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15.06.2000

07:29 Uhr

Reuters MÜNCHEN. Der Münchener Technologie-Konzern Siemens rechnet nach der Einigung auf einen Ausstieg aus der Atomenergie mit Einbußen im inländischen Atomgeschäft. Vor allem die Wartungs- und Servicetätigkeiten sowie das Brennelementgeschäft in Deutschland würden in den kommenden Jahren zurückgehen, sagte Wolfgang Breyer, Sprecher des Siemens-Bereichs Energieerzeugung (KWU), der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag. Als Bauer von allen 19 in Deutschland derzeit betriebenden Atomkraftwerken spiele das Neubaugeschäft für die KWU mittlerweile eine untergeordnete Rolle. Auch das Auslandsgeschäft könnte nach den Worten Breyers durch den deutschen Atomausstieg beeinträchtigt werden.

Am Mittwochabend hatten sich die Bundesregierung und die Energiekonzerne nach langwierigen Verhandlungen auf einen Ausstieg aus der Kernenergie geeinigt, ohne jedoch eine exakte Restlaufzeit der deutschen Atomkraftwerke zu vereinbaren. Statt dessen sollen die 19 laufenden Atomkraftwerke noch eine Restmenge von rund 2500 Mrd. Kilowattstunden produzieren dürfen.

Siemens ist mit Abstand der Marktführer im Atomgeschäft in Deutschland. Konkurrenten bei Service und Brennelementen sind vor allem die British Nuclear Fuels Ltd. mit ihrer Tochter Westinghouse Electric samt dem jüngst erworbenen Nukleargeschäft der schwedischen ABB sowie der amerikanische Mischkonzern General Electric. "Für uns bedeutet der Atomausstieg eine laufende Abnahme des Inlandsgeschäfts, das durch zunehmende Konkurrenz und Preisdruck sowieso schon rückläufig ist", sagte Breyer. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Siemens im Atomgeschäft noch rund die Hälfte des Umsatzes von zwei Mrd. DM in Deutschland.

Das strategische Ziel des Siemens-Bereichs KWU ist daher die Stärkung des Auslandsgeschäfts. Das verfolgt das Unternehmen auch mit dem geplanten Atom-Joint Venture mit der französischen Framatome, das noch in diesem Sommer starten soll. Aussichtsreiche Märkte sind dabei vor allem Nordamerika, mit allein 103 betriebenen Atomkraftwerken in den USA, und Asien. Allerdings habe der deutsche Atomausstieg auch bei den ausländischen Kunden für Verunsicherung gesorgt, sagte Breyer. Das könne auch zu einer Schwächung des Auslandsgeschäft führen.

Siemens hofft jedoch, dass die Bundesregierung bei den umstrittenen Bundesbürgschaften für deutsche Lieferungen und Leistungen an ausländische Kernkraftwerke in Zukunft pragmatisch agieren wird. Vor allem Vertreter von Bündnis90/Die Grünen hatten so genannte Hermes-Bürgschaften der rot-grünen Bundesregierung unter anderem für ein Atomkraftwerk in China heftig kritisiert. In Branchenkreisen hieß es, dass die Einigung bei den Atomkonsensgesprächen auch beim Thema Bundesbürgschaften vielleicht für Entspannung sorgen könnte.

Dienstleistungen und Brennelemente stehen derzeit für rund 90 % des Atomgeschäfts von Siemens. Das Neubaugeschäft macht nur noch zehn Prozent aus. Technologisch will Siemens aber auch in diesem Bereich nicht zurückfallen. "Die Kernkraft hat Zukunft", sagte Breyer. "Wenn Kernkraftwerke in Deutschland nicht nachgefragt werden - in der Welt werden sie es", fügte er hinzu. "wir können uns schon vorstellen, dass die heutige Orientierung der Regierung nicht auf Dauer bestand hat", sagte Breyer.

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