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20.01.2003

07:36 Uhr

Hochschulen in Großbritannien leiden unter Geldmangel

Hinter den ehrwürdigen Fassaden bröckelt es

VonMathias Thibaut (Handelsblatt)

Der Ruf britischer Universitäten hat sich in den vergangenen Jahren stetig verschlechtert. Ihre Kassen sind leer. Seit Monaten tobt ein Kampf um eine effiziente und gesellschaftlich gerechte Finanzierung.

LONDON. Britische Universitäten benötigen Geld - und das dringend. Zumindest, wenn sie mit den Bildungsschmieden in den USA mithalten wollen. Laut Bildungsminister Charles Clarke fehlen den britischen Hochschulen rund 10 Mrd. Pfund jährlich. Für die Studenten kann es in Zukunft daher teuer werden. Wenn es nach der Regierung in London geht, dürfen die Unis ihre Studiengebühren demnächst nämlich selbst festlegen. So sollen Studenten des Londoner Imperial College 10 500 Pfund (16 500 Euro) im Jahr zahlen; in der Rangliste der 123 Universitäten auf der Insel liegt das Spitzen-College auf Platz vier.

"Education, Education, Education" war Tony Blairs Schlachtruf beim Wahlsieg von 1997 - Bildung, Bildung, nochmals Bildung. Doch an den Universitäten hat sich trotz stark angewachsener Staatsleistungen ein Investitionsrückstand in Höhe von 5,7 Mrd. Pfund aufgebaut. Nur die besten Institute können durch Joint ventures und Forschungsaufträge zusätzliches Geld von der Industrie beschaffen. Sogar die Spitzenuni Cambridge sah für 2002 ein Defizit von 12 Mill. Pfund. Die Finanzdirektoren beklagen überalterte Gebäude, unterfinanzierte Bibliotheken, fehlende IT-Systeme.

Großbritanniens Universitäten sind im internationalen Vergleich in den vergangenen 15 Jahren weit zurückgefallen. Zwar rühmte Handelsministerin Patricia Hewitt noch Ende vergangenen Jahres die britische Forschungsleistung. Mit 1 % der Weltbevölkerung entfielen auf Großbritannien 5 % der Weltwissenschaft und gar 8 % aller wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Doch einen Nobelpreis konnten in den 80er Jahren nur vier, und in den 90er Jahren noch ganze zwei britische Forscher einheimsen. In den drei Jahrzehnten zuvor waren es noch gut drei Dutzend.

In der Vergangenheit haben deutsche Eltern ihre Nachkommen gern nach Großbritannien geschickt, weil dort kürzer, kompakter und in kleineren Gruppen studiert wurde. Doch laut OECD kommen heute auf jeden englischen Universitätslehrer 18,5 Studenten - vor zehn Jahren waren es noch 9,1. Sogar Deutschland schneidet mit 12,3 Studenten pro Uni-Lehrer besser ab. Britische Unis haben mit den steigenden Studentenzahlen nicht Schritt gehalten. Noch vor 20 Jahren nahmen sie trotz wachsender Jahrgangsstärken die immer konstante Zahl von Schulabgängern auf. Heute studieren 36 % eines Geburtsjahrgangs - in Deutschland sind es laut OECD lediglich rund 16 %.

1998 führte Labour eine jährliche Studiengebühr von 1 100 Pfund ein, für die es, wie für Studentenförderung, zinslose Kredite gibt; sie sind erst im Berufsleben zurückzuzahlen. Doch obwohl ein Graduierter im Lauf seines Berufslebens 400 000 Pfund mehr als ein Unstudierter verdient, obwohl über 60 % der Studenten Gebührennachlass erhalten und 42 % gar nichts zahlen, schreckt die komplexe Finanzierung viele vom Studium ab - vor allem solche aus Familien mit niedrigem Einkommen.

Nach seiner Wiederwahl 2001 versprach Blair eine grundsätzliche Neuordnung der Studienförderung, doch schon viermal wurde die Reform verschoben. Sollen die Studenten aus Steuergeldern bezahlt werden, also von den Steuern von Postboten und Lagerarbeitern? Schatzkanzler Gordon Brown hat das abgelehnt. Andere rechnen vor, wie die Wissensgesellschaft von einem hohen Bildungsstand profitiert - und den höheren Steuern der besser verdienenden Uniabsolventen. Wenn alle Studenten gleiche Gebühren zahlen - wie wird dann den Unterschieden in den Kosten der Ausbildung Rechnung getragen? Brauchen Eliteuniversitäten - wie das Imperial College - höhere "Top up fees", um konkurrenzfähig zu bleiben? Dem Gleichheitsprinzip verpflichteten Labourpolitikern ist der Gedanke zuwider.

Im Dezember demonstrierten Tausende Studenten in London für eine Allgemeinfinanzierung über die Steuer. Radikale Vordenker, darunter das Magazin "Economist", schlagen die völlige Privatisierung der Universitäten nach US-Muster vor. Irgendwo in der Mitte wird die Lösung liegen. Laut Minister Clarke ist eine höhere Eigenbeteiligung so gut wie sicher - nicht der Eltern, schließlich sind 18-jährige Studenten volljährig. "Die jungen Leute", so Clark, "nehmen ja auch ohne Zögern einen Kredit für ein neues Auto auf."

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