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01.02.2010

08:00 Uhr

Hummlers Aussicht

Das süße Gift der Rettung und Verschuldung

VonKonrad Hummler (Privatbank Wegelin & Co)

Banken müssen sich darauf einstellen, pleite gehen zu können. Bei Liquiditätsnöten sollen Notenbanken helfen, aber nicht bei Kapitalnöten. Alles andere verzerrt den Wettbewerb und bläht die Verschuldung der Banken auf.

Bei aller Diskussion über die Finanzkrise scheint der Kern des Problems noch längst nicht von allen erkannt zu sein. Die Vorschläge von US-Präsident Obama, denen unverkennbar der Sachverstand des greisen und weisen Paul Volcker zu Gevatter stand, weisen in die richtige Richtung. Die Reform wird mit Sicherheit ein schwerwiegender Eingriff ins System, weil es sich um die Korrektur der unbedachten Spätfolge einer gut gemeinten Idee handelt.

Die Erfahrungen der 1930er-Jahre legten nahe, dass es zur Verhinderung eines Kollapses illiquid gewordener Bankinstitute eines ultimativen Gläubigers braucht, der nach vorgegebenen Regeln illiquide Aktiva gegen Barmittel tauscht und so dem Zusammenbruch einer oder mehrerer Banken zuvorkommt. Die Idee des „lender of last resort“ ist weitestgehend unbestritten, soweit sie lediglich die Illiquidität betrifft. Liquidität ist für ein Bankinstitut eine nur teilweise steuerbare Größe; eine ultimative Liquiditätsquelle ist im Extremfall sinnvoll. Die Übernahme der Funktion des ultimativen Gläubigers durch die Notenbank war und ist sachgerecht, denn Notenbanken allein sind in der Lage, unbeschränkt flüssige Mittel zu schaffen. Doch die gut gemeinte Idee uferte im Laufe der Zeit aus.

Der Systemkollaps als Folge von Bankenzusammenbrüchen wurde von Aufsicht und Beaufsichtigten immer mehr zum Schreckgespenst; die Grenzen zwischen Illiquidität und Pleite infolge von Überschuldung verwischten. Aus der Idee der Überbrückung von Liquiditätsproblemen wurde gegen Ende des 20. Jahrhunderts das Konzept des „too big to fail“: Systemrelevante Banken dürften nie untergehen, ja, selbst der Gedanke an einen solchen Fall sollte verpönt sein. Den zum Kreis der systemrelevanten Banken gehörenden Instituten kam das sehr zupass, denn eine solche unlimitierte Versicherung führte zu dauerhaft rekordtiefen Risikoprämien bei der Aufnahme finanzieller Mittel.

Im Verlauf der langen Amtszeit des US-Notenbank-Gouverneurs Alan Greenspan verstärkte sich dies, indem jegliche äußere oder innere Störung des Systems durch geldpolitische Maßnahmen aufgefangen wurde. Nachdem sozusagen jedermann an die Persistenz einer solchen Geldpolitik glaubte, bauten die großen Finanzkonglomerate zwischen 2002 und 2007 mittels kostengünstigen Gelds ihr durch mehr und mehr Eigenhandel geprägtes Bilanzgeschäft auf. In der Finanzkrise ab Mitte 2007 wurde aus der bisher impliziten Staatsgarantie eine weitgehend explizite.

Was war, was ist das Problem? Banken sind aufgrund ihrer Struktur und Tätigkeit in der Lage, Geld zu schöpfen. Insoweit, als dies mittels Krediten der Wirtschaft zur Verfügung gestellt wird, um sie produktiver zu machen, handelt es sich bei diesem Prozess um eine unabdingbare Funktion des Bankwesens. Und insoweit, als dem dadurch erzeugten Verschuldungsanstieg durch Eigenmittelanforderungen vernünftige Grenzen gesetzt werden, müssten sich von selbst Gleichgewichte einstellen. Das war im Vorfeld der Krise aber offenkundig nicht der Fall. Die Verschuldung wurde eindeutig zu groß. Immer mehr fixen Verpflichtungen standen immer weniger Projekte mit produktivem Inhalt gegenüber. Verschuldung wirkt wie süßes Gift: angenehm bei der Einnahme, unter Umständen tödlich in seiner Konsequenz. Die Entwöhnung vom süßen Gift wird schmerzlich sein. Ob Obama, Volcker & Co. erfolgreich sein werden, steht noch in den Sternen. Weshalb? Weil die Überschuldung mittlerweile beim Staat gelandet ist, dort seit je eine ebenso süße Verführung war und nun zum letalen Problem zu werden droht. Griechenland könnte nur der Anfang sein.

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