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04.02.2002

19:00 Uhr

Handelsblatt-Branchengespräch: Mittelstand gerät durch restriktive Kreditvergabe ins Hintertreffen

Maschinenbauer ärgern sich über Banken

VonKARL-HEINZ VOSS

Vielen deutschen Maschinenbauern drehen die Banken derzeit den Kredithahn zu. Damit schrumpft der Finanzierungsspielraum der meist familiengeführten Unternehmen. Konjunkturell sieht die Branche hingegen trotz sinkender Auftragseingänge und Produktion wenig Grund zur Klage. Sie hat gute Jahre hinter sich.

DÜSSELDORF. Den mittelständischen deutschen Maschinenbauern fällt es immer schwerer, Investitionen zu finanzieren. Schuld daran seien die Banken, die sich rapide aus der Finanzierung der Unternehmen zurückzögen, sagte Diether Klingelnberg, Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), beim Handelsblatt-Branchengespräch mit Maschinenbau-Unternehmern.

Die Institute begründen ihr Vorgehen mit den ab 2005 geltenden Bestimmungen des internationalen Finanzabkommens "Basel II". Doch Klingelnberg hält das für einen Vorwand, um das relativ ertragsschwache Geschäft mit den Mittelständlern abzubauen. "Es ist erschreckend, dass unsere Firmen bei den Banken abgewiesen werden, nur weil sie einen Kredit von 15 Millionen wünschen und nicht 500 Millionen", sagt der Inhaber der Hückeswagener Klingelnberg GmbH. Die Banken seien nicht einmal mehr zu Gesprächen über mögliche Kreditkonditionen bereit.

Die restriktive Politik der Banken trifft die mittelständischen Hersteller gleich doppelt. Denn auch den Maschinenbau-Kunden drehen viele Kreditinstitute den Geldhahn zu. Andreas Dornbracht, Mitinhaber des Armaturenherstellers Aloys F. Dornbracht GmbH & Co. KG in Iserlohn, sieht vor allem den Fachhandel in Bedrängnis: "Dort haben die Banken bereits radikal die Kreditlinien gekürzt. Ich erwarte große Strukturbereinigungen." Franz-Georg von Busse, Geschäftsführer des Landtechnik-Produzenten Lemken GmbH & Co. KG in Alpen/Niederrhein, fordert deshalb eine Rückkehr der Banken zu einer "vernünftigen Finanzierungspolitik".

Als Antwort auf das Verhalten der Banken müssten die Maschinenbauer jetzt noch mehr darauf achten, auskömmliche Preise und zufriedenstellende Renditen zu erzielen, war sich die Runde einig. So könnten sie sich aus eigener Kraft finanzieren. Wachstum um jeden Preis sei eine gefährliche Strategie.

Doch aktuell sind die Aussichten für den deutschen Maschinenbau trübe. Die Produktion werde im laufenden Jahr gedrosselt, ist sich Klingelnberg sicher. Die VDMA-Prognose eines Rückgangs von 2 % hält er sogar noch für "ausgesprochen optimistisch". Ein solches Ergebnis sei nur dann zu erreichen, wenn die Maschinennachfrage im dritten Quartal 2002 wieder anziehe.

Doch Katastrophenstimmung herrscht keineswegs: Schließlich ist die Branche in den vergangenen beiden Jahren jeweils um mehr als 10 % gewachsen und arbeitet damit auf einem hohen Niveau. Das weiß auch VDMA-Präsident Klingelnberg: "Insgesamt gibt es derzeit noch keinen Grund zur Klage." Die Maschinenhersteller seien es schließlich gewohnt, mit starken Zyklen zu leben.

Wie so viele andere Branchen hofft auch der Maschinenbau, dass die US-Konjunktur zur Jahresmitte wieder anspringt. Denn aus dem Inland erwarten nur wenige Unternehmen Impulse. Auch nicht durch Konjunkturprogramme, von denen der VDMA dringend abrät. Klingelnberg: "Es muss vielmehr endlich der Abbau von Subventionen eingeleitet werden, um mehr finanziellen Spielraum zu schaffen."

Mit staatlichen Hilfen für Not leidende Unternehmen müsse Schluss sein, fordert auch Carl Martin Welcker, Geschäftsführender Gesellschafter der Werkzeugmaschinenfabrik Alfred H. Schütte GmbH & Co. KG, Köln. Sie verzerrten lediglich den Wettbewerb. Weniger Reglementierung wünscht er sich auch in der Tarifpolitik. Die Werkzeugmaschinenindustrie sei besonders starken Zyklen mit Umsatzschwankungen von oft mehr als einem Drittel im Jahr ausgesetzt und deshalb auf flexiblere betriebliche Vereinbarungen angewiesen.

Viele in der Branche praktizierte betriebsinterne Vereinbarungen seien im Grunde illegal, da sie Tarifverträge unterliefen. Doch den Unternehmen gehe es gar nicht um den Ausstieg aus dem Flächentarifvertrag. Der solle automatisch weiter gelten, wenn sich Vorstand und Belegschaft nicht einigten.

Mehr Flexibilität sei auch nötig, um Arbeitsplätze zu schaffen. Denn nur wenn die Konjunkturbelebung zur Jahresmitte kommt, kann die Zahl der Beschäftigten in diesem Jahr nach VDMA-Berechnungen konstant gehalten werden. Im vergangenen Jahr war sie leicht auf 900 000 gestiegen.

Auf der anderen Seite hat die Branche noch deutlichen Bedarf an Facharbeitern und jungen Ingenieuren. Das Dilemma hat sich die Branche, so glaubt Jens Biermann, Unternehmensberater bei Roland Berger & Partner, zum Teil selbst zuzuschreiben. Der Maschinenbau habe in der Vergangenheit selbst zu wenig für seinen Nachwuchs getan und zu viel Personal in der Krise der frühen Neunzigerjahre abgebaut. Außerdem gelinge es den Konzernen besser als den meist mittelständischen Maschinenbauern, bei den Universitäten Nachwuchs anzuheuern. Dennoch attestiert Biermann, dass es dem Gros der Maschinenbauer gelungen sei, ihre Unternehmen nach der letzten Krise wetterfester zu machen - und das auch im Hinblick auf die zunehmende Globalisierung.

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