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27.03.2003

10:30 Uhr

Handwerk verteidigt Meisterbrief

"Garant für Qualifizierung"

Seitdem Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner Regierungserklärung zur "Agenda 2010" eine Lockerung der Handwerksordnung angekündigt hat, arbeiten die Handwerksorganisationen mit Hochdruck an einem eigenen Entwurf. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hofft, den Meisterbrief als Qualitätssiegel für das hohe Qualifikationsniveau im deutschen Handwerk weitgehend zu erhalten. Dazu nimmt ZDH-Präsident Dieter Philipp Stellung.

ZDH-Präsident Dieter Philipp.

ZDH-Präsident Dieter Philipp.

Handelsblatt: Herr Philipp, der Bundeskanzler möchte im Rahmen seiner "Agenda 2010" die Handwerksordnung liberalisieren und den Meisterbrief nur noch für Handwerksberufe obligatorisch machen, bei deren Ausübung "Gefahr für die Gesundheit und das Leben anderer" besteht. Haben Sie aus dem Kanzleramt schon eine Präzisierung dieser Aussage erhalten? Welche Berufe wären letztendlich von der Ausnahme betroffen?

Dieter Philipp: Grundsätzlich gilt: Berufliche Qualifikation ist ein zentraler Bestandteil der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung - und muss es bleiben! Dazu gehört im Handwerk ganz wesentlich der Meisterbrief als Voraussetzung für Selbständigkeit. Er attestiert seinem Inhaber, einen Betrieb handwerkstechnisch und kaufmännisch führen und junge Menschen qualifiziert ausbilden zu können. Darauf sollten wir auf dem Weg in die moderne Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft nicht verzichten.

Die Modernisierung der Handwerksordnung muss daher zum Ziel haben, Kriterien für die Aufnahme von Berufen in die Anlage A der Handwerksordnung zu entwickeln. Dazu gehören aus unserer Sicht neben dem Aspekt der Gefahrengeneigtheit und des Verbraucherschutzes auch die Ausbildungs- und Qualifikationsleistung der einzelnen Gewerke und nicht zuletzt die wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Ferner wollen wir den Qualifizierungsgedanken bei solchen Berufen stärken, die keine Vollhandwerke sind, aber über erhebliche Ausbildungspotenziale verfügen.

Die Handwerksorganisation arbeitet derzeit mit Hochdruck an einem umfassenden Konzept zur Modernisierung der Handwerksordnung. Sie möchte ein "atmendes Handwerk" schaffen. Damit sollen - überprüfbar in regelmäßigen Abständen - unterschiedlichen Entwicklungen Rechnung getragen werden und Höher- und Abstufungen möglich sein.

Handelsblatt: Sollten Gesellen nach zehn Jahren Berufstätigkeit - wie es der Bundeskanzler fordert - einen Rechtsanspruch auf Selbstständigkeit erhalten?

Dieter Philipp: Eine automatische Zulassung zur handwerklichen Selbstständigkeit nach 10-jähriger Berufstätigkeit würde letzten Endes den Meisterbrief und damit das Prinzip der geprüften Qualifikation weitgehend aushöhlen. Das kann nicht das Ziel des Handwerks sein. Eine Absenkung der Qualifikation von Unternehmern und Beschäftigten und somit der Qualität von Produkten und Leistungen widerspricht im Übrigen auch der richtigen Zielsetzung des Bundeskanzlers, Innovationen durch mehr Bildung zu fördern und so Deutschland und Europa zur wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Region der Welt zu machen.

Handelsblatt: Was spricht gegen eine Zuerkennung der Ausbildereignung nach fünf Jahren handwerklicher Selbstständigkeit?

Dieter Philipp: Dies würde zu einer sukzessiven Absenkung des Ausbildungsniveaus in Deutschland führen. Wir sollten uns nicht der Existenzgrundlagen berauben, auf denen ein Großteil der deutschen Volkswirtschaft seit Jahrzehnten erfolgreich steht.

Das Handwerk möchte mehr Ausbildungsplätze über die Erschließung neuer Ausbildungspotenziale schaffen. So sieht unser Konzept vor, auch die in der Anlage B zur Handwerksordnung stehenden Gewerke stärker als bisher für die Ausbildung zu öffnen. Damit erreichen wir auch den Kreis der mehr manuell begabten Jugendlichen und der sozial Benachteiligten, die angesichts kontinuierlich steigender Anforderungen immer weniger Chancen auf Ausbildung haben und für die das Handwerk oft die einzige Chance zur beruflichen Entwicklung ist.

Das Handwerk ist Garant für Qualifizierung - weit über den eigenen Bedarf hinaus für die gesamte Volkswirtschaft im Interesse des Gemeinwohls. Seit der Wiedervereinigung hat das Handwerk der Wirtschaft 1,8 Millionen qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung gestellt. Dazu kommen fast 470 000 bestandene Meisterprüfungen sowie eine Reserve von rund 130 000 potenziellen Unternehmern.

Handelsblatt: Würde der Erlass der Kammerbeiträge in den ersten Jahren nach der Existenzgründung die Finanzierung der Handwerkskammern gefährden?

Dieter Philipp: Es gehört zu den wesentlichen Aufgaben der Handwerkskammern, Gründer mit Rat und Tat zu unterstützen. Denn gerade Existenzgründer benötigen Beratung. Gleichzeitig zahlen sie die niedrigsten Beiträge. Dabei handelt es sich im Durchschnitt um 10 Euro pro Monat. Ein Erlass der Kammerbeiträge für Existenzgründer würde also in besonderer Weise Existenzgründer treffen. Denn Einnahmeverluste der Kammern von bis zu 20 Prozent könnten nur durch Personal- und Leistungskürzungen - vor allem bei der Existenzgründungsberatung - aufgefangen werden.

Handelsblatt: Sie selbst haben auf der IHM für eine Modernisierung der Handwerksordnung geworben und auf eine mögliche Aufgabe des Inhaberprinzips hingewiesen. Nimmt ihnen jetzt die Politik das Heft des Handelns aus der Hand?

Dieter Philipp: Das Handwerk hat in seinen politischen Forderungen, etwa im Bereich der Besteuerung von Unternehmen, stets großen Wert auf Rechtsformneutralität gelegt. Deshalb macht es Sinn, diese Forderung auch für die Handwerksordnung anzuwenden. Auch für Personenunternehmen sollte möglich sein, was einer GmbH zugestanden wird. Insofern folgt die Politik hier lediglich der Meinungsbildung im Handwerk.

Handelsblatt: Bundeswirtschaftsminister Clement hat Ihnen mehrfach öffentlich und noch einmal auf der Internationalen Handwerksmesse zugesichert, eine Modernisierung der Handwerksordnung nur unter Beteiligung des Handwerks in Angriff zu nehmen. Was ist aus dieser Zusicherung geworden?

Dieter Philipp: Wir gehen davon aus, dass Handwerk und Politik ein gemeinsames Interesse daran haben, den rechtlichen Rahmen des Handwerks fortzuentwickeln im Sinne von mehr Dynamik und Flexibilität. Daher führen beide Seiten - Handwerk wie Politik - weiter intensive Gespräche. Diese konzentrieren sich allerdings nicht allein auf Vertreter der Regierungskoalition. Auch die Opposition und die Landesregierungen werden von den Handwerksor-ganisationen eng eingebunden. Wir wollen einen möglichst breiten gesell-schaftlichen Konsens erzielen und setzen auf die Vernunft und Weitsicht aller beteiligten Kräfte. Es muss gelingen, gemeinsam zu einer Lösung zu kommen, die den berechtigten Erwartungen an ein Handwerk mit Zukunft entspricht.

Die Fragen an ZDH-Präsident Dieter Philipp stellte Ingo Reich.

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