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23.02.2003

16:12 Uhr

Hitlers Griff zu absoluter Macht

Vor 70 Jahren brannte der Reichstag

Aus dem zerstörten Reichstag stiegen noch dunkle Rauchwolken auf, da kursierten in Berlin schon Gerüchte und Schuldzuweisungen. Handelte der verhaftete holländische Anarchist Marinus van der Lubbe allein? Standen Kommunisten oder gar die Nazis dahinter? Mit dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 versank die Weimarer Republik sinnbildlich in Schutt und Asche. Noch heute, 70 Jahre später, führen Historiker und Publizisten einen Glaubenskrieg über den spektakulärsten Polit-Kriminalfall der deutschen Geschichte.

Der brennende Reichstag in der Nacht des 27.2.1933. Foto: dpa

Der brennende Reichstag in der Nacht des 27.2.1933. Foto: dpa

HB/dpa BERLIN. Fest steht, dass Hitler den Brand zum Griff nach der absoluten Macht nutzte. Mit der Zerstörung des von den Nazis verhassten Symbols der Demokratie begann der erst vier Wochen amtierende Reichskanzler mit der Verfolgung seiner Gegner. Noch in der Brandnacht wurden tausende Kommunisten, Sozialdemokraten und Pazifisten eingesperrt.

Für die Nationalsozialisten standen schnell auch die Drahtzieher des Brandes fest. Die Kommunisten, so notierte NS-Propagandachef Joseph Goebbels in seinem Tagebuch, hätten einen letzten Versuch unternommen, "durch Brand und Terror Verwirrung zu stiften, um so in der allgemeinen Panik die Macht an sich zu reißen". Van der Lubbe gestand zwar die Tat, gab sich aber als Einzelgänger aus.

Am 30. Januar 1933 war Hitler an der Spitze einer Koalition von Nationalsozialisten, Konservativen und Deutschnationalen zum Reichskanzler ernannt worden. Jetzt hatte er einen willkommenen Anlass, seine Stellung weiter zu festigen.

Nur einen Tag nach dem Reichstagsbrand ließ die Hitler-Regierung der "nationalen Konzentration" vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg eine Notverordnung "zum Schutz von Volk und Staat" unterschreiben. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen, die Pressefreiheit aufgehoben, die Todesstrafe wieder eingeführt.

Goebbels trommelte derweil gegen den drohenden "kommunistischen Aufstand". Der Medien-Feldzug zeigte Wirkung. Bei vorgezogenen Neuwahlen am 5. März konnte die NSDAP ihre Mehrheit auf 44 Prozent ausbauen, die Fraktion wuchs von 196 auf 288 Abgeordnete. Knapp zwei Wochen später war das Ende der Demokratie besiegelt: Das Parlament, das seit dem Brand in der Kroll-Oper tagte, beschloss das "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich".

Bei der Abstimmung zum "Ermächtigungsgesetz" waren die Bankreihen schon stark gelichtet. 81 KPD-Abgeordnete saßen in "Schutzhaft", waren untergetaucht oder ihres Mandates beraubt. Auch Abgeordnete der SPD und des Zentrums wurden in Konzentrationslager gebracht. Nur die SPD stimmte mit Nein. Mit dem neuen Gesetz konnte Hitler die Verfassung außer Kraft setzen - Deutschland war auf dem Weg in die Diktatur.

Vor Gericht scheiterten die Nazis mit ihrem Versuch, die Kommunisten mit dem Anschlag in Verbindung zu bringen. Van der Lubbe wurde wegen schwerer Brandstiftung für schuldig erklärt. Vier Mitangeklagte - der KPD-Abgeordnete Ernst Torgler, der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff und zwei weitere Kampfgenossen - wurden freigesprochen.

Van der Lubbe wurde am 10. Januar 1934 mit dem Fallbeil hingerichtet. Doch auch danach verstummten die Mutmaßungen über eine Beteiligung der Nationalsozialisten an dem Reichstagsanschlag nicht. Nazis und Kommunisten bezichtigten sich gegenseitig der Brandstiftung.

Nach Kriegsende 1945 flammte die Debatte wieder auf. Im "Spiegel" schrieb der Hobby-Historiker und Verfassungsschutzbeamte Fritz Tobias 1959, van der Lubbe habe aus eigenem Antrieb ohne Helfer das Feuer gelegt. Für "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein hat die "Legende" über eine Beteiligung der Nazis am Komplott damit den "Todesstoß" erhalten.

Auch der renommierte deutsche Historiker Hans Mommsen erklärte nach einer Untersuchung, an van der Lubbes Alleintäterschaft sei nicht zu deuteln. Doch die Zweifel verstummten nicht. 1978 legte der Schweizer Historiker Walter Hofer, Vorsitzender eines in Luxemburg gegründeten Komitees zur wissenschaftlichen Erforschung des Zweiten Weltkriegs, eine Dokumentation vor, wonach die Nazis den Brand doch inszeniert hatten. Hitler sei Haupt-Nutznießer des Feuers gewesen. Deshalb dürften die Nazis nicht von einer Verantwortung freigesprochen werden - dies wäre "volkspädagogisch gefährlich". Hofer steht mit dieser Sicht nicht allein. So stützte etwa Golo Mann seine These. Andere Historiker werfen Hofer hingegen vor, er habe für seine Thesen Beweisstücke unterdrückt und wichtige Quellen gefälscht. Die Debatte geht also weiter.

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