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18.03.2003

07:52 Uhr

Harry Roels ist neuer Chef der RWE AG

Umsichtiger Teamspieler

VonMarkus Hennes

Der Niederländer, seit zwei Wochen alleiniger Chef des Essener Energieriesen, hat seine öffentliche Feuertaufe bestanden. Am Montag präsentierte Roels erstmals die RWE-Bilanz.

Harry Roels hat jetzt bei RWE das Sagen. Foto: dpa

Harry Roels hat jetzt bei RWE das Sagen. Foto: dpa

ESSEN. Schon als der Mann den Saal betritt, bricht ein Blitzlichtgewitter aus. Harry Roels hat Mühe, sich den Weg durch die Menschentraube zu bahnen. Doch schließlich erreicht er das Podium, nimmt die eine Stufe nach oben und setzt sich auf den Platz in der Mitte. Vor ihm kommt es zu tumultartigen Szenen. Mit beherztem Körpereinsatz versucht jeder der etwa zwei Dutzend Fotografen, die beste Position für ein Bild vom neuen Vorstandschef des Essener Energieriesen RWE zu erobern.

Der Grund für den Medienrummel: eine mehrfache Premiere. Die Bilanzpressekonferenz von RWE ist der erste öffentliche Auftritt von Harry Roels. Erst seit zwei Wochen steht der Niederländer als erster ausländischer Manager an der Spitze des tief im Ruhrgebiet verwurzelten Konzerns. Und mit dem früheren Vorstand des Ölmultis Shell hat zum ersten Mal ein Branchenfremder und kein Eigengewächs von RWE die Führungsrolle übernommen.

Seinen Vorgänger Dietmar Kuhnt hat der RWE-Aufsichtsrat erst am vorigen Samstag mit einer großen Abschiedsparty und viel Prominenz aus Wirtschaft und Politik in der Zeche Zollverein in Essen in den Ruhestand verabschiedet. Von 1995 bis Ende Februar 2003 hatte Kuhnt die Geschicke von RWE gelenkt und das einstige kommunale Stadtwerk zu einem international tätigen Anbieter für Strom, Gas, Wasser und Umweltdienstleistungen umgebaut. Doch jetzt sind alle Augen auf Roels gerichtet, der den Medienrummel geduldig über sich ergehen lässt. Artig erfüllt er die Wünsche der Fotografen, blickt mal nach links, mal nach rechts und lächelt freundlich in die vor ihm aufgebauten Kameras.

Anders als Jurist Kuhnt, der bisweilen etwas hölzern wirkte, scheint es Roels wenig auszumachen, im Rampenlicht zu stehen. Falls doch, so überspielt er sein Unbehagen souverän und routiniert. Roels macht seine Sache richtig gut. Finden jedenfalls die Fotografen, die erst nach mehreren Minuten und der eindringlichen Bitte, den Beginn der Bilanzpressekonferenz nicht weiter zu verzögern, endlich von ihm ablassen.

Bei der Fragerunde mit den Journalisten wird die Führungskultur des neuen RWE-Chefs deutlich. Roels, 54, beweist zwar nach Wochen bereits erstaunliches Detailwissen, delegiert aber spezielle Fachfragen zur Bilanz, zu angeblich überteuerten Preisen für die Stromnetznutzung oder zum Beschäftigungsabbau an seine Vorstandskollegen Klaus Sturany (Finanzen), Gert Maichel (Energieerzeugung) und Jan Zilius (Personal).

Anders als Kuhnt, der die Führungsriege klar dominierte, sieht sich Roels als Primus inter Pares, obgleich er mit ein Meter vierundneunzig Körperlänge der Größte im RWE-Vorstand ist. "Ich will künftig gemeinsam mit meinen Kollegen alle wichtigen Probleme diskutieren." Nur ein offener Dialog liefere ein optimales Ergebnis.

Roels - der Name spricht sich Ruls, mit langem "u" wie Ruhrgebiet - ist gut beraten, sein Team mit einzubinden, zumal ihm eine Hausmacht fehlt. Von ihm heißt es, er spiele lieber den Ball als den Mann. Das hat ihn freilich nicht davon abgehalten, sich vorzeitig von zwei RWE-Vorständen zu trennen.

Doch die heikelste Aufgabe liegt noch vor ihm: RWE braucht eine neue Führungsstruktur, um die Zukäufe im Ausland zu integrieren. Aber die Machtverhältnisse im Aufsichtsrat sind kompliziert. Auf der einen Seite ziehen die privaten Aktionäre (Allianz, Großbanken) und die kommunalen Aktionäre selten an einem Strang. Gleiches gilt für die Gewerkschaften. Roels muss also noch viel Überzeugungsarbeit leisten, damit sich RWE auch im Inneren zum Weltkonzern wandelt.

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VITA

Harry Roels wird am 26. Juli 1948 geboren. Mit 23 schließt er sein Physik- und Chemiestudium mit Promotion in Leiden ab und heuert beim niederländisch-britischen Ölmulti Royal Dutch/Shell an. Er lernt das Energiegeschäft von der Pike auf. Nach einem Trainee-Programm bereist er als Erdölingenieur 17 Jahre lang die Welt: Brunei, Malaysia, Australien, Großbritannien, Norwegen, Türkei. 1999 steigt er in den Vorstand auf, sein Wunsch, ganz an die Spitze zu rücken, erfüllt sich nicht. Roels kündigt und verlässt Shell im Juni 2002. Seine beiden Töchter studieren in Den Haag, wo auch Ehefrau Jacqueline als hohe Beamtin in der Pflicht steht. Roels klettert gerne in den Bergen und fährt begeistert Rad.

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