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03.01.2003

13:15 Uhr

Hohe Sturmschäden vielerorts in Europa

Wetterchaos in Deutschland

Mit zerstörerischen Orkanböen, Dauerregen und Schnee ist das Sturmtief "Calvann" über Deutschland hinweggetobt: Knapp fünf Monate nach Beginn der Jahrhunderflut schürten die Regenmassen die Angst vieler Deutscher vor einer neuen Hochwasser-Welle.

Die Räumdienste hatten - wie hier in Kiel - im Norden Deutschlands alle Hände voll zu tun. Foto: dpa

Die Räumdienste hatten - wie hier in Kiel - im Norden Deutschlands alle Hände voll zu tun. Foto: dpa

HB/dpa HAMBURG/STUTTGART/MADRID. In Dutzenden von Orten in Bayern, Baden- Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, im Saarland, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt kämpften die Menschen bereits am Freitag gegen Flüsse, die über die Ufer traten. Vielerorts galt Hochwasseralarm. Bei Verkehrsunfällen durch Bäume, die der Sturm am Donnerstagabend reihenweise umknickte, und Schneeglätte starben mehrere Menschen; viele wurden verletzt. Die Sachschäden gehen in die Millionen. Stürme und Unwetter fegten auch über andere Länder Europas hinweg.

In Sachsen spitzte sich die Hochwassersituation am Freitag bei Regenfällen und Schneeschmelze zu. Zahlreiche Straßen mussten wegen Überflutung zeitweise gesperrt werden. An der Eisenbahnstrecke Leipzig-Dresden gab es einen Dammrutsch. Die Elbe wird voraussichtlich am Samstag an der Grenze zu Tschechien in Schöna, in Dresden und in Torgau die 6-Meter-Marke überschreiten. Normal sind etwa zwei Meter. Beim Augusthochwasser hatte die Elbe in Dresden die Rekordhöhe von 9,40 Meter erreicht.

Bei der Vorhersage für die Elbe beriefen sich die Behörden auf die Situation in Tschechien, wo von eine Hochwasserwelle anrollte. Entlang der Moldau in Südböhmen wurde am Freitag die höchste Stufe der Hochwasserwarnung ausgerufen.

In Sachsen-Anhalt wurde nach dem Überschreiten der Hochwasser- Alarmstufe vier im Fluss Unstrut bei Memleben ein Deich geöffnet. Damit sollte der Fluss entlastet werden, sagte der Leiter des Krisenstabes für den Burgenlandkreis. Auch in Thüringen sowie in Westdeutschland an der Mosel und am Main herrschte Alarmstimmung.

An Rhein und Ruhr haben die Niederschläge zu einem drastischen Anstieg der Flüsse geführt. Die Rheinschifffahrt wurde am Freitagmittag von Köln bis Koblenz wegen hoher Pegelstände eingestellt. Die Stadt Bonn schloss nach Angaben eines Sprechers nicht aus, dass die Pegel ähnliche Werte erreichen könnten wie beim Jahrhunderthochwasser 1995.

"Das Wasser steigt stündlich um sieben Zentimeter, und wir erwarten für Samstagmorgen einen Pegelstand von 9,80 Meter", sagte Yvonne Wieczorrek von der Hochwasserschutzzentrale Köln. Die Kölner Altstadt sei bis zu einem Stand von zehn Metern sicher. Danach drohe eine Überflutung. In Hessen waren viele Flüsse und Bäche schon über die Ufer getreten.

Besonders dramatisch war die Wetter-Situation in der Nacht zu Freitag im Südwesten. Dort fegte der Sturm mit Geschwindigkeiten bis fast 200 Kilometern pro Stunde über das Land. Im baden- württembergischen Calw starb am Donnerstagabend nach Polizeiangaben ein 13 Jahre alter Junge, als bei schweren Orkanböen eine Tanne auf das Auto seines Vaters kippte. Der 55 Jahre alte Fahrer wurde lebensgefährlich verletzt. Im Schwarzwald legte der Wintersturm den Verkehr teilweise lahm. Bei Baiersbronn entgleiste der Triebwagen eines Nahverkehrszuges. Auch in der Westpfalz in Lemberg und Pirmasens gab es Schwerverletzte durch entwurzelte Bäume.

Im bayerischen Wiesau rammte ein Nahverkehrszug einen umgestürzten Baum. Die neun Insassen blieben unverletzt, am Zug entstand Totalschaden. In München stürzten zwei Festival-Zelte ein. Schaden: 1,5 Mill. ?. Die Hochwasserlage war in Bayern ebenfalls sehr angespannt. In Coburg war die Innenstadt am Morgen überschwemmt, berichtete ein Polizeisprecher. "Teilweise steht in den Straßen bis zu einem Meter das Wasser", sagte ein Sprecher der Stadt.

Am Freitag hatte sich der Sturm im Süden abgeschwächt. In Baden- Württemberg konnten viele Straßen, die wegen des Orkans gesperrt gewesen waren, wieder befahren werden.

In Rheinland-Pfalz wurde ein 71 Jahre alter Mann seit Freitagmorgen im Hochwasser der Sauer bei Echternacherbrück vermisst. Ein Zeuge hatte laut Polizei berichtet, er habe ein Auto in der Sauer treiben sehen, in dem ein Mann um Hilfe rief.

In Schleswig-Holstein, Hamburg, Berlin und Brandenburg dagegen kamen die Autofahrer bei Schnee am Freitagmorgen heftig ins Rutschen. Wegen teilweise extremer Glätte gab es zahlreiche Autounfälle.

Winterstürme in Orkanstärke lähmten auch in der Schweiz am Donnerstagabend den Verkehr. Umstürzende Bäume stoppten den Strom. In Österreich warfen Ausläufer eines Föhnsturms Bäume um. Bahnstrecken waren zeitweise unpassierbar. In Frankreich verursachten die Orkanböen und Regenfälle im Osten, aber auch im Norden und in den Alpen Schäden. Mindestens ein Mensch starb. In Polen herrschte Eis- Chaos.

Heftige Unwetter haben auch im Norden Portugals und Spaniens Überschwemmungen ausgelöst und schwere Schäden verursacht. In Armamar östlich von Porto rissen die Wassermassen ein etwa 50 Meter langes Stück einer Nationalstraße fort. Besonders betroffen war die Gegend um das Weinbaustädtchen Régua, wo Straßen und Keller unter Wasser standen. Auf spanischer Seite führte ein Erdrutsch bei León zur Entgleisung eines Zuges mit fast 500 Passagieren. Es wurde aber niemand verletzt.

Auch in Belgien hat der Regen Flüsse über die Ufer treten lassen. Nach Angaben der Behörden waren besonders die südlichen Provinzen Namur und Luxemburg betroffen. In England zeichnete sich am Freitag bei besserem Wetter eine leichte Entspannung der Hochwasserlage ab.

Nach den Prognosen des Deutsche Wetterdienstes sollen die Wetterturbulenzen allerdings bald ein Ende haben. Es kündige sich kaltes Winterwetter an.

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