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08.03.2004

12:29 Uhr

HEC, Paris, Frankreich

Claus Remmele

Es ist amüsant für mich, die ersten Zeilen zu schreiben; noch vor einem guten Jahr saß ich - wie jetzt Ihr - vor dem Computer und habe die MBA-Tagebücher gelesen! Da mir die Tagebücher für meine Entscheidungsfindung sehr geholfen haben, möchte ich nun gerne meine Eindrücke und Erlebnisse mit Euch teilen und hoffe, dass sie hilfreich und unterhaltsam sind.

Jungekarriere - MBA-Tagebuch Part 1 / 27.02.2004 Hallo liebe MBA-Interessenten,

es ist amüsant für mich, die ersten Zeilen zu schreiben; noch vor einem guten Jahr saß ich - wie jetzt Ihr - vor dem Computer und habe die MBA-Tagebücher gelesen! Da mir die Tagebücher für meine Entscheidungsfindung sehr geholfen haben, möchte ich nun gerne meine Eindrücke und Erlebnisse mit Euch teilen und hoffe, dass sie hilfreich und unterhaltsam sind.

Doch bevor ich in die HEC´tische MBA-Welt eintauche, ein paar Worte über mich und warum ich nun, mit 30 Jahren, noch einmal in einem Studentenwohnheim mit Blick auf einen wunderschönen, grünen Campus vor den Toren Paris´ sitze.

Ich habe in Hohenheim Ökonomie studiert und bereits während meines Studiums im Mobilfunk im Bereich Vertrieb & Marketing gearbeitet. Es war eine sehr spannende Zeit, denn es war die Anfangsphase der Telekommunikations- und Interneteuphorie. Ich hatte eigentlich nie vor, im Bereich Mobilfunk zu arbeiten; mein Herz schlug seit frühester Jugend für den Bereich Finanzen (mit 12 habe ich angefangen Aktienkurse zu verfolgen und aus Mangel eines Computers selbst Charts gezeichnet); dennoch blieb ich dort vier Jahre hängen, bevor ich den Absprung zu einer Privatbank geschafft habe. Per Zufall bin ich dann per Internet mit einem Venture Capitalist in Kontakt gekommen, der mir anbot, für ihn die Niederlassungen eines seiner Ventures in München und Miami zu gründen. Die Aufgabe klang sehr verlockend und ich beendete mein Engagement bei der Bank bereits nach wenigen Monaten, um nach Miami zu gehen. Es war die absolute Hochzeit des Internethype! Ich bin viel herumgekommen und habe sehr viele interessante und verrückte Menschen kennen gelernt! Diese Zeit war super spannend und lehrreich! Nach Beendigung meines Jobs bot der Venture Capitalist mir an, weitere Aufgaben für ihn zu übernehmen. Da ich aber der Ansicht war, ich müsse mein Uni-Diplom noch fertig machen, bin ich zurück nach Deutschland und habe die letzten Scheine, Diplomprüfungen und die Diplomarbeit gemacht. Angesteckt vom Unternehmersein, gründete ich noch während meines Studiums eine kleine Immobilienentwicklungsgesellschaft, die ich nach knapp zwei Jahren verkauft habe. Da die Zeit als Diplomand und dem gleichzeitigen Führen eines Unternehmens sehr hektisch und kräftezehrend war, gab ich mir eine Auszeit, die ich für ausgefallene Reisen, meine Neffen und Nichte und für kleine Consulting- und Lehrtätigkeiten genutzt habe. Doch nach einem guten Jahr des gemütlichen Bummelns erwachte dann aber wieder mein Drang nach einer neuen beruflichen Herausforderung.

Für mich war klar, es musste auf internationaler Ebene und im Bereich Finanzen sein: Alternative Investment Management. Nach einigen Gesprächen und Erkundungen wurde mir schnell klar, dass ich - insbesondere bei den derzeitigen Rahmenbedingungen - mein Ziel nicht so einfach erreichen kann. Trotz Ökonomiestudiums fehlten mir nötiges Wissen aus dem angelsächsischen Finance-Bereich, internationale Ausrichtung mit angelsächsischem Managementstil, ein Netzwerk, neben Englisch eine weitere Fremdsprache und ein international anerkannter Abschluss. Kurz und bündig: ein MBA erschien mir hierfür als sinnvoll. Der Gedanke, noch einmal Student zu werden, kam mir zunächst etwas abwegig vor, aber ich gewöhnte mich daran, zumal ich während meines ersten Studiums kein richtiger Student war, denn ich arbeitete die ganze Zeit und hoffte, mit dem MBA etwas nachholen zu können. Aber, eigentlich passt der Begriff Studium für einen MBA nicht, es ist eher ein "professional Training"! Wir bezeichnen uns hier auch selbst als Participant oder Kunde, um klar zu machen, dass wir hier eine Leistung einkaufen. Außerdem ist mein Intake im Durchschnitt 30 Jahre alt, hat 6-8 Jahre Berufserfahrung, teilweise verheiratet und Kinder, drei ehemalige Unternehmer, viele mit Führungs- und Budgetverantwortung, usw. Da passt der Begriff Student nicht richtig!

Auf der Suche nach dem richtigen MBA-Programm bin ich viel gereist. Ich habe die meisten europäischen Schulen besucht und kann es mit Nachdruck raten, dasselbe zu tun. Die Hochglanzbroschüren sind alle recht hübsch und bei den Rankings muss ich immer an den Satz denken: "Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast!" Wenn ich die Informationen, die mir MBAler bei den Besuchen gegeben haben, mit den Rankings verglichen habe, dann fragte ich mich, wer hier lügt. Wenn Ihr Euch einmal genauer mit den Rankings beschäftigt und dann mit MBAlern und mit dem Application Offices der diversen Schulen unterhaltet und die richtigen Fragen stellt, dann bekommt Ihr schnell heraus, wie sie die Daten tunen bzw. mit Quoten arbeiten, um in den gängigen Rankings nach oben zu kommen. In einer Schule wurde mir unumwunden gesagt, dass Graduierte, die bei Abschluss keinen Job haben, sich bei einer Partnerschule in den USA für Electives anmelden, damit sie aus der Statistik fallen: wer noch studiert, ist nicht arbeitslos und verwässert nicht das durchschnittliche Anfangsgehalt. Dieselbe Schule sagte mir auch, dass sie in Zukunft mehr jüngere Teilnehmer ohne nennenswerte Berufserfahrung annehmen will. Klar, damit mit steigt der prozentuale Gehaltszuwachs!

Als Kriterien waren für mich wichtig: anerkannte europäische Schule mit max. 18-Monats-Programm, zweite Fremdsprache (nicht nur als Alibi mit einer Stunde pro Woche, sondern die wirkliche Möglichkeit eine Sprache zu praktizieren), Core-Management-Programm mit Vertiefungsmöglichkeit im Bereich Finance, vielfältiges Exchangeprogramm, interessante Umgebung, möglichst hohes Durchschnittsalter der Teilnehmer (mindestens 28 Jahre und 6 Jahre Berufserfahrung) und meinem wichtigsten Kriterium: der Eindruck bei den Besuchen - das Bauchkriterium (einige Schulen, die auf den Rankings ganz oben tanzen, waren eine richtige Enttäuschung; auch bekam ich nach einiger Zeit eine Allergie gegen die Worte "Leadership" und "Career Development"). Mit diesen Kriterien verringerte sich meine anfängliche Liste von 10-12 Schulen auf 3 mit ein, zwei Ersatzkandidaten. Ich habe mich bei drei Schulen beworben und zwei Zusagen bekommen. Der Ausschlag für HEC war das Durchschnittsalter, die Location und die tolle Erfahrung bei meinem mehrtätigen Besuch auf dem Campus: die MBAler waren alle sehr nett und ehrlich; sie haben nicht wie bei vielen anderen Schulen die Marketingsprüche geträllert oder gar vor Arroganz eine Genickstarre bekommen, sondern neben vielen positiven auch einige negativen Dinge genannt - das war mir sehr sympathisch.

Bevor Ihr die MBA-Suche antretet, ist da natürlich auch noch die Frage mit der Finanzierung: die Tuition bei HEC beträgt ?35,000 für das 16-Monats-Programm! Lebenshaltungskosten sind selbstverständlich sehr individuell; aber da HEC wohl die einzige Schule in Europa ist, die sich um das Housing der MBAler Sorgen macht und eine Résidence auf dem Campus zur Verfügung stellt, ist es hier wesentlich günstiger und natürlich auch praktischer als in Paris-Mitte oder einer anderen europäischen Großstadt. Mein möbliertes Zimmer (19m²) mit Balkon und Parkblick und Pianobar im Haus kostet inklusive aller Nebenkosten, Internet- und Telefonanschluss und (!) Putzfrau (!) um ?470 pro Monat. Als Gesamtkosten für den MBA gibt die Admin (Verwaltung) ?52,000 an! Wie gesagt, es ist natürlich sehr individuell; wollt Ihr viel Spaß in Paris haben, dann sind 100-200 Euro an einem Abend kein Problem; Ihr könnt für dasselbe Geld aber auch einen ganzen Monat im Student Restaurant essen! Da ich vorhabe, möglichst viel aus meinem MBA herauszuholen und viele Zusatzangebote (z.B. Besuche andere Business-Schools, Besuch von Messen und Vorträgen in New York, London, etc. ... erzähle ich Euch alles noch) nutzen will, steigen natürlich auch die Kosten. Mit Heimfahrten (eigenes Auto), eventuellem Exchange-Programm und diversen Sonderveranstaltungen im Ausland rechne ich mit etwas mehr als die Admin. Ich weiß, wir reden hier über richtig viel Geld, insbesondere, wenn man die Opportunitätskosten (kein Gehalt, Risiko, hinterher keinen adäquaten Job zu finden, etc.) mit einberechnet, dennoch halte ich den Kostenvergleich der MBA-Programme, insbesondere als Single, für eher zweitrangig! Das entscheidende ist, was man für sich an Wissen, Erfahrungen, Möglichkeiten und vor allem Kontakten herausholt; ein paar hundert Euro mehr oder weniger sollten da bei einer lebenslangen "Nutzungsdauer des MBAs" keine Rolle spielen. Obwohl viele meiner Kollegen den MBA mit einem Kredit finanzieren, teilen Sie meine Einstellung und versuchen möglichst viele Zusatzangebote zu nutzen; ein paar wiederum sind da sehr sparsam und verlieren dadurch natürlich viele wertvolle Kontakte! Anfang April werde ich beispielsweise mit einige Colleagues nach Barcelona zur IESE fliegen, um dort MBAler von anderen B-Schools im Rahmen eines Sport-Events zu treffen! Das ganze kostet natürlich zwei- bis dreihundert Euro, aber die Networking-Möglichkeit mit unseren späteren Business-Partnern ist unbezahlbar. Im Mai kommen dann die ganzen Schulen zur offiziellen MBA-Olympiade auf den HEC-Campus nach Paris! Diesem Event werde ich einen großen Extra-Bericht widmen!

So, obwohl mir noch vieles im Kopf herumschwirrt, muss ich für heute Schluss machen! Es ist 0h45 und ich muss noch mein Groupmeeting für morgen (Samstag) früh vorbereiten; am Montag haben wir eine Presentation in Financial Accounting und als Finance-Guy in der Gruppe bin ich natürlich dafür verantwortlich, dass die Presentation ein Erfolg wird.

Viel Spaß beim MBA-Research, A bientot, Claus

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