auch ehemalige Kohlegruben zu unterirdischen Speichern umzufunktionieren.

Ein Kernproblem bei alldem: Die Einspeisung „grüner“ Elektrizität ins Netz erhöht die Gesamtmenge des Stroms - und verdirbt die Preise. Bleibt das so, rechnet sich das Atdorfer Kraftwerk nicht, das von der Schluchseewerk AG realisiert werden soll. Der Energieversorger RWE, der das Projekt mit der Karlsruher EnBW plant, will dem Vernehmen nach aussteigen - obwohl beide Schluchsee-Aktionäre zusammen schon rund 60 Millionen Euro in die Planung und Genehmigung gesteckt haben.

EnBW - selbst durch Atomausstieg und sinkende Börsenstrompreise unter Druck - will zumindest das Genehmigungsverfahren durchziehen, wenn nötig im Alleingang. Den Investitionsbeschluss schiebt Vorstandschef Frank Mastiaux aber auf. Der Konzern in mehrheitlich öffentlichem Besitz aus dem grün-rot regierten Baden-Württemberg will ihn „von den regulatorischen Bedingungen und vom Marktumfeld“ abhängig machen.

Weil mehr Speicherkapazitäten nötig sind, wirbt Landes-Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) bei der großen Koalition in Berlin gebetsmühlenartig für die Umsetzung des im Koalitionsvertrag angedachten „Kapazitätsmarktes“. Dabei würden nicht nur erzeugte Kilowattstunden bezahlt, sondern auch das Vorhalten von Erzeugungskapazität, die bei Bedarf abgerufen werden kann.

Die Wasserkraft selbst kommt in dem seit Anfang April vorliegenden Kabinettsbeschluss zur Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Vergleich zu den Förderkürzungen bei anderen Ökoenergien vergleichsweise gut weg. Ab Januar 2016 sollen die Subventionen um jährlich ein Prozent zurückgehen, sie bewegen sich dann - je nach Anlagengröße - zwischen 3,30 und 12,52 Cent je Kilowattstunde. Eine Mengensteuerung über „Ausbaukorridore“ wie etwa in der Windkraft, die Überförderungen abbauen soll, gibt es für die Wasserkraft nicht.

Allerdings müssen sich die Betreiber auch an ökologische Auflagen halten. „Bau und Betrieb von Wasserkraftanlagen können zum Teil erhebliche Eingriffe in die Gewässerökologie bewirken“, heißt es im Text des EEG-Entwurfs. Eine Förderung von Strom aus Wasserkraft soll nur noch bei hinreichendem Gewässerschutz möglich sein. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) befürchtet zudem sinkende Anreize für Investoren, weil bei bestimmten Nachrüstungen - gerade für ein besseres Einspeisemanagement - demnächst keine Förderung mehr fließen soll.

Video

ADELE - Der Stromspeicher der Zukunft

Video: ADELE - Der Stromspeicher der Zukunft

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Im Südwesten setzt die Politik jedoch zumindest auf das Potenzial der Wasserkraft als Speichertechnologie. „Ein Pumpspeicherwerk wie das in Atdorf wäre eine solche förderfähige Kapazität“, meint Untersteller. „Aber das ist eine Entscheidung, die die Investoren treffen müssen.“

Das Genehmigungsverfahren für Atdorf läuft jedenfalls planmäßig weiter. Die Gespräche mit den Antragstellern seien „eng getaktet“, heißt es im Landratsamt Waldshut. Anfang 2015 ist die Offenlegung für Bürger und Kommunen geplant, der Erörterungstermin nach der Sommerpause 2015, der Planfeststellungsbeschluss aber nicht vor 2016. Apotheker Stöcklin und seine Mannen haben also noch Zeit, Kräfte zu sammeln. Aufgeben will man nicht: „Wir machen weiter wie bisher.“

Von

dpa

Kommentare (15)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

30.04.2014, 17:50 Uhr

Ohne Stromspeicher gibt es keinen Ausbau der Erneuerbaren Energien. Mit Stromspeicher sind Erneuerbare nicht mehr umweltfreundlich.


Account gelöscht!

30.04.2014, 18:42 Uhr

Natürlich kann man auch "Erneuerbare Energien" Sonne, Wind, die ihren umweltschädlichen Strom gem. den Launen des Wetters einspeisen, ohne Speicher errichten.

Mit Speichern erhöhen sich Kosten und Subventionen um diesen zusätzlichen Aufwand, ohne Speicher bleibt der Strom wertlos.

Account gelöscht!

30.04.2014, 18:45 Uhr

Auch in einer mit modernen dem Verstande geschuldeten Stromversorgung basierend auf Braunkohle und umweltfreundlichen Kernkraftwerken sind Speicherkraftwerke sehr hilfreich. Man kann mit diesen Lastschwankungen ausgleichen und Kraftwerke gleichmässiger betreiben.

Allerdings sind solche Speicher aufwendig und erhöhen die Erzeugungskosten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×