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06.07.2000

19:26 Uhr

Hohe Kursrisiken vor dem Börsenstart

Aktien am Grauen Markt kaufen - ein Marktsegment mit Risiken

VonKATHRIN QUANDT

Allerdings birgt dieses Marktsegment hohe Kursrisiken.

Ein Schotte in Nöten: Dem Dudelsackbläser auf der Burgzinne macht der Wind zu schaffen - ohne Unterbekleidung ist der Schottenrock doch zu luftig. Mit Suchmaschinen im Internet lässt sich da Abhilfe schaffen. Sekunden später steht der Lycos-Spürhund mit der bestellten Unterhose vor ihm. Gut, dass es Lycos gibt, seufzt der Musikant im Fernsehspot.

Die Anleger, die im vorbörslichen Handel auf Lycos Europe gesetzt haben, denken da anders. Am grauen Markt wurde die Aktie im April mit Kursen bis zu 47 Euro gehandelt - die erste Notierung am Neuen Markt lag dann bei lediglich 24 Euro - und ist seither auf Talfahrt. Dieser Markt, im Fachjargon "Handel per Erscheinen" genannt, birgt eben hohe Kursrisiken. Allerdings gehen manche vorbörslich erworbene Titel nach der Erstnotiz richtig ab. Wer die Chancen nutzen will, wendet sich an Börsenmakler, die sich auf das Segment spezialisiert haben.

Die beiden Großen im Geschäft sind die Schnigge AG aus Frankfurt und die Lang & Schwarz Wertpapierhandel AG aus Düsseldorf. In der Regel funktioniert der Handel per Erscheinen wie folgt: Sobald die Bookbuilding-Spanne (vorgegebene Preisspanne) bekannt ist, nehmen die Makler Kontakt mit Marktteilnehmern auf. Dabei handelt es sich oft um institutionelle Großanleger. Gemeinsam schätzen sie das Potenzial der Aktie ab und bilden erste Taxpreise. Wenige Minuten später trudeln die ersten Kauf- und Verkaufsaufträge der Anleger - auch der Privaten - ein. Sobald sich handelbare Preise ergeben, die Makler also Nachfrage und Angebot zusammenführen können, geht der Handel los. Die Makler kassieren 0,8 Promille des Kurswertes als Courtage; das ist in Deutschland die übliche Höhe für Aktien, die nicht im Deutschen Aktienindex vertreten sind.

"Wenn der Markt in Bezug auf einen Titel sehr optimistisch ist, liegen die Taxkurse manchmal über der Bookbuilding-Spanne", erklärt Reinhold Klumpp, Direktor der Schnigge AG. Die Makler behaupten jedenfalls, einen guten Riecher zu haben: Die ersten offiziellen Börsenkurse lägen zu 60 bis 80 Prozent innerhalb der Preisspanne des vorbörslichen Geschäfts.

Damit der Handel floriert, müssen sich genügend Anbieter der Aktien finden. Das ist nach Angaben der Makler meist kein Problem. Zu den Verkäufern zählen oft Altaktionäre. Gelegentlich sind auch ausländische Konsortialbanken beteiligt. Inländischen Konsorten ist es untersagt, am Handel per Erscheinen teilzunehmen - um Interessenkonflikte zu vermeiden. Häufig bieten institutionelle Investoren Aktien an. Wenn sie damit rechnen, eine bestimmte Quote bei der Zuteilung zu erhalten, gehen sie so genannte Leerverkäufe ein. Sie verkaufen also Titel, die sie erst zu einem späteren Zeitpunkt erhalten.

Privatanleger konnten bislang nur über Banken ihre Aufträge bei Lang & Schwarz oder Schnigge platzieren. Nun hat die Schnigge AG angekündigt, in einigen Monaten könnten Private bei ihr erstmals festgelegte Stückzahlen zu vorher bekannten Preisen selbst handeln. Kooperationspartner bei diesem Projekt sind die BHW Bank AG aus Hameln, der Online-Broker der Deutschen Bank, Brokerage 24, und die Nürnberger Entrium Direct Bankers AG. Zwar benötigen Anleger weiterhin eine Bankverbindung, wenn sie bei Schnigge handeln wollen. Sie können dann aber über die Homepage der Banken - zunächst über die der BHW - direkt auf die Web-Site des Maklers zugreifen und Aufträge abgeben. Die Anleger vermeiden damit das Risiko, dass sich die Preise geändert haben, bis die Order von der Bank an den Makler weitergegeben und ausgeführt wird.

Für Großbanken ein zu heißes Pflaster

Allerdings verweist der Konkurrent Lang & Schwarz darauf, dass Anleger bei ihm bereits seit April 1999 zu vorher garantierten Preisen im Internet handeln können, und zwar als Kunde der Direkt Anlage Bank. Dieses Haus zählt neben Brokerage 24 und der Société-Générale-Tochter Fimatex zu den neun Partnerbanken der Düsseldorfer. Alle Partner wollen den vorbörslichen Handel per Internet künftig möglich machen. Bislang bietet jedoch nur die Direkt Anlage Bank diesen Service (www.diraba.de) an; wenn sich die Anleger bei dem Institut eingeloggt haben, wählen sie das Segment "Pilothandel" - damit ist der Handel per Erscheinen gemeint.

Indessen ist den Großbanken dieses Pflaster zu heiß. Mit Verweis auf die Kursrisiken und das Problem, dass viele Fragen rechtlich nicht ausreichend geklärt seien, lehnen sie es ab, Privatanlegern diese Geschäfte zu empfehlen. Hegt jedoch ein Kunde den dringenden Wunsch, vorbörslich zu handeln, geben einige Institute nach - beispielsweise die Commerzbank oder die Hypo-Vereinsbank. In diesen Fällen verlangen die Banker allerdings oft, dass der Kunde Erfahrungen mit Termingeschäften hat - schließlich können die Aktien bei Leerverkäufen ja nicht sofort den Besitzer wechseln.

Sollen Privatanleger also im vorbörslichen Geschäft mitmischen oder nicht? Jürgen Kurz, Pressesprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V., betont zwar, grundsätzlich sei nichts gegen diesen Markt zu sagen. Die große Gefahr sieht er aber darin, dass sich viele Anleger, die dort handeln, nicht über die Risiken im Klaren seien. Dabei sollten sie nur Geld einsetzen, das sie übrig hätten, um Buchverluste aussitzen zu können. Kurz: "Der Handel per Erscheinen ist nichts für den Normalaktionär, der die Aktie als mittel- und langfristige Anlage sieht."

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