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13.01.2002

20:00 Uhr

Helmut Draxler ist neuer Vorstandsvorsitzender der Wiener RHI AG

Helmut Draxler: Feuerwehrmann auf heißem Stuhl

VonMATTHÄUS KATTINGER

Am Montag tritt der Ex-ÖBB-Chef sein neues Amt bei RHI an. Draxlers Auftrag: Er soll den kriselnden Weltmarktführer für feuerfeste Hochofenauskleidungen sanieren.

WIEN. Schneller als erwartet steht Helmut Draxler wieder an der Front. Vor knapp sechs Monaten, an seinem letzten Arbeitstag als Vorstandschef der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), hatte er sich geschworen, künftig einen Bogen um Österreich zu machen, "um Geld zu verdienen". Um die ÖBB-Erfahrung reicher, fügte er hinzu: "Wenn ich nochmal auf die Welt komme, übernehme ich nur noch einen Job, der nicht viel mit Politik zu tun hat."

Verständlich. Denn in seinen acht Jahren an der ÖBB-Spitze hatte Draxler es mit fünf verschiedenen Verkehrsministern zu tun. Drei davon waren - wie Draxler - Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ). Was die Genossen freilich nicht vor den gelegentlichen Ausbrüchen des Chemikers Draxler schützte, dem (partei-)politisches Denken stets fremd war.

Zum Eklat kam es im vorigen Sommer. Draxler stellte die damals wie heute amtierende Verkehrsministerin Monika Forstinger öffentlich bloß - nicht etwa, weil die Dame von der rechtspopulistischen FPÖ kommt. Vielmehr hatte er, wie er im Fernsehen kund tat, in deren "beratendem Umfeld viel Inkompetenz" ausgemacht. Ohne ihn namentlich zu nennen, bezog Draxler in die Kritik auch seinen Intimfeind, den stellvertretenden Vorsitzenden im ÖBB-Aufsichtsrat und Ex-Deutsche-Bahn-Chef, Heinz Dürr, mit ein.

Mit diesem war Draxler, berichten Mitglieder des Kontrollgremiums, des öfteren aneinander geraten. Mehrfach soll der ÖBB-Chef Dürrs Anregungen mit Hinweis auf dessen "keineswegs berauschende Performance" bei der Bundesbahn vom Tisch gefegt haben.

Ein bequemer Chef war Draxler nie. Schon in seiner Zeit bei den Linzer Elektrizitäts- und Verkehrsbetrieben, so ein damaliger Mitarbeiter, galt für den Workaholic und Perfektionisten nur eine Devise: "Voll und ganz mitmachen oder auf das Abstellgleis geschoben zu werden." Seine hohen Ansprüche trugen ihm denn auch den Vorwurf ein, kein Team-Spieler zu sein. Draxler selbst sieht darin eher Lob als Tadel. Teamspieler klinge gut. Er aber hält es für unverantwortlich, als Team aufzutreten, "wenn man in der Champions-League spielt, aber einige in der Mannschaft nur das Niveau von Landesligisten haben".

Nach seinem Abstieg von der ÖBB-Spitze war der 51-jährige Hobbybergsteiger zunächst als Vorstandschef für die trudelnde Austrian Airlines (AUA) im Gespräch. Doch Draxler winkte ab. Stattdessen baute er in Paris für die Deutsche Bahn AG und die französische SNCF ein Joint Venture für den Güterverkehr auf - und engagierte sich "mit einer kleinen Beteiligung". Den Wechsel in den Vorstand der Deutschen Bahn AG, wo ihn Konzernchef Hartmut Mehdorn gern gesehen hätte, vereitelte eine sechsmonatige Wettbewerbsklausel.

So ereilte Draxler im November der Ruf jener Banken, die ihn ihrer gefährdeten Kredite wegen schon gerne als AUA-Chef gesehen hätten. Bei der börsennotierten RHI AG soll er ab dem heutigen Tag sicherstellen, dass die Banken wenigstens einen Teil der Gelder wiedersehen, die sie Draxlers Amtsvorgänger bei RHI, dem Ex-Viag-Chef Georg Obermeier, für dessen riskante US-Expansion bewilligt hatten.

Folgt man den Schlagzeilen der österreichischen Presse, hat Draxler als "Feuerwehr für RHI" auf einem "Schleudersitz" Platz genommen. Das Risiko lässt er sich - für österreichische Verhältnisse - fürstlich honorieren. Zum Grundgehalt von 800 000 Euro kommt ein Vielfaches als Erfolgsprämien hinzu. Die leidgeprüften RHI-Aktionäre werden es ihm nicht neiden. Seit Sommer ist der Kurs um drei Viertel abgestürzt.

Draxler-Kenner rätseln unterdes, ob er der richtige Mann für RHI ist. Besser: Ob der Job bei RHI etwas für Draxler ist. Denn viel Handlungsspielraum hat der resolute Manager, der das Gesetz des Handelns am liebsten selbst bestimmt, im neuen Amt nicht. Im Kerngeschäft, feuerfeste Auskleidungen für Hochöfen, ist RHI stark von der Konjunktur seiner wichtigsten Kunden abhängig. Zwei Drittel des Umsatzes entfallen auf die Stahlindustrie.

Doch schon bei ÖBB hat Draxler einen Ausweg aus der Krise gefunden. Den finanziellen Engpass überwand er, indem er als erster im europäischen Eisenbahngeschäft mit US-Investoren steuerlich begünstigte Sale-and-Lease-Back-Konstruktionen aushandelte. So gesehen könnte er doch der richtige Mann für RHI sein.

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