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30.04.2003

08:04 Uhr

Höhere Aktienquoten erforderlich

Versicherer auf riskantem Kurs

VonCaspar Dohmen (Handelsblatt)

Reformen am Geschäftsmodell der deutschen Lebensversicherer sind notwendig. Die hohen Garantieverzinsungen zwingen die Anbieter zu einer extrem konservativen Anlagepolitik mit geringen Aktieninvestments. Dies schadet nach Ansicht der Swiss Re sowohl den Versicherern als auch den Kunden.

DÜSSELDORF. Auf einem "sehr risikoreichen Kurs" sieht Thomas Hess, Chefvolkswirt des Rückversicherers Swiss Re, die Lebensversicherungsbranche in Deutschland. "Sie hat nicht nur ein Problem mit den Bilanzen, sondern auch eines mit ihrem Geschäftsmodell", sagte Hess gegenüber dem Handelsblatt. Seine Kritik zielt auf den gesetzlich garantierten Rechnungszins von derzeit 3,25 Prozent für eine kapitalbildende Lebensversicherung in Deutschland. Altverträge müssen die rund 120 Lebensversicherer hier zu Lande sogar noch zum Teil mit 4 Prozent verzinsen. Auch die Deutsche Aktuarvereinigung - ein Zusammenschluss von Versicherungsmathematikern - forderte zuletzt eine Herabsetzung der Garantieverzinsung auf 2,75 Prozent. Das zuständige Finanzministerium hat bisher aber noch keine Entscheidung getroffen.

Die heutige Garantieverzinsung zwinge die Gesellschaften zu einer extrem konservativen Anlagepolitik, kritisiert Hess. Davon profitierten auf Dauer weder die Versicherten noch die Versicherungsunternehmen. "Langfristige Renditen von 3,25 Prozent sind nicht im Interesse der Anleger", sagt der Chefökonom des weltweit zweitgrößten Rückversicherers. Er hält es für fatal, dass bei einem solch langfristigen Produkt wie der Lebensversicherung mit Laufzeiten von bis zu dreißig Jahren kurzfristige Anlagezwänge dominieren.

Erforderlich seien dagegen höhere Aktienquoten der Versicherer - nicht zuletzt wegen des steigenden Lebensalters der Menschen "Denn nur mit mehr Aktien lässt sich Langlebigkeit finanzieren", sagt Hess.

Doch statt dessen haben die Versicherer ihre Aktienquoten in den vergangenen zwei Jahren drastisch herunter gefahren. So schätzt die Unternehmensberatung McKinsey den Anteil von Aktien an den Kapitalanlagen der Lebensversicherer derzeit auf etwa zehn Prozent. Ende 2001 war der Aktienanteil im Schnitt noch fast doppelt so hoch. Wegen der Börsenbaisse mussten Versicherer Milliardenbeträge abschreiben. Daher trennten sich viele Anbieter von Aktien, um weitere Verluste zu vermeiden. Diese Anlagepolitik soll verhindern, dass die Versicherer einmal nicht mehr die Ansprüche ihrer Kunden mit Investments bedecken können.

Mehr Flexibilität würde den Versicherern zweifelsohne hier ein niedrigerer Garantiezins bringen - denn damit würden die zu bedeckenden Kundenguthaben langsamer wachsen. Doch damit verlöre auch der Werbetrumpf Garantie an Strahlkraft. Damit hat die Assekuranz in den vergangenen beiden Jahren viele durch die Börsenkrise verunsicherte Verbraucher geködert. Das Neugeschäft boomt: So verkaufte Branchenprimus Allianz Leben im vergangenen Jahr erstmals mehr als eine Millionen Verträge. Im Schnitt legten die Anbieter um sieben Prozent zu.

"Doch was die Leute kurzfristig zum Kauf bringt, ist nicht unbedingt das, was für die Versicherten langfristig richtig ist. Die Versicherten können nicht auf Dauer hohe Erträge und hohe Garantien haben", warnt Volkswirt Hess. Doch derzeit scheuen sich die Versicherer, ihren Kunden reinen Wein auszuschenken.

Hess hält zudem nicht von dem Auffassung, die Anlage der Versichertengelder in festverzinslichen Anleihen statt Aktien berge für die Assekuranz keine Risiken. "Es gibt in Deutschland, anders als in den USA oder Großbritannien, keine inflationsgeschützten Anleihen", erläutert er. Deshalb würden in Deutschland bei einem deutlichen Anstieg der Inflation wie in den 1970er Jahren ebenfalls hohe Werte in der Lebensversicherung vernichtet werden. "Dann steht man mit Aktien besser da."

Keine Sorgen macht sich Hess dagegen über die Nachfrage nach Lebensversicherungspolicen in Deutschland. "Die Nachfrage wird hoch ausfallen, nicht zuletzt, weil sich der Staat weiter aus der Altersvorsorge zurück ziehen wird." Doch umso wichtiger sei es, dass den Menschen "nicht zu viel versprochen wird."

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