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06.01.2003

10:00 Uhr

Highway 101 – Die Silicon Valley Kolumne

Genügend Raum für Optimismus

VonPhilipp A. Gerbert (Vice-President A.T.Kearney)

Amerikanische High-Tech-Pioniere haben wieder einmal die Trends und Themen für 2003 ausgemacht. Behalten sie Recht, kann ihre Branche im neuen Jahr davon kaum profitieren. Doch die Prognosen sind mit Vorsicht zu genießen.

Eine Jahreswende bietet stets Anlass zum Blick über das Tagesgeschehen hinaus, zurück wie auch nach vorne.

Der Blick in den Rückspiegel ist für das Silicon Valley wenig erfreulich. Mag die katholische Kirche von einem "Annus horribilis" sprechen, so muss man sich hier inzwischen an die Pluralform "Anni horribiles" gewöhnen. Seit über zwei Jahren geht es steil bergab, selbst die Gas- und Wasserwerke und der Bundesstaat Kalifornien stehen vor leeren Kassen.

Doch amerikanische High-Tech Pioniere schauen nicht zurück, sondern nach vorn. Was sind die heißen Themen und Trends für 2003?

Der sorgfältigste aller Wahrsager ist noch immer das lokale Magazin "The Red Herring" , eine der wenigen High-Tech Publikationen, welche unabängig geblieben sind. Es befragt ab August alles, was im Silicon Valley Rang und Namen hat, nach der Zukunft und veröffentlicht darauf aufbauend die Top Trends für das Neue Jahr.

In der Tabelle analysieren wir die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Trends:

  1. Gebiet: "Wireless"
    Trend: WiFi (auch WLAN genannt) breitet sich stark aus.
    Wirtschaftliche Auswirkungen dieser Trends: Negativ. Verzögerung von 3G in den USA überschattet WiFi Investitionen.
  2. Gebiet: Hardware/Software
    Trend:"Virtualisierung" von Unternehmensressourcen erlaubt die effektive Einbindung ungenutzter IT-Systeme.
    Wirtschaftliche Auswirkungen dieser Trends: Negativ. Stärkere Wiederverwendung vorhandener Systeme verzögert Neuinvestitionen.
  3. Gebiet: Venture Capital
    Trend: VC?s sterben nur langsam, selbst wenn, gemessen am Fondsvolumen, 2003 auf das Niveau von 1990 zurückgeworfen wird.
    Wirtschaftliche Auswirkungen dieser Trends: Negativ. Zu viel Geld wird in "Management Fees" alter Fonds ohne Wachstumsperspektiven verschwendet, anstatt investiert zu werden.
  4. Gebiet: Halbleiter
    Trend: "Sicherheit auf Chips" anstatt wie bisher "Sicherheit durch Software".
    Wirtschaftliche Auswirkungen dieser Trends: Neutral. Die Zusatzfunktionalität bei Halbleitern wird ohne Preisaufschlag angeboten werden, aber Sicherheit ist so wichtig, dass SW-Firmen auch nicht leiden werden.
  5. Gebiet: Nanotechnologie
    Trend: Die Risiken von Nanotechologien werden eine breite öffentliche Diskussion auslösen.
    Wirtschaftliche Auswirkungen dieser Trends: Negativ. Politisierung bremst: Analog zu Biotech bei Pflanzen sollte die Nanotech Industrie eine Auszeit einplanen.
  6. Gebiet: Finanzen
    Trend: High-Tech wird die Bilanzierung von Aktien-optionen für Mitarbeiter akzeptieren müssen.
    Wirtschaftliche Auswirkungen dieser Trends: Negativ. Nicht nur werden Ergebnisse buchhalterisch schlechter - es werden auch negative Auswirkungen im Wettbewerb für Talente erwartet.
  7. Gebiet: Telekommunikation
    Trend: Die "Chapter 11 Zombies" (in Insolvenz operierende Unternehmen) belasten die gesamte Industrie.
    Wirtschaftliche Auswirkungen dieser Trends: Negativ. Neue Insolvenzen werden erwartet und keine großen Summen sind für Neuinvestitionen in Sicht.
  8. Gebiet: Biotech
    Trend: Bioterrorismus Abwehr wird, etwas verspätet, die Industrie ankurbeln.
    Positiv. Die erwarteten 6 Milliarden US$ ist die größte Summe, welche je ein Staat in Biotech investiert hat.
  9. Gebiet: Rundfunk
    Trend: Digitales Radio wird Wirklichkeit - allerdings nur über 10 bis 15 Jahre.
    Wirtschaftliche Auswirkungen dieser Trends: Neutral. Zu langsam - kein spürbarer Effekt im nächsten Jahr.
  10. Gebiet: Breitband
    Trend: Kabelunternehmen bauen Breitbandvorherrschaft aus.
    Wirtschaftliche Auswirkungen dieser Trends: Neutral. Kabel gewinnt, Telekommunikation verliert - derzeit eher Nullsummenspiel als Breitbandboom.

Zunächst die schlechte Nachricht: Wenn man sich die Trends kritisch ansieht, so hat nur einer (Bioterrorismus-Abwehr) eine eindeutig positive Auswirkung auf die High-Tech Industrie. Alle anderen Trends haben negative oder bestenfalls neutrale Auswirkungen, auch wenn sie bei den Kunden willkommen oder gesellschaftlich begrüßenswert sein mögen (wie beispielsweise Virtualisierung oder Öffentliche Diskussion über Nanotechnologie).

Nun zur guten Nachricht: Entgegen seiner Selbsteinschätzung hat auch The Red Herring historisch betrachtet bestenfalls einen mittelmäßigen Erfolg in der Trendvorhersage. Somit bleibt genügend Raum für Optimismus. Wer sich allerdings bemüht, nicht nur generell, sondern spezifisch optimistisch zu sein, wird sich diese Jahr wieder einmal etwas anstrengen müssen.

Viel Erfolg in 2003!

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