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06.06.2000

21:17 Uhr

Handelsblatt-Fachtagung zum Telekom-Markt

Telefonminuten werden zur heißen Ware

VonBernd Kupilas

Nicht nur Schweinebäuche oder Kaffeebohnen, auch Telefonminuten werden künftig an Spot- und Terminmärkten gehandelt werden. Etablierte Börsenplätze wetteifern mit Internet-Gründern um das Geschäft mit dem Rohstoff der Informationsgesellschaft. Doch noch knistert es allzu oft in der Leitung.

Telefonnetz-Betreiber und Obsthändler haben ein gemeinsames Problem: Sie handeln mit verderblicher Ware. Ähnlich wie Äpfel und Bananen auf dem Wochenmarkt können auch Telefonminuten schlecht werden - wenn ein Netzbetreiber Kapazitäten übrig hat und weder er noch andere Gespräche durch die Leitungen schicken können. Kein Wunder also, dass es zwischen Telefongesellschaften schon längs ein schwungvoller Handel mit dem kostbarem Rohstoff der Informationsgesellschaft entbrannt ist: Mal sind ein paar Millionen Minuten Frankfurt - New York im Angebot, mal ist auf den Leitungen nach Sydney oder Bangkok noch Platz für Gespräche.

Bislang läuft das Geschäft bilateral: Wer Telefonminuten braucht oder übrig hat, greift zum Telefonhörer und sucht das Geschäft mit anderen Händlern - man kennt sich. Oft wechselt die Ware Netzkapazität so zu Schleuderpreisen weit unter den offiziellen Tarifen den Besitzer - lieber unter Preis verkauft, als gar nichts eingenommen.

Bald könnte das Geschäft mit den kostbaren Minuten anders laufen: Ähnlich wie an einer Warenterminbörse, wo Schweinebäuche oder Sojabohnen gehandelt werden, entstehen derzeit elektronische Marktplätze für Gesprächsvolumina. Die Experten in einer Diskussionsrunde bei der Handelsblatt-Fachtagung zum Telekommarkt Europa in Düsseldorf waren am Dienstag weitgehend einig: Der börsenähnliche Handel hat Zukunft - wenn die Voraussetzungen stimmen.

Qualität der Leitungen muss stimmen

"Ich kann mir gut vorstellen, dass es schon bald zu einem Börsenhandel kommen wird", erklärte beispielsweise Dirk Elberskirch, Geschäftsführer der Rheinisch-Westfälischen Börse in Düsseldorf. Die Börse Düsseldorf arbeitet an Plänen, einen solchen Handel zu etablieren. Konkurrieren muss Elberskirch dabei mit Internet-Gründern, die das Geschäft selber auf Online-Handelsplattformen machen wollen.

So entwickelt beispielsweise die Hanse-X in Hamburg ein entsprechendes Handelssystem - bislang mit schleppendem Erfolg. Seit einem Jahr arbeitet das Unternehmen, die ersten Geschäftsabschlüsse seien gerade getätigt, erklärte Geschäftsführer und Mitgründer Thomas Kaleja am Rande der Düsseldorfer Tagung auf Nachfrage von Handelsblatt.com. Hanse-X arbeitet dabei mit der Hamburger Börse zusammen. Auch das in Deutschland tätige Unternehmen Interxion mit Hauptsitz in Amsterdam tüftelt an einer Internet-Lösung.

Händler wollen anonym bleiben

Ob sich der Internet-Handel oder ein fester Börsenplatz durchsetzt, ist noch ungewiss. Klar ist: Wer sich in dem Markt durchsetzen will, muss hart an einem noch ungelösten Problem arbeiten - der Qualitätssicherung. Denn Telefonleitung ist nicht gleich Telefonleitung. "Da gibt es knacksende Leitungen, Leitungsabbrüche, oder es kommt erst gar keine Verbindung zustande", erklärte Rainer Zettl, Geschäftsführer des Telekommunikationsunternehmens FCI Deutschland. "Die Qualität war in den letzten Monaten eines der größten Probleme".

Andere Telefonexperten pflichteten ihm bei. "Wenn ich als Händler nicht weiß, was ich einkaufe, wird es schwer sein, einen Börsenhandel aufzuziehen", meinte Ludwig Hoffmann, Vorstand des Telekommunikationsdienstleisters Star One. Nach übereinstimmenden Aussagen der Experten trifft das Qualitätsproblem nicht so sehr die üblichen "Rennstrecken" in die USA, nach Frankreich oder England, sondern in erster Linie exotischere Verbindungen, wie beispielsweise in die Türkei. Um das Problem zu lösen, seien einheitliche Standards für den Handel notwendig.

Weitere Anforderungen an einen Handelsplatz für Telefonminuten nannte Star-One-Geschäftsführer Hoffmann: "Das Produkt muss innerhalb von zwei Stunden verfügbar sein", sagte er. Außerdem müsse ein börsenähnlicher Handel den Anbietern finanzielle Sicherheit bieten, Käufer sollten auf ihre Kreditwürdigkeit geprüft werden. Besonders wichtig sei zudem, dass die Anonymität von Käufern und Verkäufern gewahrt bleibe - nur ungern lassen sich die Minuten-Broker von ihren Stammkunden vorhalten, dass sie die gleiche teure Ware auf Spot- oder Terminmärkten zu Schleuderpreisen feilbieten.

Angst vor schmaleren Margen

Andererseits kann Anonymität auch zum Problem werden, ergänzte Gerd Simon, Geschäftsführer des Internet-Unternehmens Interxion: Wenn die Ware fehlerhaft sei und technische Probleme auftreten, fehle der direkte Ansprechpartner. Ungewiss ist auch noch, wie schnell einen Börsenhandel mit Telefonminuten sich etabliert. "Man muss erst die Global Player wie zum Beispiel die Deutsche Telekom überzeugen, da mitzuziehen", meinte Dirk Elberskirch von der Düsseldorfer Börse. Die Großen der Branche halten sich allerdings noch zurück. Sie fürchten, dass ein transparenter Handel mit Telefonminuten - egal ob an einer Börse oder via Internet - ihre ohnehin schon geschmolzenen Margen weiter schmälern könnte.

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