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17.01.2003

12:29 Uhr

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Hippokratischer Eid für Manager

Schulleiter Angel Cabrera fordert beim World Economic Forum einen moralischen Kodex für Wirtschaftsabsolventen.

Angel Cabrera, Dean des Instituto de Empresa in Madrid, ist einer der jüngsten Chefs einer Top-Business School weltweit. Der 35-Jährige wurde im letzten Jahr auch zu einem der "Global Leaders for Tomorrow" (GLT) des World Economic Forum gekürt. Handelsblatt sprach mit ihm über seine Rolle und Erfahrungen in Davos.

Sie waren im letzten Jahr zum ersten Mal als GLT zum World Economic Forum eingeladen. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Das World Economic Forum ist sicherlich das Meeting, das mich in meinem gesamten Berufsleben bislang am meisten beeindruckt hat. Das betrifft sowohl den Aspekt, von einigen der brillantesten Leute aus Wirtschaft und Politik zu lernen, als auch die Gelegenheit, die Menschen kennenzulernen, die hinter den öffentlichen Gesichtern stehen, die man kennt.

Was heißt das genau?

Mit Bill und Hillary Clinton und den anderen GLT zum Frühstück zusammenzukommen, war eine unvergessliche Erfahrung. Allein die Gelegenheit zu sehen, wie zwei der besten Politiker, die ich je in Aktion gesehen habe, unsere ziemlich harten Fragen beantworten, mit welchem Verständnis für die komplexesten Zusammenhänge der heutigen Welt, hat den Trip lohnenswert gemacht.
Aber die Erfahrungen, die mir heute rückblickend am Wichtigsten sind, haben mit den anderen GLT zu tun, die ich kennengelernt habe. Das sind Leute, die sich eben nicht nur zurücklehnen und darauf warten, dass die Welt ihre Probleme selbst löst, sondern alles tun, um etwas zu ändern. Junge Politiker etwa, die den Wiederaufbau ihres Landes nach einem Krieg voranbringen. Oder die Führungspersönlichkeiten von Nichtregierungsorganisationen, die ihre Karriere (und manchmal auch ihr Leben) riskieren, um diese Welt zu einem sichereren, gerechteren Platz zu machen. Unternehmenschefs, die einen weiteren Blick haben und die sich bewusst sind, dass ihre Initiative das Leben anderer verbessern helfen kann.

Welche Rolle spielen Sie beim diesjährigen Forum?

Eine meiner Aufgaben wird sein, an einer Podiumsdiskussion über die Rolle von Business Schools teilzunehmen. Zusammen mit den Deans von IMD, MIT-Sloan und der London Business School werden wir die schwächeren Aspekte der heutigen Managerausbildung diskutieren und die Dinge, die Business Schools machen sollten, wenn sie die nächste Managergeneration ausbilden.

Aber das ist nicht alles?

Nein. Ich bin noch immer Teil der GLT-Community. In dieser Eigenschaft arbeite ich mit anderen GLT (Keith Ferrazzi, Manny Amadi, Yat Siu und Harriet Green) in einer Arbeitsgruppe mit, deren Ziel es ist, eine Art hippokratischen Eid für Manager zu schaffen, der von Business Schools überall in der Welt eingeführt werden soll.

Was, bitte, soll ein hippokratischer Eid für Manager sein?

Unternehmen sind die Motoren der Wertschöpfung in unseren Gesellschaften. Sie beschäftigen Menschen, beuten Rohstoffe aus, bringen Kapital zusammen und benutzen es, und sie bringen der Gesellschaft einen Mehrwert. Die Gesellschaft ist bereit, einen Preis für diesen Mehrwert zu bezahlen, aber dafür wird von den Unternehmungen erwartet, dass sie sich verantwortlich gegenüber den Menschen verhalten und gegenüber den Ressourcen, die sie nutzen.
Medizinische Hochschulen wissen seit Jahrhunderten, dass ihre Rolle bei der Ausbildung über den medizinisch-technischen Aspekt hinausgeht, und sie sehen es als Teil ihrer Aufgabe, eine Ethik zu vermitteln, die über die Anwendung medizinischer Techniken entscheidet.
Wenn man die Bedeutung von Unternehmensentscheidungen für die Gesellschaft in Rechnung stellt, scheint es mir nur fair, wenn auch die Business Schools ihren Studenten einen solchen moralischen Kodex mit auf den Weg geben. Daran arbeiten wir, und ich hoffe, dass die ersten Studenten einen solchen Eid schon in diesem Sommer ablegen werden.
Mit diesem Eid hoffen wir, die Vorstellung unter Hochschulabsolventen zu verbreiten, dass ihre Tätigkeit als Manager, Unternehmer oder Berater eine wichtige Rolle in der Gesellschaft hat. Und dass Management als ein wirklicher Beruf betrachtet wird, der nicht nur auf einem spezifischen technischen Wissen beruht, sondern auch starke moralische Fundamente hat.

Davos hat den etwas geheimnisumwitterten Ruf von geheimen Verhandlungen und Hinter-den-Türen-Deals. Wie viel Wahrheit ist daran?

Davos ist in der Tat ein einzigartiger Platz zum Networking. Aber kein geheimer. Ich könnte mir, ehrlich gesagt, bessere Plätze für geheime Deals vorstellen als Davos.

Wenn Sie es auf einen Satz bringen: Was haben Sie im letzten Jahr beim World Economic Forum gelernt?

Es gibt keine Entschuldigung dafür, aufzugeben, von anderen zu erwarten, dass sie sich kümmern und sich selbst nicht zu engagieren.

Und was erwarten Sie, in diesem Jahr zu lernen?

Was genau ich tun kann, damit diese Welt ein besserer Platz wird.

Die Fragen stellte Christoph Mohr.

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