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21.03.2003

15:58 Uhr

Hoffnung auf Kapitulation

Kriegsstrategie auf den Kopf gestellt

Monatelang haben die US-Militärstrategen über den Kriegsplänen gebrütet. Mit gezielten Informationen versorgt analysierten, kommentierten und kritisierten ganze Heerscharen pensionierter Generäle die amerikanischen Pläne - heftigste Luftangriffe, die das irakische Regime im Mark erschüttern sollten, verbunden mit einem kurz darauf folgenden Bodenvormarsch. Doch schon Stunden nach dem ersten Raketenangriff wird klar: Der Irak-Krieg hat völlig anders begonnen als geplant.

HB/dpa WASHINGTON. Nicht nur die "Sofa-Strategen" wurden von dem frühen, aber verhaltenen Kriegsbeginn überrascht. "Der Krieg fing an und sie vergaßen, uns Bescheid zu sagen", meinte ein Pilot an Bord des Flugzeugträgers "Abraham Lincoln" im Persischen Golf.

Bis Stunden vor Kriegsbeginn am Mittwoch gab es keine Anzeichen, dass das Pentagon von seinen Plänen abweichen würde. Die massiven Luftangriffe, die "Schock- und Einschüchterungsphase" (shock and awe), wie es im Pentagon-Jargon heißt, waren für die Nacht zum Freitag, vielleicht erst Samstag, geplant, gefolgt vom Einmarsch der Bodentruppen aus Kuwait. Und dann kam alles anders.

Kriegspläne seien dazu da, umgestoßen zu werden, sagte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nach dem ersten Angriff. "Sobald die Sache losgeht, muss man die Realitäten berücksichtigen, die man vorfindet." Flexibilität sei der Schlüssel zum Sieg, meinte Generalstabschef Richard Myers.

Geheimdienstdirektor George Tenet hatte den "Kriegsrat" im Weißen Haus am Mittwoch völlig überraschend mit der Nachricht elektrisiert, er habe zuverlässige Hinweise, wo der irakische Machthaber Saddam Hussein die Nacht verbringe. Diese einmalige Gelegenheit, den Staatschef gleich mit dem ersten Schlag auszuschalten, solle man sich nicht entgehen lassen.

Bush zögerte zunächst und gab den Abschussbefehl schließlich um 1.12 Uhr MEZ, fast 50 Minuten vor Ablauf des Ultimatums an Saddam Hussein und drei Minuten vor dem Ende des Zeitrahmens, den das Militär ihm genannt hatte, um den Angriff zu eröffnen. Hastig wurde die vorbereitete Präsidentenrede aktualisiert, und Präsident Bush verkündete wenig später und unplanmäßig den Beginn des Krieges.

Stunden später wurden die Bodentruppen im Nordirak in Bewegung gesetzt, überraschend, wie Reporter berichten, die mit den Einheiten unterwegs sind. "Nichts geht jemals nach Plan", meinte Oberst Larry Brown von der 1. Marineinfanterie-Division in Nordkuwait lakonisch. Von der erwarteten massiven Bombardierungskampagne, die das irakische Militär auch vom Vormarsch der Bodentruppen ablenken sollte, war bis dahin nichts zu bemerken.

War die ganze angeblich geplante Schock-Strategie eine gezielte Falschinformation, die die Iraker auf die falsche Fährte locken sollte? Die pensionierten Generäle, die auf den US-Fernsehkanälen Dauergäste sind, glauben das nicht. "Der Feuereinsatz war bislang verhalten, weil weiter versucht wird, das irakische Militär zur Kapitulation zu bewegen", meinte General Barry McCaffrey.

Verteidigungsminister Rumsfeld bestätigte, dass die Drähte heiß laufen, auch zur Republikanischen Garde, der loyalsten Truppe Saddams. "Die Kontakte zu den irakischen Truppen laufen auf allen möglichen Ebenen, öffentlich und vertraulich. (Die Botschaft ist), sie können ehrenhaft handeln und ihre Waffen niederlegen und ihnen passiert dann nichts." Bis zuletzt halten die Amerikaner nach eigenen Angaben an der Hoffnung fest, dass das irakische Regime ohne viel Blutvergießen aus dem Weg geräumt werden könnte.

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