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22.06.2000

19:00 Uhr

Hersteller von Spracherkennungssystemen haben viele Visionen, aber wenige konkrete Anwendungen

Diktieren in den PC bleibt ein Wunschtraum

VonPETER SENNEKAMP

Hersteller wie IBM, Lernout & Hauspie oder Philips sehen den Markt für Spracherkennung vor dem Durchbruch. Doch Skeptiker glauben, dass die Technik noch lange nicht reif ist für den Massenmarkt.

BRÜSSEL. Geht es nach Mitul Mehta, gehört einer der berühmtesten Sätze in Büros bald der Vergangenheit an: "Kommen sie mal zum Diktat". Denn der Marktforscher von Frost & Sullivan glaubt an die Zukunft der Spracherkennung. Mit deren Hilfe würden die Chefs von heute nur noch in ein Mikrophon diktieren, der Computer würde die Sätze in Text umwandeln.

Spracherkennung ist auf der Vormarsch, sagen die Optimisten: Bald sollen Handynutzer Nummern ins Mobiltelefon sprechen, Autofahrer ihr Cockpit per Sprache bedienen und selbst durch das Internet soll ohne Maus und Tastatur gesurft werden.

Auf das Diktieren am PC haben sich die Hersteller von Sprachsoftware Lernout & Hauspie (L&H) spezialisiert, Hauptkonkurrenten sind Dragon, IBM und Philips. Die Phantasie kennt kaum Grenzen: "Stellen Sie sich eine Internet-Verbindung zwischen Belgien und China vor. Am einen Ende sitze ich, spreche flämisch ins Mikrofon und irgendwo in der chinesischen Provinz liest mein Kollege auf dem Bildschirm, was ich ihm zu sagen habe, natürlich in chinesischer Schrift. Und natürlich spricht der Computer das auch chinesisch aus", malt Jochem Binst, PR-Manager von L&H, im Gespräch mit dem Handelsblatt die Zukunft in rosigen Farben. Das an der US-Technologiebörse Nasdaq notierte Unternehmen bastelt an Produkten zur kombinierten Spracheingabe - der Umwandlung in Text, Übersetzung in andere Sprachen, den Transfer per Internet und Ausgabe per Digitalsprache.



Die Programme sollen 100 000 Worte und sogar Dialekte erkennen

Jahrelang galt die Sprachsteuerung wegen Interpretationsfehlern und hohem Speicherbedarf als wenig nutzerfreundlich. Inzwischen sollen die Programme 100 000 Worte und sogar Dialekte erkennen sowie die Schreibweise und Aussprache von 370 000 Begriffen beherrschen. Dennoch gibt es Probleme: Die Systeme müssen aufwendig an den Tonfall der Nutzer angepasst werden - und selbst dann ist der Korrekturbedarf noch recht hoch.

Trotzdem gilt die Spracherkennung als Wachstumsmarkt: Lagen die Umsätze 1998 in Europa noch bei 155 Mill. $, soll der Markt laut einer Studie von Frost & Sullivan zum Jahr 2005 bereits ein Volumen von 1,66 Mrd. $ erreichen. 1998 lagen der Studie zufolge 76,1 % der Umsätze bei Sprachsoftware für Computer- und Diktiergeräte, 12,9 % machten Programme für den Telefonbereich aus und 11 % lagen im Bereich der Steuerung von Maschinen.



Philips

hat die Einsatzmöglichkeiten schon früh erkannt

Der niederländische Technologie-Riese Philips hat die Breite der Einsatzmöglichkeiten für Sprachtechnologie schon früh erkannt. 1997 stattete er das britische Christie Hospital, eine der größten Krebskliniken Europas, mit Spracherkennungssystemen aus. Bis zu 40 % steige die Produktivität bei der Erfassung von Patientendiagnosen am Computer, sagt das Hospital.

Auch L & H hat es neben Juristen und Callcentern vor allem auf die Ärzteschaft abgesehen, die ihre Abrechnungen und Diagnosen direkt in den Computer sprechen soll. Potentielle Kunden sind Radiologen und Pathologen, die freie Hände beim Untersuchungsdiktat haben müssen.

Das ganze Potenzial der Technologie werde aber wohl erst mit dem Eintritt in die Konsumgütermärkte erschlossen, meinen die Marktforscher. Ob Spracherkennung nur im professionellen Bereich Verwendung findet, oder ob auch Durchschnittsverbraucher als Kunden in Frage kommen, hängt künftig von der Erkennungsqualität ab. Voraussetzung: Private Nutzer müssten sich die Systeme ohne großen Aufwand und umständlich Abstimmung auf die eigene Stimme einrichten können.

L&H glaubt zumindest an diese Möglichkeit und hat große Pläne: Im ersten Quartal 2001 bereits wollen die Belgier einen Internetzugang im Taschenformat anbieten. Gemeinsam mit der belgischen Bank KBC will L&H 850 Mill. $ in die Serienreife des Projektes NAK investieren. Per Spracheingabe sollen das Surfen im Internet, das Versenden von E-Mails sowie der Handel über das Datennetz möglich werden. "Unsere Zielgruppe sind Personen, die keinen PC haben", erklärte Pol Hauspie im belgischen Blatt "De Standaard" vom Donnerstag. Einen Kredit von 100 Mill. $ stellt KBC bereit, den Rest der Summe sollen institutionelle Anleger bereitstellen. KBC will ihren Kunden das Gerät für elektronische Bankgeschäfte anbieten.



IBM

hat es auf Sprachklicks abgesehen

Konkurrent IBM hat es auf einen anderen Markt abgesehen: Sprachklicks. Gemeint ist ein relativ überschaubarer Wortschatz, mit dem sich der Nutzer - statt per Computer künftig per Telefon - seinen Weg durch das Internet bahnt. Gezielte Stauinformationen, Bücherbestellungen im Netz sowie Datenbankabrufe per Telefon versprächen ein größeres Umsatzpotential, glaubt IBM-Sprecherin Marie-Ann Maushart. Auch für Spracherkennung mittels Chip seien erste Prototypen entwickelt.

Doch trotz aller schönen Visionen: Die meisten Anbieter machen derzeit noch Verlust, so auch L&H und sein US-Konkurrenten Dragon. Dictaphone dagegen, einen anderen defizitären Rivalen aus Übersee schluckte L&H kürzlich. Dictaphone erzielte im vergangenen Jahr 350 Mill. $ Umsatz, die Belgier erreichten 344 Mill. $.

"Der Markt wächst, wir können nicht einmal genug Ingenieure finden", sagt L&H-Vizechefin Ellen Spoorn. Weltweit kaufe man Linguisten ein, rund 1 100 Experten seien es bislang. Gewinne aber bleiben bei L&H weiter aus. Immerhin aber haben Microsoft für 60 Mill. $ und Intel für 30 Mill. insgesamt 8 % der L&H-Anteile erworben. Doch wäre die vollständige Übernahme ein noch deutlicheres Zeichen gewesen, wie sehr die Giganten der Computerwirtschaft an die Zukunft der Spracherkennung glauben.

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