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07.01.2003

08:41 Uhr

"Hanni" ist platt

Ahonens stiller Triumph

VonBenedikt Voigt (Handelsblatt)

Die große Wende blieb aus. Sven Hannawald konnte den finnischen Favoriten Janne Ahonen nicht mehr abfangen und belegte Rang zwei in der Gesamtwertung. Nach der historischen Hannawald-Tournee im Vorjahr stand die Veranstaltung diesmal nicht im Zeichen der Deutschen.

Janne Ahonen gewann souverän die Vierschanzentournee. Foto: dpa

Janne Ahonen gewann souverän die Vierschanzentournee. Foto: dpa

BISCHOFSHOFEN. Irgendwann flog tatsächlich eine Rakete durch den blauen Himmel über Bischofshofen. Sie landete nicht im Auslaufraum am Fuße der Paul-Ausserleitner-Schanze, sondern stieg über den Zuschauerhügel hinweg in Richtung Flachenberg. Als die Rakete die meisten der 30 000 Zuschauer im Sepp-Bradl-Stadion längst hinter sich gelassen hatte, verglühte sie in der Luft. Ein gewisser Sven Hannawald hatte sie nicht abgeschossen.

"Vielleicht kann ich noch einmal zwei Raketen zünden", hatte der Skispringer vor dem Finale in Bischofshofen gesagt. Doch der Einzige, der wirklich noch Zündstoff von der Silvesterfeier übrig hatte, war jener Zuschauer, der beim letzten Springen der Vierschanzentournee zwei Raketen in den Himmel schoss. Sven Hannawald sprang bei der Vierschanzentournee nicht mehr so überragend wie im vergangenen Jahr, als er alle vier Wettbewerbe der Tournee gewann. Doch seine Leistung in diesem Jahr war ebenfalls außergewöhnlich. Nach Sprüngen auf 128,5 Metern und 127 Metern sicherte sich der 28-Jährige in Bischofshofen Rang zwei hinter dem norwegischen Überraschungssieger Bjoern Einar Romoeren (126,5 und 130,5 Meter). Und auch in der Gesamtwertung belegte Hannawald den zweiten Platz. "Ich bin megamäßig stolz auf mein Abschneiden", befand er später.

Sein Nachfolger als Gesamtsieger bei der Tournee wurde der Finne Janne Ahonen. Dieser hatte gute Sprünge auf 130 Meter und 123,5 Meter absolviert. Ein vierter Platz von Bischofshofen genügte ihm, um mit der schönen Punktzahl von 999,9 die Gesamtwertung für sich zu entscheiden. Hannawald erhielt insgesamt 976,3 Punkte.

Schon vor dem gestrigen Springen war klar, dass der Finne in der Gesamtwertung nicht mehr einzuholen war, wenn er sich nicht einen großen Fehler leisten würde. Auch Ahonen wusste vor dem letzten Sprung, dass er nach 1999 zum zweiten Mal Sieger der Tournee werden würde. Deshalb hatte sich der 25-Jährige vor seinem finalen Durchgang einen Gruß an seinen 14 Monate alten Sohn auf die Handschuhe geschrieben, die er zur Feier des Tages in die Kamera hielt.

"Moi Mico", stand dort geschrieben - "Hallo Mico." Schriftlich scheint sich der schweigsame Finne lieber auszudrücken. Das Victory-Zeichen war so ziemlich alles, was an Emotionen bei ihm zu erkennen war. "Ich bin glücklich", sagte Ahonen im ersten Interview. Überraschen konnte diese Aussage ebenso wenig wie sein Gesamtsieg bei der Tournee. Der wurde immerhin - neben den Prämien - mit einem 70 000 Euro teuren Auto honoriert.

Trotz des zweiten Platzes von Hannawald echauffierte sich Trainer Wolfgang Steiert über eine Entscheidung der Jury. Die hatte Hannawald im zweiten Durchgang kurzzeitig nicht in die Anlaufspur gelassen, weil ihn die Windbedingungen zu sehr bevorteilt hätten. "Das kann nicht sein, dass ein Mann über Sieg oder Niederlage entscheidet", sagte Steiert. "Sven wäre fünf oder sechs Meter weiter gesprungen." Das hätte ihm in Bischofshofen seinen zweiten Sieg bei dieser Tournee gebracht, nur 0,7 Punkte trennten ihn von Sieger Romoeren. Im Gesamtklassement hätte ihm das aber auch nicht weitergeholfen. Hannawald war schließlich froh, dass die zehntägigen Strapazen ein Ende hatten. "Der Sven ist platt", berichtete Steiert vom physischen und psychischen Befinden des Hinterzarteners. "Er hat zu mir gesagt: Wolfgang, ich bin am Ende."

Abgesehen von der Entscheidung des Windrichters waren die deutschen Trainer mit dem Ergebnis von Bischofshofen zufrieden. "Wir haben einen mannschaftlichen Aufwärtstrend", sagte Steiert. Vor allem der zwölfte Rang von Georg Späth, der nach dem ersten Durchgang noch auf Platz fünf gelegen hatte, erfreute ihn. Durch dieses Ergebnis schob sich der Oberstdorfer in der Gesamtwertung noch auf Rang 14 und war damit der zweitbeste deutsche Springer bei dieser Tournee.

Diese Rolle war eigentlich Martin Schmitt zugedacht gewesen. Doch dieser kämpfte bei der Tournee mit steten Formschwankungen. "Es ist eine Quälerei", sagte Schmitt, der gestern auf Rang 21 kam und in der Gesamtwertung Platz 20 belegte. "Mir fehlt halt die physische Grundlage vom Sommertraining", erläuterte er. Im September hatte er sich einer Knieoperation unterziehen müssen, weshalb der 24-Jährige bislang noch nicht in Form ist. "Ich beginne in der nächsten Woche mit dem Aufbautraining", kündigte Schmitt an, "das nächste Ziel ist die Weltmeisterschaft." Dort zählt auch Janne Ahonen, der im Gesamt-Weltcup die Führung übernahm, wieder zu den Favoriten. Der "Schweiger von Lahti" beherrschte die Tournee diesmal und konnte - anders als bei seinem ersten Erfolg vor vier Jahren - am Samstag in Innsbruck auch einen Tagessieg landen.

Im Februar folgt dann im italienischen Val di Fiemme bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft der nächste Höhepunkt für die Skispringer. Dann werden wohl wieder ein paar Raketen gezündet. Durch Janne Ahonen, Sven Hannawald, Adam Malysz - oder, wie in Bischofshofen, durch einen Zuschauer.

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