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04.01.2010

06:00 Uhr

Hummlers Aussicht

Mein Wunsch fürs neue Jahr: ein Normalszenario

VonKonrad Hummler (Teilhaber der Schweizer Privatbank Wegelin & Co)

An den wirtschaftlichen Strukturen hat sich durch die Finanzkrise erstaunlich wenig geändert. Das kann für die konjunkturelle Entwicklung eine Chance sein und helfen, dass der Kurs einer sanften Erholung 2010 anhält.

Es steht außer Frage, dass die Finanzkrise nicht nur einer Implosion des auf Überschuldung und Hyperaktivismus beruhenden Bankensystems gleichkam, sondern dass die lange Dauer völlig problemloser Finanzierungsverhältnisse auch auf der realen Seite Verzerrungen geschaffen hat, die in der weltweiten Rezession nun korrigiert werden.

Am augenfälligsten wird dieses Phänomen am Beispiel von Dubai. Dort sind die Folgen zu tiefer Schwellen für die Finanzierung von Projekten offensichtlich. Wer in aller Welt sollte denn an einem Ort, an dem man sich während höchstens sechs Monaten im Freien aufhalten kann und in dem buchstäblich alles künstlich angelegt ist, die Tausenden von Büros, Hotelsuiten, Penthouses bevölkern und dafür Unsummen hinblättern? Leerstände waren programmiert! Mit Kredit, sagt man, gewinnt man Zeit. Mit zu viel Kredit entstehen in zu kurzer Zeit zu viele unüberlegte Projekte. Das war im amerikanischen Immobilienbereich so, das war in Dubai so, und das ist so in den Bilanzen verschiedener, vor allem europäischer Banken, die mit Dubai-Risiken vollgestopft waren.

Die Finanzkrise war Anlass, dass übermäßige Luft aus der Weltwirtschaft entweicht, und weil solches schlagartig erfolgt, war und ist auch eine größere Anzahl von Kollateralschäden unvermeidlich. Im Großen und Ganzen aber ändert sich am Grundgefüge der Wirtschaft wenig, was bedeutet, dass ab 2010, auf tieferem Niveau zwar, unvermindert weitergearbeitet werden kann. Der konjunkturelle Verlauf würde also einem schräggestellten „L“ gleichen: scharfer Abbruch, sanfte Erholung.

Auch die Rollen zwischen den einzelnen Wirtschaftsblöcken verändern sich nur unmerklich. Zwar wird in der Tendenz der amerikanische Konsument weniger wichtig, ist aber als Bezieher von Waren aus Fernost nach wie vor die dominante Kraft. Das zeigt sich nicht zuletzt an den immer noch deutlichen Handelsbilanzüberschüssen der asiatischen Länder gegenüber den USA. Europa wird seine lukrativen Aktivitäten im Export von Investitionsgütern wieder aufnehmen können. Jede in diesem Bereich tätige Unternehmung, die mit Kosteneinsparungen ihre Produktivität gesteigert hat, kann auf tieferem Umsatzniveau weiterexistieren; die Margen ziehen nach geraumer Zeit infolge erhöhter Nachfrage wieder an. Insofern erscheinen die in den Aktienkursen vorweggenommenen Gewinnprojektionen nicht unrealistisch.

Für inflationären Druck reicht die Wirtschaftsentwicklung auf diesem tieferen Umsatzniveau nicht aus. Im Gegenteil, auf der Welt sind nach wie vor riesige Überkapazitäten vorhanden, die jedem ernsthaften Preisdruck nach oben vorzeitig ein Ende bereiten. Das bedeutet, dass die Notenbanken die Zinsen weiterhin tief halten können. Das Ende des „quantitative easing“, der extremen Liquiditätsversorgung des Systems, liegt in ziemlicher Ferne. Und da alle wesentlichen Notenbanken mehr oder weniger dieselbe Politik verfolgen, gibt es auch keine schlagartigen Verschiebungen im Währungsgefüge. Das Bankensystem profitiert in hohem Maße von dieser Geldpolitik. Finanzkonglomerate können sich zum Nulltarif verschulden und unter Eingehen von Kleinstrisiken mühelos satten Ertrag erwirtschaften. Wer noch aufzuräumen hat, kann dies in Ruhe tun, alle anderen kehren wieder zur gehabten Frivolität von übertriebenen Boni und politischer Arroganz zurück.

Keine Frage: Bei diesem „Normalszenario“ handelt es sich um eine Fortschreibung der Entwicklung von 2009 in eine etwas bessere Zukunft hinein.

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