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17.01.2003

08:47 Uhr

Hoher Risikoabschlag schützt den Dax

Irak-Krieg steckt schon in den Kursen

VonUlf Sommer

Jede neue Aussage zum Irak erschüttert die Börsen. Die Märkte pendeln ohne eine klare Richtung. Gestern Abend sorgten leere Sprengköpfe für Chemiewaffen, die Uno-Inspektoren im Irak fanden, für Unsicherheiten. Erst wenn diese beseitigt sind, haben die Börsen nach Meinung der Experten wieder Potenzial - dann aber auch viel.

DÜSSELDORF. Selbst die Flut an Quartalszahlen vermag an den Börsen den drohenden Irak-Krieg nicht in den Hintergrund zu rücken. Da niemand weiß, ob und wann es zu einer Auseinandersetzung kommt und welchen Verlauf diese nimmt, schaukeln die Kurse kräftig auf und ab: Tagesschwankungen von mehr als 5 % im Deutschen Aktienindex (Dax) sind zur Regel geworden. Erhöht sich die Kriegsgefahr nach Meinung der Investoren, verkaufen diese Aktien und flüchten in Gold und Staatsanleihen. Händler und Analysten taxieren den Risikoabschlag beim Dax je nach Meldungslage aus Washington und Bagdad auf 15 bis über 30 Prozent.

Die meisten Experten setzen auf das Szenario, wonach der Krieg kommt, die Aktienmärkte künftig aber besser laufen. Die Argumentation: Derzeit lähmt Ungewissheit die Kauflust. Rasche Kriegserfolge der USA lösen aber nach herrschender Meinung eine intensive, allerdings kurze Rally aus. "Investoren haben das ,Krieg-kommt-Szenario? eingepreist", sagt ING-BHF Bank-Stratege - Kai Franke. "Auch wenn die Kriegsgefahr wächst, sollte der Dax nicht mehr deutlich unter 3 000 Punkte fallen. Der Markt holt Rückschläge rasch wieder auf, und die Markt-Mehrheit rechnet ohnehin mit einem Militärschlag", sieht Franke keine größeren Kursrückgänge mehr.

"Die Schaukelbörse aus den vergangenen Wochen setzt sich fort", meint auch Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin. Sie rechnet mit einer Seitwärtsbewegung, solange der Krieg nicht ausbricht, aber als Option wahrscheinlich bleibt.

Stellt sich anschließend die erwartete militärische Überlegenheit der USA rasch ein, seien die Märkte für eine "Entspannungsrally" von 20 % oder sogar 30 % reif, glauben Franke und der ehemalige Europa-Portfoliomanager von ABN Amro, Anko Beldsnijder. Grund für den Optimismus ist die Annahme, dass Ängste vor einem langen Krieg und einer Rezession der Hoffnung auf einen Aufschwung weichen werden, sobald sich ein Ende des Auseinandersetzung abzeichnet. Volkswirte und Analysten erwarten, dass der Ölpreis dann auf rund 20 $ fällt.

"Bei einem raschen Krieg, womit wir rechnen, hat der Dax Luft bis zu seiner fairen Bewertung bei 4 000 Punkten" meint Traud. Diese Marke erreiche der Index auch - "aber noch etwas schneller" -, wenn ein Krieg ganz verhindert werde. Franke sieht bei diesem Szenario sogar Potenzial bis 4 300 Punkte. Gegenüber dem derzeitigen Niveau wäre das ein Plus von 40 %.

Ähnlich wie beim Golfkrieg Anfang der neunziger Jahre rechnen die Marktteilnehmer mit einem raschen Kriegsende. Kommt es dazu, dürften die Märkte weltweit zu einer Rally ansetzen. Merrill-Lynch-Stratege Michael Sauerborn sieht den amerikanischen S&P-500-Index um 20 % höher: "Vier Billionen Dollar liegen in Geldmarktfonds und auf Sparkonten. Das ist soviel wie noch nie." Sauerborn rechnet damit, dass zumindest Teile davon in Aktien wandern, sobald die politischen Risiken abnehmen. "Investoren sind nicht darauf vorbereitet, wenn Saddam Hussein schnell abtritt. Dann werden die Börsen einige Monate hervorragend laufen und die Pessimisten auf den falschen Fuß erwischt", sagt David Abramson von BCA Research.

Auf der anderen Seite müssen sich Investoren mit pessimistischen Gedankenspielen auseinandersetzen. Dazu gehören mögliche Terrorangriffe in der westlichen Welt, mit denen der Irak bei einem Krieg antworten könnte. "Dann dürften die Kurse sofort wieder um 20 % bis 30 % und auf das Niveau zurückfallen, das sie vor der Entspannungsrally hatten", sagt Franke.

Noch düsterer sieht es aus, wenn sich der Krieg über viele Monate, oder gar Jahre mit Verlusten auf beiden Seiten hinzieht. Marktbeobachter rechnen dann mit einem Ölpreis von 40 $ und mehr (aktuell 32 $). Die ohnehin durch Strukturprobleme geschwächte Weltwirtschaft könnte in eine Rezession und Deflation abdriften - nicht zuletzt weil Verbraucher Käufe zurückstellen. Rajeev Dhawan, Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts der Georgia State University sieht durch einen Irak-Krieg sogar das Konjunkturprogramm zur Ankurbelung der US-Wirtschaft gefährdet. Das ganze Paket verliere an Wirkung, wenn die Unternehmer aus Furcht vor einem Krieg Investitionen zurückschraubten und die Verbraucher aus demselben Grund nicht konsumierten.

Für die Börsen ist in dem Fall die Richtung vorgegeben. "Am Aktienmarkt bleibt dann ordentlich Platz nach unten. Die alten Tiefs von Oktober werden unterschritten", ist Traud überzeugt. Im Herbst vergangenen Jahres war der Dax bis auf 2 519 Punkte gefallen. Diese Marke dürfte kaum halten, wenn bei einem langen Krieg auch der große S&P-500 in den USA kräftig einbricht: Merrill-Lynch-Experte Sauerborn rechnet im schlimmsten Szenario mit einem Minus von 20 %.

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