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24.03.2003

20:45 Uhr

Heftige irakische Gegenwehr

Alliierte richten sich auf längeren Krieg ein

Amerikaner und Briten rechnen mit einem längeren Krieg im Irak. Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon sagte am Montag, es laufe zwar alles nach Plan, der Krieg werde aber "nicht in ein paar Tagen vorbei sein". Bereits am Vorabend hatte US- Präsident George W. Bush seine Landsleute auf einen längeren Feldzug eingestimmt. Die Alliierten seien erst in der Anfangsphase, sagte er.

HB/dpa BAGDAD. Am Montag, dem fünften Tag des Krieges, wurden Gefechte rund um die Stadt Kerbela gemeldet - nur etwa 80 Kilometer Luftlinie südlich von der irakischen Hauptstadt. Der britische Premierminister Tony Blair bestätigte dies und sagte in London: "Das entscheidende Ziel ist, Bagdad so schnell wie möglich zu erreichen."

Hoon sagte, der Vormarsch nach Norden verlaufe schnell. "Der Südirak ist im Wesentlichen unter der Kontrolle der alliierten Streitkräfte." Es gebe aber noch "Widerstandsnester". Einige Kommandeure vor Ort sprechen nach britischen Medienberichten offen vom "Guerilla-Krieg". Der US-Oberkommandierende, General Tommy Franks, berichtete von großen Fortschritten der Alliierten, rechnet aber weiter mit Gegenwehr der Iraker.

Hussein forderte zum Widerstand auf

Präsident Saddam Hussein forderte seine Landsleute zum Widerstand auf. "Der Sieg ist nah", sagte der Staatschef in seiner am Montag vom irakischen Staats-TV ausgestrahlten Rede. Die irakischen Soldaten und Kämpfer hätten den Amerikanern und Briten bereits große Verluste zugefügt. Indem diese tief in irakisches Gebiet eingedrungen seien, hätten sie sich selbst in eine sehr schwierige Situation gebracht. Die irakischen Einheiten würden sie nun in der Wüste angreifen.

Die irakische Hauptstadt Bagdad und Ziele im Norden des Landes werden von den Alliierten weiter aus der Luft bombardiert. Aus dem Süden des Landes werden heftige Kämpfe am Boden gemeldet. Bei den Luftangriffen wurden nach Angaben der Führung in Bagdad vom Montagnachmittag binnen 24 Stunden 62 Menschen getötet und mehr als 400 irakische Zivilisten verletzt. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) konnte diese Zahlen nicht bestätigen, da sich die IKRK-Mitarbeiter nur begrenzt bewegen könnten, hieß es.

36 alliierte Soldaten getötet

Nach Darstellung der alliierten Streitkräfte vom Nachmittag wurden 36 britische und US-Soldaten getötet, davon 23 bei Unfällen, versehentlichem Beschuss und dem Anschlag eines US-Soldaten; 14 Soldaten würden vermisst. Am Montag wurden erstmals verletzte US- Soldaten zur medizinischen Behandlung nach Deutschland gebracht.

Die Arabische Liga hat gegen das Votum Kuwaits den sofortigen und bedingungslosen Abzug der alliierten Truppen verlangt. Zugleich forderten die Außenminister der 22 Mitglieder in Kairo den UN Sicherheitsrat - zu einer Dringlichkeitssitzung auf, um ein Ende der Kampfhandlungen zu erreichen.

Truppen schon 100 Kilometer südlich von Bagdad

In Bagdad wurden auch zu Wochenbeginn wieder heftige Explosionen gemeldet. Bei ihrem Vormarsch auf die Hauptstadt wurden die alliierten Truppen nach Angaben eines BBC-Korrespondenten in neue Kämpfe verwickelt. Rund 100 Kilometer südlich der Hauptstadt attackierten US-Hubschrauber Einheiten der "Republikanischen Garde". Dabei gerieten die "Apache"-Helikopter nach CNN-Berichten unter starken Beschuss irakischer Luftabwehrgeschütze. Die Iraker schossen nach Angaben von Informationsminister Mohammed Sajjid el Sahhaf zwei der Hubschrauber ab. Die USA bestätigten den Verlust eines "Apache"- Hubschraubers.

Im Norden des Landes gab es Medienberichten zufolge Luftangriffe auf Mosul sowie auf Stellungen der irakischen Armee nördlich von Kirkuk. Im Süden des Landes stießen die Invasionstruppen auf heftigen Widerstand von irakischer Seite. Ein CNN-Reporter berichtete, US- Soldaten seien in der Umgebung von Nasirija mit schwerem Mörserfeuer angegriffen worden. Am Flughafen der Großstadt Basra und an einer strategisch wichtigen Brücke hätten sich irakische Kämpfer und alliierte Soldaten heftige Kämpfe geliefert.

Rote Kreuz befürchtet humanitäre Krise

Das Rote Kreuz befürchtet für Basra eine humanitäre Krise. Die Menschen seien durch den Stromausfall zwei Tage lang komplett von der Wasserversorgung abgeschnitten gewesen. Durch Notmaßnahmen hätten nun etwa 40 % der Bevölkerung Zugang zu Wasservorräten. Über Kriegsgefangene habe das IKRK bislang noch keine Informationen.

Unklarheit herrschte über Berichte, wonach US-Einheiten in der Stadt Nadschaf südlich von Bagdad eine angebliche Chemiefabrik erobert haben. US-General Franks sagte, er habe keine Informationen, ob es sich dabei um eine Waffenfabrik handele. Der Sprecher von UN - Chefwaffeninspekteur Hans Blix sagte, die Inspekteure seien mehrfach in Nadschaf gewesen und hätten dort nichts Verdächtiges entdeckt.

Verwirrung um türkische Militär-Einheiten

Die Türkei behält sich trotz einer deutlichen Warnung aus Washington einen Einmarsch in den Nordirak vor. In Brüssel versicherte der türkische NATO-Botschafter in einer Sitzung des Nordatlantikrats aber, sein Land habe noch keine Soldaten über die Grenze in den Nordirak entsandt.

Die Bundesregierung sieht derzeit keinen Grund, deutsche Soldaten aus den Awacs-Beobachtungsflugzeugen in der Türkei abzuziehen, da die Türkei gegenwärtig nicht im Kriegseinsatz sei, sagte Außenminister Joschka Fischer (Grüne). In zahlreichen deutschen Städten demonstrierten wieder zehntausende Menschen gegen den Krieg.

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